ite/frères en marche

Nr. 3, 2000/3

Indien

Indien – doppelt belichtet   

Ein Land, das nicht zu begreifen ist

«Indien zu begreifen ist für Nicht-Inder unmöglich», meint die Frankfurter Allgemeine Zeitung/FAZ. Das Indien-Bild müsse «doppelt belichtet werden», stellt der Schwede Jan Myrdal fest. Hier der Versuch einiger Streiflichter.

Bald wird Indien eine Milliarde Einwohner haben. Fast jeder sechste Mensch lebt demnach in diesem Land, das einem Kontinent gleicht. Die grösste indische Stadt Bombay zählt 14,5 Millionen Einwohner und hat somit die doppelte Bevölkerung der Schweiz. Einer der indischen Bundesstaaten ist der am Ganges gelegene Staat Uttar Pradesh. Er ist hierzulande den meisten unbekannt, obwohl er 150 Millionen Einwohner zählt. Wäre Uttar Pradesh selbständig, wäre es einwohnermässig der achtgrösste Staat der Erde.

Kalkutta: arm und intellektuell

Die gebildeten Inder leiden darunter, dass ihre Heimat fast nur als Armenhaus der Welt bekannt ist, während ihre 5000 Jahre alte Hochkonjunktur im Ausland kaum wahrgenommen wird. Der schwedische Autor Jan Myrdal beschreibt die einseitige Sichtweise am Beispiel von Kalkutta: «Ich hielt mich an das übliche europäische Standardbild von asiatischer Armut. Kriechende Bettler in Kalkutta, Mutter Teresas sterbende Kinder. Das war falsch. Denn das alles gibt wohl, aber es ist nicht die ganze Wahrheit über Kalkutta. Kalkutta ist ein gewaltiges intellektuelles und wirtschaftliches Kraftzentrum.»

Hindus und Muslime

Wer an Indien denkt, denkt an Hindus. Aber auch hier wird nur ein Teil der Wirklichkeit erfasst. Vor allem in der Gegend um Delhi finden sich ausserordentlich prunkvolle muslimische Bauten. Das Weltwunder Taj Mahal ist nur eines der zahllosen Beispiele (und trotz all seiner Pracht wohl nicht einmal das bedeutendste!). Dass Indien während zwei Jahrhunderten von den Engländern besetzt war, ist bekannt. Die viel längere Zeit der muslimischen Herrschaft verliert sich für die meisten im Dunkel der Geschichte. Heute bekennen sich 11 Prozent der indischen Bevölkerung zum Islam. Dass es nicht bedeutend mehr sind, hat mit den Turbulenzen des Unabhängigkeitskampfes zu tun. Unter dem Motto «Teilen und herrschen» hatten die Engländer Muslime und Hindus gegeneinander aufgehetzt. Offensichtlich mit Erfolg. Denn als das Land 1947 unabhängig wurde, haben die mehrheitlich muslimischen Gebiete sich abgetrennt und den Staat Pakistan gegründet.

Kasten

Was wissen wir vom Hinduismus, der Mehrheitsreligion des Landes? Etwas vom bekanntesten ist das System der Kasten, das weltweit einzigartig da steht. Die Menschen werden von Geburt an in verschiedenen Kasten aufgeteilt, die möglichst unter sich bleiben. Ausländer lesen in der «Indien Times» mit Erstaunen die Partneranzeigen, die nach Kasten geordnet sind. Fachleute weisen darauf hin, dass das Kastensystem soziale und nicht in erster Linie religiöse Wurzeln hat. Die Arier, die im zweiten Jahrtausend v. Chr. aus den vorderasiatischen Steppen nach Indien einwanderten, wollten sich von der dunkelhäutigen Urbevölkerung unterscheiden und ihre «Reinheit» bewahren. So gründeten sie das, was heute «Kasten» genannt wird und ursprünglich «Farben» bedeutete.

Nach der Unabhängigkeit wurde das System der Kasten offiziell aufgegeben. Aber wie das Beispiel der Partnersuche zeigt, spielt es nicht nur unter der weitgehend analphabetisch gebliebenen Bevölkerung der über 600 000 indischen Dörfer bis heute eine Rolle. Doch immer mehr wird das traditionelle System durch die soziale Mobilität und die damit verbundene Durchmischung der Bevölkerung in den Städten geschwächt. 1997 geschah das fast Undenkbare, dass ein Mitglied der Kaste der «Unberührbaren» (Dalit) zum Präsidenten der Republik gewählt wurde.

