ite/frères en marche

Nr. 5, 2000/5

Moderne franziskanische Märtyrer

Das «Jahrhundert der Märtyrer»   

Für Glaube und Gerechtigkeit

Nie gab es so viele Märtyrer wie im 20. Jahrhundert. Viele starben nicht für einen abstrakten Glauben. Auch der Einsatz für Werte wie Gerechtigkeit waren für sie ein Motiv, ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

«In unserem Jahrhundert sind die Märtyrer zurückgekehrt.» Mit diesen Worten erinnerte Papst Johannes Paul II. daran, dass im 20. Jahrhundert unzählige Menschen wegen ihres Glaubens brutal umgebracht wurden. Das offizielle Verzeichnis, das aus Anlass des Heiligen Jahres vom Vatikan erstellt wurde, umfasst 12 000 Namen. Wie die Autoren dieses «Martyrologiums» betonen, ist die Zahl der Märtyrer in Wirklichkeit «viel, viel grösser». Kirchengeschichtler rechnen damit, dass es im 20. Jahrhundert so viel Blutzeugen gab wie in allen vorausgehenden 19 Jahrhunderten zusammen. Im Grunde genommen ist das Martyrium keine kirchliche Randerscheinung. Erzbischof Oscar Romero, der bekannteste lateinamerikanische Glaubenszeuge, sieht darin vielmehr ein «Kennzeichen der wahren Kirche»: «Die Verfolgung ist ein charakteristisches Zeichen für die Authentizität der Kirche. Eine Kirche, die keine Verfolgung erleidet, sondern Privilegien geniesst und auf irdische Dinge baut, hat Angst. Es ist nicht die wahre Kirche Jesu Christi.»

Wer ist ein Märtyrer?

Wer in den ersten Jahrhunderten es ablehnte, dem römischen Kaiser zu opfern und ihn als Gott anzuerkennen, wurde mit dem Tode bestraft. Ein anderer «klassischer» Grund für das Martyrium war die Weigerung, sich vom christlichen Glaubensbekenntnis öffentlich zu distanzieren. Karl Rahner schlug einen erweiterten Märtyrer-Begriff vor. Es ging ihm nicht bloss um abstrakte Glaubenssätze. Auch wer für sittliche Werte sterbe, die sich aus dem Evangelium ergäben, dürfe als Glaubenszeuge betrachtet werden. Rahner dachte vor allem an Menschen, die in Lateinamerika oder anderswo unter Einsatz ihres Lebens sich für Gerechtigkeit einsetzten.

Miserable Arbeitsbedingungen

Immer wieder höre ich von der grossen Armut, welche die Menschen in den südlichen Ländern bedrängt. Gleichzeitig sind die Rohstoffe aus diesen Gegenden (zum Beispiel Kaffee, Zucker, Kautschuk, Baumwolle) auf dem Weltmarkt immer weniger wert. Muss das so sein? Könnten die Handelsfirmen aus den reichen Teilen der Welt nicht etwas grosszügiger sein – und wir halt einen etwas höheren Preis für die Endprodukte bezahlen? Auch die Arbeitsbedingungen und die Löhne sind an vielen Orten im Süden miserabel – zum Beispiel in den Fabriken, wo viele unserer Kleider hergestellt werden. Eine finanzielle Verbesserung für die Arbeiter und Arbeiterinnen würde die Endprodukte nicht sehr verteuern, denn die Lohnausgaben machen sowieso nur einen kleinen Bruchteil des Preises aus. Warum also sollte es nicht möglich sein, bessere Löhne und eine minimale soziale Absicherung für diese Leute hinzukriegen?

«Die Sache Jesu»

Die Theologie der Befreiung betont diesen Aspekt sehr stark. Für sie sind Märtyrer Menschen, die wie Jesus das Unrecht angeklagt und das Reich Gottes verkündet haben und deshalb wie Jesus von den Mächtigen umgebracht wurden. Dazu der Jesuit Jon Sobrino, der 1989 in El Salvador nur deshalb nicht wie seine sechs Mitbrüder umgebracht wurde, weil er in der Mordnacht nicht zuhause war: «Märtyrer ist nicht zuerst und ausschliesslich, wer für Christus stirbt, sondern wer wie Christus stirbt. Märtyrer ist nicht zuerst und ausschliesslich, wer wegen Christus stirbt, sondern wer für die Sache Jesu stirbt.»

Der jüdische Bruder

Die «Sache Jesu» ist im Gebot der Nächstenliebe prägnant ausgedrückt, die auch die Form der Feindesliebe annehmen kann. Wer in Zeiten von Terror und Unterdrückung daran erinnert, riskiert sein Leben. Ein Beispiel dafür ist der deutsche Franziskaner Elpidus Markötter (1911 – 1942), einer der neun deutschen Franziskaner, die von den Nazis umgebracht wurden. An Fronleichnam 1940 bezog er in seiner Predigt das Liebesgebot nicht nur auf die Verbündeten des deutschen Volkes: «Bruder ist uns der Italiener, der Japaner, Bruder auch der Engländer, der Pole, der Jude.» Diese Worte machten in den Fabriken und Büros die Runde. Eine 17-Jährige informierte die Geheime Staatspolizei/Gestapo. Der Franziskaner wurde verhaftet. Obwohl der Untersuchungsrichter seine Freilassung anordnete, behielt ihn die Gestapo in «Schutzhaft». Nach einigen Monaten wurde er ins KZ Dachau gebracht. (Dort waren insgesamt 3000 Priester interniert!) Elpidus Markötter starb am 28. Juni 1942.

