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Eine Kirche ohne Frauen?   

– unvorstellbar Umfrage bei einigen Bistümern

Dass Frauen für das Leben unserer Kirche unverzichtbar sind, ist eigentlich eine Binsenwahrheit. An der Basis, in den Pfarreien, ist das schon lange so. Doch wie sieht es in Leitungsgremien von Bistümern aus? Wir haben nachgefragt und von (fast) allen bischöflichen Informationsstellen eine Antwort erhalten.

Kirche mit den Frauen | © Adrian Müller
Frauen sind gefragt | © Adrian Müller

Beginnen wir mit dem kleinen aber feinen Bistum Lugano. Denn seine Informationsbeauftragte Chiara Gerosa war die erste, die uns antwortete. «In den letzten Jahrzehnten hat sich bei uns vieles geändert, zahlreiche Stellen sind heute auch für Laien, nicht nur Priester, offen und so haben, quasi auf natürliche Art und Weise, Frauen sowohl in den Pfarreien wie im Bistum Verantwortung übernommen», betont Chiara Gerosa. In den Pfarreien sei das auch wegen des Rückgangs der Priester passiert sowie als Folge des gewährten Stimmrechts für Frauen. Die Frauen seien heute, sagt Chiara Gerosa, überall in der Tessiner Kirche sehr präsent. «Es gibt Pfarreiratspräsidentinnen, Religionslehrerinnen und Frauen in leitenden Funktionen in verschiedenen Pfarreien, insbesondere auch in kleineren.»

«Frauen haben einen anderen Zugang…»

Auch beim Personal der Bistumsleitung sei die wichtige Präsenz der Frauen unübersehbar, z.B. in der Verwaltung, der Kanzlei, bei der Informationsabteilung oder bei den kirchlichen Organen. So ist etwa der Direktor des Giornale del Popolo (Die Diözese Lugano ist Mehrheitsaktionär dieser Tageszeitung, die Red.) eine Frau, dasselbe gilt für ComEc, dem katholischen Medienzentrum. Für Chiara Gerosa ist es gut vorstellbar, dass in Zukunft Frauen noch weitere verantwortungsvolle Aufgaben in der Bistumsleitung wahrnehmen.»


Luisa Bucher, Leiterin der bischöflichen Verwaltung von Lugano:

«Ich fühle mich wohl in meiner Tätigkeit, weil meine Arbeit von der Bistumsleitung sehr anerkannt ist und geschätzt wird. Als Frau werde ich genau gleich wie alle anderen behandelt. Bei uns zählen die Kompetenzen einer Person, nicht die Frage: Frau oder Mann?»


Für das Bistum Sitten nimmt sich der bischöfliche Kanzler Stéphane Vergère Zeit, unsere Fragen zu beantworten. Er weist gleich einleitend darauf hin, dass die Frauen in der administrativen Leitung wie in den verschiedenen Sekretariaten des Bistums nicht präsent sind. Hingegen seien sie stark vertreten in den diözesanen Leitungsgremien verschiedener seelsorglicher Dienste wie Katechese, Familienpastoral, bischöfliche Liturgiekommission usw. Zahlreich seien die Frauen auch, die sich in den Pfarreien für die Katechese, die Begleitung der Kinder zu den Sakramenten, die Belebung der Gottesdienste und andere seelsorgliche Bereiche engagieren.

Frauen haben Sensibilität und ein offenes Ohr

«Obwohl wir zurzeit in den bischöflichen Leitungsgremien keine Frau haben, hindert uns das nicht daran, dass die Welt und die Stimme der Frau die volle Aufmerksamkeit des Bischofs und seines Beirats hat», betont Stéphane Vergère weiter. Für ihn nehmen die Frauen vor allem auf Pfarreiebene einen sehr wichtigen Platz ein. Sie stünden zwar nicht hinter dem Altar. Aber sie seien sehr engagiert in der Glaubensvermittlung und in der Begleitung von Kindern und Jugendlichen zu den Sakramenten und in der Jugendarbeit. Oft sind sie auch Vorbeterinnen in der Gemeinde. «Sie schenken ihrem unmittelbaren Umfeld ihre Sensibilität und ihr offenes Ohr.»

Stéphane Vergère kann sich gut vorstellen, dass in Zukunft Frauen auch im Bischofsrat von Sitten Einsitz nehmen. «Wir müssen aufmerksam bleiben, falls sich uns zu gegebener Zeit diese Möglichkeiten bieten.»

Frauen sind gefragt

«Mit Ausnahme der Weiheämter sind Frauen bei uns in allen Funktionen und auf sämtlichen Verantwortungsebenen tätig – von der Gemeindeleitung bis zur Bistumsleitung», betont der Kommunikationsverantwortliche des Bistums Basel, Hansruedi Huber. Wie in der übrigen Gesellschaft seien auch in der Basler Kirche Frauen auf allen Verantwortungsebenen gefragt.

In der Bistumsleitung selber arbeiten gegenwärtig vier Frauen. Hansruedi Huber ist kein Mann der langen Reden. Auf die Frage, ob er sich Frauen als Diakoninnen oder Priesterinnen vorstellen könnte, meint er kurz und bündig: «Ist vorstellbar, liegt aber nicht in unserer Entscheidungskompenz.»


