ite/frères en marche

Nr. 1, 2001/1

Neue Noten braucht das Geld

Warum braucht das Geld neue Noten?   

Jedes Jahr führt ein «Grundlagentext» in die Thematik der Fastenopfer-Aktion ein. Der diesjährige zeichnet sich durch gute Lesbarkeit und Praxisnähe aus. Wir dokumentieren hier den letzten Abschnitt mit der Überschrift: Anfragen an die heutige Geldwirtschaft, oder: Wie gerecht ist das Geld verteilt?

Von vielen Freundinnen und Bekannten höre ich, dass der Druck auf die Arbeitskräfte in den letzten Jahren massiv zugenommen hat. Familienväter klagen, dass sie ständig Überstunden arbeiten, weil sie sonst die geforderten Leistungen nicht erbringen können. Schwierig ist auch, dass betriebliche Rationalisierungen und Umstrukturierungen sie zu immer längeren Arbeitswegen zwingen, falls sie ihre Familien nicht alle paar Jahre aus dem heimatlichen Umfeld herausreissen wollen.

In den Medien höre ich die Stimmen gewisser Wirtschaftsführer und rechter Politiker. Im Namen der Gewinnmaximierung fordern sie unbegrenzt belastbare, zeitlich und örtlich flexible Arbeitskräfte. Vergessen sie, dass dies Menschen sind? Menschen, die eine Familie und Freunde haben, die an einem bestimmten Ort daheim sind? (Seltsam ist nur, dass oft die gleichen Politiker das Wort Heimat fast inflationär gebrauchen.)

Weiter höre ich von den gleichen Leuten, dass die Steuern gesenkt und dass die Arbeitslosengelder sowie die Sozialausgaben des Staates gekürzt werden müssten. Dann gehe es der Wirtschaft besser, und dann gehe es allen besser. Aber was geschieht mit den Menschen, die von eben jenen Wirtschaftsleuten entlassen wurden und die nun kein Einkommen mehr haben? Soll mir etwa weisgemacht werden, sie seien selber schuld an ihrer Misere und wenn sie nur wollten, würden sie schon eine neue Arbeitsstelle finden?

Wem nützt ein Spekulant?

Schon als Kind habe ich gelernt, dass jeder berufstätige Mensch der Allgemeinheit einen bestimmten Nutzen bringt und dass er deshalb mit Geld entlöhnt wird. (Der Nutzen von Haus- und Erziehungsarbeit wurde damals unterschlagen.) Also: die Putzfrau sorgt für Reinlichkeit, der Kaufmann bringt Produkte zu den Kunden, der Arbeiter stellt zum Beispiel Waschmaschinen her, und ich als Theologin kümmere mich um das seelisch-spirituelle Wohl der Leute.

Was aber tut ein Börsenspekulant für die Allgemeinheit? Warum verdient er gut 200mal soviel wie die Putzfrau? Und warum muss er sein Einkommen nicht einmal versteuern? Offenbar funktioniert unsere Wirtschaft nicht mehr nach dem Prinzip: «Wer arbeitet, der bringt es zu was», sondern nach dem Prinzip: «Wer hat, dem wird gegeben». Unter diesen Umständen dürfte das Interesse an der Börsenspekulation zu- und jenes an der soliden Berufsarbeit abnehmen. Und tatsächlich gibt es Ökonomen, die einen solchen Trend feststellen. – Aber wie kommt es heraus, wenn alle möglichst wenig nützliche Arbeit verrichten und möglichst viel Geld gewinnen wollen?

Miserable Arbeitsbedingungen

Immer wieder höre ich von der grossen Armut, welche die Menschen in den südlichen Ländern bedrängt. Gleichzeitig sind die Rohstoffe aus diesen Gegenden (zum Beispiel Kaffee, Zucker, Kautschuk, Baumwolle) auf dem Weltmarkt immer weniger wert. Muss das so sein? Könnten die Handelsfirmen aus den reichen Teilen der Welt nicht etwas grosszügiger sein – und wir halt einen etwas höheren Preis für die Endprodukte bezahlen? Auch die Arbeitsbedingungen und die Löhne sind an vielen Orten im Süden miserabel – zum Beispiel in den Fabriken, wo viele unserer Kleider hergestellt werden. Eine finanzielle Verbesserung für die Arbeiter und Arbeiterinnen würde die Endprodukte nicht sehr verteuern, denn die Lohnausgaben machen sowieso nur einen kleinen Bruchteil des Preises aus. Warum also sollte es nicht möglich sein, bessere Löhne und eine minimale soziale Absicherung für diese Leute hinzukriegen?

Ungerechte Löhne

Mir scheint, einige dieser Fragen beschäftigen nicht nur mich, sondern einen grossen Teil der schweizerischen Bevölkerung. (Nach einer Umfrage des «Sonntagsblick» empfinden zum Beispiel 70 Prozent der Leute die Löhne in der Schweiz als ungerecht.) Die Ungereimtheiten in der heutigen Geldwirtschaft und die Ungleichheit in der Verteilung des Geldes sind einfach zu krass geworden. Es darf nicht sein, dass diese Fragen weiterhin unbeantwortet bleiben und die Probleme sich noch verschärfen. Und es darf nicht sein, dass in der Wirtschaft soziale und ethische Aspekte weiterhin ausgeklammert werden. Steuergerechtigkeit, anständige Löhne für anständige Arbeit, die Absicherung sozial Schwacher und fairer Handel mit den Ländern des Südens – solche Anliegen müssen ein Thema werden. Nicht nur beim Fussvolk, sondern auch in den Führungsetagen von Banken und Unternehmen, in der Politik und in den Theorien der Ökonomieprofessoren!

Astrid Rotner-Sigrist,
Pastoralassistentin, Wettingen
(Zwischentitel von der Redaktion)

 

Entwicklungspolitische Botschaft für die Schweiz:

  • Wir nehmen Einfluss auf die Budgets in Staat und Kirche.
  • Wir setzen uns für Geldanlagen nach ethischen Kriterien ein.
  • Wir setzen uns für höhere Beiträge für Entwicklungszusammenarbeit in den Budgets der Kirchgemeinden, politischen Gemeinden, Kantone und des Bundes ein. Wir setzen uns für Budgets ein, die lebensfördernd sind für Frauen, Männer und Kinder
  • Wir machen Vorschläge, wie das Vermögen von Einzelpersonen, Kirchgemeinden/Kantonalkirchen, des Staates, der Pensionskassen und der AHV sozial, ökologisch und entwicklungspolitisch verantwortbar angelegt wird.