Warum?

Für einen Staat, der den Übermenschen und das Recht des Starken verherrlichte, wurde eine Religion, die Barmherzigkeit predigte, zur Feindin. Die Christenverfolgung gehörte darum zur innern Logik der Nationalsozialisten. Doch warum verfolgten andere Regierungen und Systeme die Kirche? Die enge Verbindung zwischen dem Staat des Zaren und der russischen Kirche mag erklären, warum die Sowjets vor allem unter Stalin die Christen verfolgten. (Man rechnet mit rund einer Million Gläubigen, die getötet wurden.) Erklärt dies aber auch, warum bis Ende der 80-er Jahre in Osteuropa und in Ostdeutschland die Kirche als «Staatsfeindin» galt? Es gab doch dort nicht wenige Christen, die sich ganz im Sinne der Staatsparteien für den sozialen Fortschritt einsetzten. Die Verfolgung durch die Kommunisten trägt darum auch irrationale Züge.

Aufstand gegen Kolonialmacht

In manchen Fällen kann in guten Treuen darum gestritten werden, ob ein gewaltsam umgebrachter Christ als Märtyrer bezeichnet werden kann. Ein Beispiel dafür ist der deutsche Benediktiner-Bischof Cassian Spiss. Er und andere deutsche Missionare und Missionarinnen wurden 1905 in Tansania während des Maji-Maji-Aufstandes getötet. Die Revolte richtete sich gegen die damalige Kolonialmacht Deutschland. Der Kapuziner Gandolf Wild, der lange in Tansania gewirkt hat, meint, die Ermordung dieser Deutschen und die Zerstörung ihrer Missionsstationen seien «ein Teil des Widerstandes gegen die Ausländer und die neuen Machtzentren» gewesen. In vielen andern, auch aktuellen Fällen seien Christen ebenfalls getötet worden, weil sie «zum System gehörten». (Dies trifft teilweise auf die Übersicht zu, die wir in den Kastentexten dokumentieren.) Auch wenn genau gesehen viele sogenannte Märtyrer diesen Ehrentitel kaum verdient haben, bleibt doch eine unzählbare Schar von Frauen und Männern, die tatsächlich als «Zeugen des Glaubens» ihr Leben opferten.

Walter Ludin

 

Verfolgungen in Afrika ...

In folgenden Ländern Afrikas kam es im 20. Jahrhundert zu Verfolgungen: Nordafrika (Algerien und Libyen in den 80-er und 90-er Jahren); in Zentralafrika und in der Region der Grossen Seen wie Burundi (1989-1900), Kamerun, Äthiopien und Eritrea (80-er Jahre), Gabun (1977), Äquatorialguinea (1983), Kenia (während der Zeit der Verfolgung durch die Mau-Mau-Geheimbünde in den 40-er Jahren und auch später), Liberia, (1989), Nigeria (1995), Ruanda (1994), Sierra Leone (1995), Somalia (1960-64), Uganda (1972, 1995), Zaire (1960-1964); in Südafrika: Angola (1982-1984), Lesotho (80-er Jahre), Madagaskar (80-er Jahre), Mosambik (1985), Südafrika (1985), Simbabwe (1997-1979) und insbesondere im Sudan, wo es seit 1956 eine muslimische Verfolgung gibt.

Fides-Pressedienst, Rom

... in Lateinamerika

Auch in Mittel und Südamerika gab es Verfolgungen aus religiösen Gründen, die oft in einem Kontext eines Bürgerkrieges und sozialer Konflikte mit Forderungen nach Gerechtigkeit und Frieden in Verbindung standen: in Argentinien (1976), Bolivien (1980), Brasilien (1976-1985), Kolumbien (1991), Ecuador (1987-1985), El Salvador (80-er Jahre), Guatemala (80-er Jahre), Guyana (1979), Haiti (1971), Honduras (1975), Mexiko (bis in die 40-er Jahre), Panama (1989), Peru (1987-1991), Puerto Rico (1991), Santo Domingo (1965), Venezuela (1946, 1991), Kuba (1959-1961).

Fides-Pressedienst, Rom

... in Asien

In Asien kam es zu anhaltenden Verfolgungen in China (seit 1933 bis heute), Nordkorea (seit 1949 bis heute), Indien (1949, 1995), Indonesien (1944-45, heute auf Timor), Thailand (30-er und 40-er Jahre). Zu weiteren Verfolgungen kam es im Zusammenhang mit Kriegen, wie zum Beispiel auf den Philippinen (1976-77/1984-85), Bangladesch (1971-74), Laos (60-er Jahre bis 1972), Vietnam (40-er Jahre und 70-er/80-er Jahre). Hinzu kommen auch Verfolgungen in den Ländern des Nahen Ostens, wie zum Beispiel Irak (1915-1918) und Libanon (1975-90) und auf weniger offensichtliche Weise in muslimischen Ländern, vor allem in Saudi-Arabien.

Fides-Pressedienst, Rom