Barbara Kückelmann, Theologin und Pastoralverantwortliche beim Bistum Basel:

«Ich habe es immer als herausfordernd erlebt, mich in einem Feld zu bewegen, das über Jahrhunderte männerdominiert war. Das prägt. Bis heute. Trotzdem habe ich grosse gestalterische Freiräume, kann vieles aushecken, aufbauen, in mir entfalten, werde unterstützt von Vorgesetzten und Leuten an der sogenannten Basis. Ich kann meine Stimme erheben, mir wird zugehört.

Und ich musste erleben, dass im Fall der Fälle doch ein Priester vorgezogen wird, seine Stimme mehr zählt, unabhängig von Qualifikation, dass ich zwar Leitungsfunktionen übernehmen kann, ich dafür eine bischöfliche Missio erhalte, die Institution mich also stützt – und gleichzeitig war diese Leitung jeweils «ausserordentlich», also eigentlich doch nicht so ganz, wie sie sein soll.

Am bittersten erlebe ich die Entsolidarisierung durch Männer, die sich zum Diakon weihen lassen. Herausfordernd und spannend bis heute – mich zu bewegen zwischen Festgefahrenem und unflexiblen Strukturen, zwischen Aufbrüchen und ehrlichem Suchen. Zusammen mit inspirierenden Menschen innerhalb und ausserhalb der Kirche.»


Selbst Teamkoordinatorinnen

Die Kirche im Bistum St. Gallen lebt stark vom Engagement zahlreicher haupt- wie ehrenamtlich tätiger Frauen. So könnte man die Aussagen von Sabine Rüthemann, der diözesanen Kommunikationsbeauftragten zusammenfassen. Pastoralassistentinnen, in einigen Fällen Katechetinnen, sind als Pfarreibeauftragte oder Teamkoordinatorinnen in den Seelsorgeeinheiten tätig und sie leiten Fachstellen. In der «Bistumszentrale» sind mehrere Frauen mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut.

Leider, so Sabine Rüthemann, gibt es zurzeit keine Frauen im Ordinariatsrat. Sabine Rüthemann wünscht sich, «dass es künftig mehr Frauen im kirchlichen Bereich gibt, die sich für Kaderstellen bewerben. Ebenso bin ich froh über alle Frauen, die an den theologischen Fakultäten lehren».

Teamgeist ist gefragt

Noch einen Punkt erachtet die Kommunikationsbeauftragte des Bistums St. Gallen als zentral, nämlich den Aspekt der Teamarbeit: «Die Teamarbeit mit Frauen und Männern in den verschiedensten Diensten hat in den heutigen Seelsorgestrukturen enorm an Bedeutung gewonnen. Die Stimmen der Frauen fliessen in unserer Bistumszentrale durchaus in Entscheidungsprozesse ein. Im ehrenamtlichen Bereich tragen Frauen das kirchliche Leben ganz entscheidend mit!» – Sabine Rüthemann verweist, wenn man sie auf Priesterinnen und Diakoninnen anspricht, auf die «Weltkirche»: «Frauen als Diakoninnen – davon spricht auch der Papst – wie als Priesterinnen sind insbesondere in unserem gesellschaftlichen Umfeld vorstellbar, aber das liegt nicht in unserer Entscheidungskompetenz.»


Sabine Rüthemann, Kommunikationsbeauftragte des Bistums St. Gallen:

«Ich fühle mich wohl in meiner Arbeit, weil meine Fähigkeiten geschätzt werden und ich viel Gestaltungsfreiraum habe, um Projekte im Kommunikationsbereich einzubringen. Die Zusammenarbeit mit meinem Vorgesetzten, Bischof Markus Büchel, wie mit den anderen Mitarbeitenden im Haus ist sehr erfreulich.»


Frauen in der Mehrheit

«Ich fühle mich total anerkannt und ernst genommen in meiner Arbeit,» meint Laure-Christine Grandjean, die Kommunikationsverantwortliche des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg. Sie schätzt, dass zurzeit ungefähr 70 Prozent aller Angestellten in der katholischen Kirche ihres Bistums Frauen sind. Am Bischofssitz in Freiburg selber sind es rund die Hälfte aller Angestellten. Im Bischofsrat selber sitzt neben den Bischofsvikaren und dem Generalvikar eine Frau als Verantwortliche für Seelsorgeplanung. Für Laure-Christine Grandjean ist entscheidend, dass Frauen und Männer in ihrem Bistum auf allen Ebenen, ob in den Pfarreien oder auf Bistumsebene, eng zusammenarbeiten und sich gegenseitig in den verschiedenen Gremien und Teams ergänzen.

«Unser Bischof vertritt die Überzeugung, dass ein Amt mit Verantwortung auch von einer Frau eingenommen werden kann, aber nicht nur gemäss dem Motto: 'Eine Frau ernennen, damit es eine Frau ist'.» Zentral sei primär die Kompetenz der ernannten Person.

Leider hat auch auf mehrmaliges Nachfragen der Informationsbeauftragte des Bistums Chur auf unsere Anfrage nicht geantwortet.

Beat Baumgartner