ite/frères en marche

Nr. 4, 2000/4

Tschad

Arm und umkämpft   

Der Tschad liegt im geographischen Mittelpunkt Afrikas. Das Land gehört zu den zehn ärmsten der Erde. Wichtige Gründe dafür sind die verheerende Dürre und der Jahrzehnte lange Bürgerkrieg.

Im Tschad trafen sich von alters her verschiedene Rassen, Völker und Religionen. Vom Norden her breitete sich schon früh der Islam aus. Grosse Bedeutung erhielt das Land durch den Trans-Sahara-Handel zwischen dem Mittelmeer und Schwarzafrika.

Sklavenhandel

Ende des 19. Jahrhunderts fiel der arabische Heerführer Rabeh Zobeir in den Tschad ein. Durch die Intensivierung des Sklavenhandels baute er einen mächtigen Staat auf. Dieser zog das Interesse der europäischen Kolonialmächte auf sich. 1890 kamen französische Truppen in das Land und besiegten es nach zehn Jahren. Die neuen Herrscher förderten im Süden gewaltsam den Anbau von Baumwolle für den Export. Damit geriet die wirtschaftliche Entwicklung so sehr aus dem Gleichgewicht, dass die erste Partei, die im Tschad entstand, den Slogan «Keine Baumwolle» schuf.

Kriege

1960 wurde der Tschad von Frankreich unabhängig. Danach kam es zu Jahrzehnte langen Aufständen und Bürgerkriegen, bei denen vor allem die ehemalige Kolonialmacht und der Nachbar Lybien zum Teil sehr offen mitmischten. Zwar besassen bei der Unabhängigkeit erstmals Vertreter der früher vom Norden versklavten schwarzen Mehrheit die Macht. Doch unterdrückten die neuen Herrscher brutal die eigenen Landsleute im Süden. Es kam zu Kriegen, in denen auch einzelne Gruppen der 1966 gegründeten «Befreiungsbewegung» sich gegenseitig bekämpften. 1982 kam der Rebellenführer Hissein Habré an die Macht. Er stellte die alte Vorherrschaft des Nordens wieder her. 1990 wurde er von Idrisse Déby gestürzt, der seither Staatschef ist. Nicht nur Kriege und politische Instabilität stürzten das Land ins Elend. Auch mangelnde Infrastruktur und ein niedriges Bildungsniveau verstärkten die Armut. Dazu kommt das Vordringen der Sahara. Die landwirtschaftlich nutzbare Fläche wird damit ständig verkleinert, während die Bevölkerung wächst.

Unterdrückung

Amnesty International (ai) schreibt in einem Bericht über den Tschad: «Unterdrückung und Terror waren die Merkmale der Herrschaft unter Präsident Hissein Habré. Auch unter seinem Nachfolger Idresse Déby wird diese Politik fortgesetzt. Wird der Trend nicht gestoppt, könnten die bereits geschwächten Strukturen der Gesellschaft zerstört werden.» Die Gefangenenhilfsorganisation erwähnt willkürliche Festnahmen, Folter, Misshandlungen und Todesfälle in der Haft, Verfolgung von Menschenrechtlern und Massaker an Zivilisten. Proteste von ai änderten wenig an diesen Praktiken. Menschen kommen weiterhin ohne Anklage oder Verfahren ins Gefängnis. Oppositionelle müssen damit rechnen, wegen konstruierter krimineller Delikte angeklagt und verurteilt zu werden.

Menschenrechte

Amnesty International beklagt sich auch darüber, dass viele Staaten den Tschad politisch, finanziell und auch militärisch unterstützt haben, ohne sich um die Situation der Menschenrechte zu kümmern. Die Organisation führte zudem Kampagnen gegen die Waffenlieferungen aus China, Frankreich und den USA durch. Nicht nur Armee und Polizei verstossen gegen die Menschenrechte. Auch bewaffnete Oppositionsgruppen sind für Übergriffe gegen Zivilisten verantwortlich.

Wer hilft?

Heute ist noch unklar, wer von den kürzlich entdeckten Erdölfunden profitieren wird. Das Land hätte neue Einkünfte dringend nötig, nachdem die Entwicklungsgelder aus dem Ausland nicht mehr fliessen wie zu Zeiten des Ost-West-Konflikts. Damals hatte der Westen ein Interesse, den Tschad zu stärken, um den Nachbarn und Feind Lybien zu schwächen.
Nach wie vor spielt kirchliche Hilfe eine grosse Rolle, vor allem im schwarzafrikanischen Süden: «Mit Schulen, Krankenhäusern, landwirtschaftlichen Projekten und regelmässigen finanziellen Hilfen sind hier allein die Kirchen präsent.» (Länderlexikon) So problematisch eine solche Hilfe auch ist (vgl. dazu den Artikel auf S. 16 der vorliegenden Nummer), hilft sie doch zum Überleben.

Walter Ludin
Quellen: Das Länderlexikon von Bertelsmann, Internet (vor allem: ai)

 

Tschad

Fläche: 1 284 000 km2
Bevölkerung: 6,73 Millionen
Hauptstadt: N`Djaména (530 000 E.)
Amtssprache: Französisch, Arabisch
Religionen: 53,9% Muslime, 34,7% Christen (Katholiken 20,3%), der Rest vor allem Naturreligionen
Bruttosozialprodukt: ca. 190 Dollar pro Kopf
Exportgüter: Baumwolle, Lebendvieh, Viehprodukte