ite/frères en marche

Nr. 1, 2000/1

Franziskanische Gemeinschaft FG

Der weltliche Orden des heiligen Franz   

Eine christliche Gesellschaft

Der Dritte Orden des heiligen Franziskus von Assisi war in seinen Anfängen eine subversive Kraft. Seine Mitglieder verweigerten den Militärdienst. Sie distanzierten sich von einer ungerechten Gesellschaft, in der nur das Geld regierte.

Nach dem letzten Weltkrieg trat Walter Dirks, der berühmte Publizist, mit einer kühnen These an die Öffentlichkeit. Er behauptete, die eigentliche Sendung des heiligen Franz von Assisi wäre nicht so sehr im Ersten Orden (Franziskaner, Minoriten, Kapuziner) greifbar, sondern vielmehr in seinem Dritten Orden. Dieser wird heute Franziskanische (Laien)Gemeinschaft/FG genannt.

Politik und Wirtschaft

Aufgabe der FG wäre es nach Dirks gewesen, die christliche Gesellschaft zu begründen.

  • Eine christliche Politik: Nur Frauen und Männer, die den Geist des heiligen Franz in sich trügen, könnten richtig mit Macht umgehen. Nur sie könnten Entscheidungen treffen, die selbstlos das Allgemeinwohl fördern. Nur sie könnten die Gesellschaft so organisieren, dass eine Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern entstünde. Und sie allein könnten die Konflikte gewaltlos lösen, ohne auf Armeen und Eingriffstruppen bauen zu müssen.
  • Eine christliche Wirtschaft: Nur Frauen und Männer, die den Geist des heiligen Franz in sich trügen, könnten selbstlos mit Geld umgehen. Nur sie könnten eine Wirtschaft gestalten, die nicht auf Ausbeutung und Anhäufung aus ist, sondern auf die Befriedigung der wahren Bedürfnisse des Menschen. Nur sie könnten so haushalten, dass die Güter der Welt gerecht verteilt würden. Und nur sie wären imstande, das Geheimnis des Lebens zu achten und die Ökologie als grössere Schwester der Ökonomie zu respektieren.

Walter Dirks hat damals seine These nicht mit genau diesen Worten ausgedrückt. Aber ich denke, dass er sie heute so formulieren würde.

«Weltlich» wird «göttlich»

Ich selbst bin überzeugt, dass Walter Dirks richtig sieht. Denn, wenn wir die Schriften des Franziskus von heute aus rückblickend lesen, drängt es uns, so zu reden.
Für Franziskus war Weihnachten das «Fest der Feste». Mit der Menschwerdung in Jesus hat sich Gott in die Welt sozusagen «eingefleischt». Die Welt wird von ihrer Gottlosigkeit befreit, indem Gott selbst ein «Erdling» wird, ein Mensch, zu dessen Wesen es gehört, von der Erde genommen zu sein. Wenn Gott aber eingeht in die Erde, dann ist jedes Stück Erde ein heiliger Ort. Aus «weltlich» muss und kann «göttlich» werden. Das Kleinste ist gross, und alles ist heilig. In seinem Brief an die Gläubigen betraut Franziskus seinen Dritten Orden mit der Aufgabe, Zeugen der Menschwerdung Gottes und Träger einer neuen gesellschaftlichen Kraft zu sein, die dieses Geheimnis zum Mittelpunkt macht.

«Büsser von Assisi»

Freilich hat man zur Zeit des heiligen Franz noch nicht durchgehend diese Sprache gesprochen. Man sprach von «Busse». Darum war der erste Name, den sich die Brüder des heiligen Franz gaben, «Büsser von Assisi». Der erste Name, den der Dritte Orden trug, war «Orden von der Busse». Das hat damit zu tun, dass man sich wie die Büsserin Maria von Magdala ganz und gar unter das Kreuz stellte und es umarmte. Man wollte nichts anderes mehr kennen als Jesus Christus und diesen als Gekreuzigten. Zudem wusste man sich in einer langen Tradition verwurzelt. In den ersten Jahrhunderten gab es einen offiziellen Stand der Büsser. Durch Mord, Meineid, Gotteslästerung und Ehebruch wurde – das war allgemein akzeptierte Meinung der Kirche – das Zusammenleben so grundlegend gestört, dass die Menschen, die so schuldig geworden sind, erst nach längerer Zeit der Busse wieder in die kirchliche Gemeinschaft aufgenommen wurden. Als dann dieser Bussstand durch die Einführung der Privatbeichte ausser Übung kam, fühlten sich besonders eifrige Christen verpflichtet, freiwillig und stellvertretend diese Busse zu leben und in der Öffentlichkeit das Zeugnis Maria von Magdalas lebendig zu erhalten. Franziskus und Klara und auch der «Orden der Busse» lebten aus dieser Haltung heraus.

