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Sri Lanka - Aufbruch und Aussöhnung - ein schwieriger Weg in die Zukunft   

ite – Die Eine-Welt-Zeitschrift – weltoffen – franziskanisch – engagiert

Liebe Leserinnen und Leser,

Zu den Tamilen haben die Schweizer Kapuziner eine besondere Beziehung. Nicht nur arbeiten mehrere ehemalige tamilische Flüchtlinge in den Klöstern von Olten und Wesemlin. Die Kapuziner und ihre Gönner haben schon immer grosszügig Hilfs- und Aufbauprojekte in Sri Lanka unterstützt. Zu erwähnen sei etwa die Nothilfe nach dem Tsunami 2004 oder die Aufbauhilfe nach Ende des Bürgerkriegs 2009.

Letzten Sommer konnte ich mit einer ite-Leserreise dieses Land kennenlernen. Es hat sich viel verändert seit meiner vorletzten Reise nach Sri Lanka Mitte der 90er-Jahre, als der Bürgerkrieg zwischen den Tamil Tigers und der Regierung Sri Lankas wütete: In Colombo wachsen heute die Wolkenkratzer in den Himmel. Rund um die pulsierende Hauptstadt entstehen erste Autobahnen. Und man kann auch problemlos auf komfortablen Strassen in den Norden fahren und nicht nur bis Anuradhapura südlich der damaligen Demarkationslinie. Das Militär ist kaum mehr sichtbar in der Öffentlichkeit.

Seit neun Jahren herrscht – nach der totalen Niederlage der Tamil Tigers – nun «Friede» im ehemaligen Ceylon. Es sei doch alles in Butter, betonte unser singhalesischer Reiseführer immer wieder: Mit dem neuen Präsidenten Maithripala Sirisena sei eine Zeit der Prosperität angebrochen. Es herrsche Harmonie, Gerechtigkeit und Frieden zwischen den Ethnien und Religionen.

Um 180 Grad gedreht sehen viele Vertreter der tamilischen Minderheit heute die Situation –  und ich habe mit einigen von ihnen geredet; mit Priestern, Vertretern von Bistümern, Politikern, einfachen Arbeitern. Alle sprechen von stillen Benachteiligungen, von Unterdrückung und der Schmach, den Kampf um Gleichheit und Gerechtigkeit für immer verloren zu haben gegen das Mehrheitsvolk der Singalesen.

Stellvertretend für viele zitiere ich eine Aussage eines tamilischen Priesters der Diözese Mannar: «Das Böse des Krieges existiert noch immer. Unser Volk leidet weiter, ökonomisch, politisch und sozial. Die Tamilen haben keine Stimme mehr. Und ich fühle mich verantwortlich, ihre Stimme zu sein.»

Wer länger in Sri Lanka weilt, spürt bei vielen Gesprächen Zurückhaltung, diplomatische Wortwahl und Vorsicht. Was mir aber besonders auffiel (siehe Zitat oben) war der Mut der katholischen tamilischen Priester, zu ihrer Meinung zu stehen. Mit ihren pointierten Aussagen zeigen sie, dass in diesem aufstrebenden südostasiatischen Staat noch lange nicht alles zum Besten bestellt ist. Dass noch vieles getan werden muss, um die Wunden des Krieges zu heilen und allen Bevölkerungsgruppen eine gleichberechtigte Teilhabe an der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung zu ermöglichen.

Ihr Beat Baumgartner