Heilige Kühe

«Warum sind die Inder so dumm und schlachten ihre heiligen Kühe nicht? Dann wären sie nicht so arm.» So lautet ein vielfach gehörtes (Vor)Urteil. Zum einen ist die Vorstellung, Kühe seien heilig, etwa 3500 Jahre alt. Wie sollte eine so tief verwurzelte Tradition von einem Tag auf den andern geändert werden? Vor allem aber macht man es sich zu einfach, wenn man meint, das Schlachten der Kühe würde einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung leisten. Andere Länder sind ebenso arm oder noch ärmer, obwohl sie das Tabu der heiligen Kuh nicht kennen. Zudem: Eine tote Kuh gibt keine Milch mehr – und produziert keine Kuhfladen, die unter anderem als Brennmaterial sehr nützlich sind.

Andere Religionen

Neben den Hindus und den Muslimen gibt es in Indien eine Reihe anderer Religionen, die zwar eine kleine Minderheit bilden, aber dennoch einen beträchtlichen Einfluss ausüben. Als erste sind die Sikhs (2 %) zu nennen, die mit ihrem Turban unübersehbar sind. Ihr Glaube ist eine Mischung aus hinduistischen und muslimischen Elementen.  Die Religion der Parsen stammt aus Persien (darum der Name). Ihr Eingott-Glauben geht auf Zarathustra zurück. Der Jainismus wurde von einem Zeitgenossen Buddhas gegründet. Seine Lehre basiert auf der Gewaltfreiheit. Der Buddhismus gewinnt zur Zeit immer mehr Anhänger.

Christen

Etwa zwei Prozent der Bevölkerung sind Christen. Ihre Sozialwerke und Schulen haben eine Bedeutung, die ihren zahlenmässigen Anteil weit übersteigt. Ihre Ursprünge gehen in die Zeit der Urkirche zurück. Die zur katholischen Kirche gehörenden «Thomas-Christen» bezeichnen den Apostel Thomas als ihren Gründer.  Die Ankunft der Portugiesen – ab 1498 mit Vasco da Gama – brachte eine zweite Welle der Evangelisierung. Heute erhalten die Christen Zuwachs von den Mitgliedern der «Stämme», der Urbevölkerung, die vorwiegend in abgelegenen Gebieten lebt und nie den hinduistischen Glauben angenommen hat.

Arm und superreich

Kommen wir zurück zur These, das Bild von Indien müsse doppelt belichtet werden. Es ist zwar eine höchst banale Floskel, ein Land als «Land der Gegensätze» zu bezeichnen. Doch wer durch Indien fährt, ist fast Schritt auf Tritt versucht, diesen Gemeinplatz zu gebrauchen. Da sieht man beispielsweise einen Bauern, der hinter einem Ochsen hergeht und auf seinen Schultern einen höchst primitiven Holzpflug trägt. Neben seinem Feld steht eine Fabrik, die mit modernsten Methoden arbeitet. Auch die sozialen Gegensätze sind enorm: «Das Indien der Herrschenden und das der Beherrschten sind zwei ganz verschiedene Dinge. Das Indien der Herrschenden besteht aus Phrasen, Luxus, Überfluss und Worten über die indische Friedfertigkeit... Das Indien der Beherrschten ist Not, Elend, Hunger, Tod.» (Jan Myrdal) Dazwischen und darüber finden wir das Indien einer Kultur, die Jahrtausende älter ist als die unsrige: das Indien der Zehntausende von Tempeln, der Weisheits-Literatur, der Ashrams (Klöster), der Meditation und der Gurus, die ganz anders sind als viele Scharlatane, die in Europa diesen Titel beanspruchen...

Walter Ludin

 

Steckbrief Indien

Fläche: 3 287 782 km2 (fast 80 mal die Schweiz)
Einwohner: ca. 970 Millionen (jährliche Zunahme: 15 Millionen)
Bevölkerungsdichte: 273 pro km2
Sprachen: Hindi (für 30% Muttersprache), Englisch, über 1500 Lokalsprachen und Dialekte

Literatur:
Das mehrmals zitierte Buch von Jan Myrdal «Indien bricht auf» ist schon recht alt (1980), bringt aber Beobachtungen und Reflexionen, die bis heute nicht überholt sind. Allerdings verliert sich der Autor oft in historische Details.
Ein neueres, sehr empfehlenswertes Werk: Martin Fritz/Martin Kämpchen: Krischna, Rikscha, Internet. Indiens Weg in die Moderne. Beck`sche Reihe. 1998. 240 Seiten.