Franziskus

Der prominenteste Vertreter des Bussgedankens war Franz von Assisi. Er hat ihn so sehr erfasst und begriffen, dass er seinerseits wieder prägend wurde. Er beeinflusste die Bewegung vor allem mit folgenden Gedanken:

  • Das Evangelium leben, sonst nichts: froh gemacht und frei geworden durch die Begegnung mit Jesus, dem Sohn Gottes.
  • In Geschwisterlichkeit leben: keine Macht über andere haben, nur hörend und dienend aufeinander eingehen.
  • In der Solidarität mit den Armen leben: Gott ist eingegangen in die Not der Armen.
  • Im Horizont der ganzen Welt leben: Frieden bringen, eine «Demokratie der Geschöpfe» errichten, den Sonnengesang singen, eine universale Tischgemeinschaft feiern.
  • In der Tradition der Kirche stehen: dem Wort und dem Geist verpflichtet und den Zeichen zugetan, die durch sie «verwaltet» werden.

Subversion

Beides zusammengenommen – die alte Idee der Busse und Franziskus – liessen zuerst eine Gemeinschaft entstehen, welche die Gesellschaft gefährlich unterwanderte. In dem Masse, wie dieser Geist wirkte, konnte man nicht mehr mit der Gewalt der Waffen aufeinander losziehen. Denn die Mitglieder verpflichteten sich zur Verweigerung des Fahneneides und Ähnlichem. Dies verhinderte das Funktionieren einer gewalttätigen und ungerechten Gesellschaft. Der Dritte Orden war «Sand im Getriebe».

Auch in einzelnen Gestalten kam das subversive Wesen des Dritten Ordens zum Ausdruck. Elisabeth von Thüringen fragte sich immer: Woher kommt das, was auf dem Tisch steht? – und verzichtete darauf, wenn sie feststellte, dass es aus ungerechten Einkünften stammte. Schon in Eisenach stieg sie immer wieder von der Burg herab, um den Armen materiell und seelisch beizustehen. Schliesslich teilte sie in Marburg ganz und für immer das Los der Armen. Auch König Ludwig IX. von Frankreich ging ganz anders um mit dem Amt, das ihm anvertraut war. Tatsächlich zeigt sich, dass Walter Dirks so Unrecht nicht hatte. Nur sank der Dritte Orden bald einmal zu einer frommen Bussgürtel-Vereinigung herab oder zu einer Ablass-Gemeinschaft als Absicherung vor dem bevorstehenden Tod.

Kirche «franziskanisieren»

Der grosse Papst Leo XIII. erkannte als Erster wieder, welche spirituelle und politische Kraft der Dritte Orden sein könnte. Und so hatte er im Sinn, die ganze Kirche und die ganze Gesellschaft zu «franziskanisieren». Die Theologie sollte sich an Thomas von Aquin und an Bonaventura orientieren, die Organisation an der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung und die Spiritualität an Franz von Assisi. Tatsächlich kam sofort eine grosse Dynamik in die Kirche hinein. Der Dritte Orden war plötzlich wieder da. Er suchte in die Gesellschaft hinein zu wirken, gab Anstösse für das Zusammenleben der Menschen und Impulse für die soziale Frage. Die berühmten «Semaines sociales» in Frankreich wurden von ihm organisiert.

Rückschritt und Wende

Doch leider fand Papst Pius X. das nicht gut. Er verbot diese Art von Tätigkeit. Die Folge war, dass der Dritte Orden wieder zum frommen Verein wurde. Erst das Zweite Vatikanische Konzil brachte erneut eine Wende. Der Dritte Orden wurde selbständig, indem er sich vom Ersten Orden löste und sein eigenes Gesicht suchte. Er steht in dieser Suche immer noch mitten drin. Wer weiss: Vielleicht wird er eines Tages die christliche Gesellschaft herbeiführen.

Anton Rotzetter, Altdorf