ite/frères en marche

Nr. 2, 2001/2

Missionsland Schweiz

Die Schweiz: Missionsland?   

Immer leerer werdende Kirchen – viele ungetaufte Kinder – zahlreiche Kirchenaustritte: Entchristlicht die Schweiz? Wird sie zum Missionsland?

Als 1943 die beiden französischen Priester H. Godin und Y. Daniel das Buch herausgaben «La France pays de mission/Frankreich: Missionsland?», erregten sie damit grosses Erstaunen. 1978 jedoch erklärte Papst Johannes Paul II. : «Europa ist daran, wieder ein Missionskontinent zu werden.» Gilt das somit auch für die Schweiz?

«Mission in sechs Kontinenten»

Schon vor dem Papst sprach Karl Rahner öfters von der «Diaspora-Situation» des Christentums. Man könne nicht länger mit dem Volkschristentum rechnen, sondern müsse auf das Wahlchristentum zählen, auf Minderheitsgruppen von Überzeugungschristen, die sich nicht ins Getto abkapseln, sondern sich zu einem Ferment-Dasein entfalten. Dieselbe Überlegung machte auch der Ökumenische Rat der Kirchen 1963 bei der Vollversammlung in Mexiko City, indem er den Ausdruck prägte: «Mission in sechs Kontinenten».

Die kirchliche Wirklichkeit bestätigt dies alles. In vielen Städten gehen vielleicht noch 3 bis 5% der Erwachsenen in die Kirche. In Hamburg, sogar auch in München wird nicht einmal mehr die Hälfte der Kinder getauft. Auch von den getauften jungen Menschen sieht man kaum mehr jemand in der Kirche: das Leid so vieler besorgter Eltern. Erstmals in der Geschichte des Christentums fragt man sich, wie die Weitergabe des Glauben noch gewährleistet wird. Ein Buchtitel stellt die Frage: «Werden unsere Kinder noch Christen sein?». Schon redet man von einer still vor sich gehenden Verdunstung des Christentums.

Resignation als Antwort?

Man versteht, dass die Verantwortlichen in der Kirche, aber auch das Kirchenvolk, mehr und mehr von Frustration und Resignation betroffen werden. Nicht wenige verlassen «das sinkende Schiff». Wie geht es weiter?

In der Schweiz hat die Synode 72 (1972/75) in allen Diözesen viele Impulse für die pastorale Praxis erarbeitet. Das Pastoralforum Lugano im Herbst 1981 stand unter der Losung: «Lebendige und missionarische Gemeinde.» Es war ein schönes Erlebnis, wirkte sich aber kaum konkret an der Basis aus. Schon zu grosse Resignation hatte sich hier breit gemacht. Wird man später das gleich auch von der Tagsatzung im Bistum Basel (1998 in Luzern und diesen Mai in Bern) sagen? Ein Serum gegen die Resignation wird dringend erwartet.

Ansätze zur Neuevangelisierung

Das Buch von Godin/Daniel hat in Frankreich wie ein Schock gewirkt und gewisse Impulse gegeben, z.B. für die Arbeiterpriester. Aber es ist doch bezeichnend, dass die französischen Bischöfe in einem Brief an die Katholiken 1996 jene Impulse nicht einmal erwähnen, sondern zugeben, dass sie erst noch «Wege suchen zu einem missionarischen Aufbruch und einer Neuevangelisierung».

Die Deutsche Bischofskonferenz gab diesen Brief auch in Deutsch heraus: «Den Glauben anbieten in der heutigen Gesellschaft» (Bonn 2000). Wir lesen darin: «Jetzt, am Ende des 20. Jahrhunderts, sind sich die Katholiken in Frankreich bewusst, dass sie es mit einer Krise zu tun haben.» Erwähnt werden der Tiefstand der religiösen Praxis, der Verlust eines ausgeprägten christlichen Bewusstseins, die säkulare Gesellschaft, die Gegenwart von Islam und Buddhismus mit ihrer Vitalität. Weiter heisst es im Brief, in der Vergangenheit habe man die pastoralen Modelle der «Eroberung», der «einfachen Präsenz», des «Sich-Einigelns» befolgt. Jetzt solle man dazu übergehen, einfach den Glauben anzubieten.

«Bewegungen» und Evangelikale

Die Aufrufe des Papstes zur Neuevangelisierung im Blick auf das Jahr 2000 sind bekannt. Die Reaktionen darauf wie jene der verschiedenen internationalen «Bewegungen» geben gewisse Hoffnung. Aber sie stehen öfters im Verruf, elitär, integralistisch, triumphalistisch zu sein und eine katholisch geprägte Welt im Stil des Mittelalters wiederherstellen zu wollen.
Das gleiche gilt für die evangelikalen Kreise, die «Sekten», die Freikirchen, die evangelische Allianz mit ihren Internationalen Kongressen für die Weltevangelisation. Das alles behebt nicht, sondern bestärkt den Eindruck, dass Europa ein Missionsland, das schwierigste Missionsland ist.

Mehr Spiritualität

Der gedrängte Überblick über die gegenwärtige Kirchensituation zeigt, dass die Kirche zu Beginn des dritten Jahrtausends vor einer neuen historischen Phase steht, vor ihrem «Weltzeitalter», wo man wohl oder übel Abschied nehmen muss von der geschlossenen Volkskirche. Jetzt gibt es in der Tat Kirche in allen Kontinenten, aber zugleich auch überall missionarische Situationen. Neu stellt sich die Herausforderung zur Koexistenz mit den Glaubenden anderer Religionen in unserer Mitte, und zur Koexistenz mit der säkularen Welt.
Da kann uns nur der Heilige Geist die nötigen Inspirationen geben. Gewiss sollen die Verantwortlichen in der Kirche – das sind nicht bloss die Priester und Laientheolog(inn)en, sondern alle Jünger und Jüngerinnen Jesu – tun, was sie tun können und sollen. Aber letztlich braucht es nicht noch mehr Angebote, noch mehr Kommissionen, noch mehr Dokumente, noch mehr Hektik, wohl aber mehr Spiritualität!

Gott rettet

Schliesslich müssen nicht wir die Menschen retten. Das tut Gott. Er hat sich schon in der vorchristlichen Zeit um seine Menschen gekümmert. Er wird das auch tun in einer «nachchristlichen Zeit» – falls es eine solche geben sollte, was wir vom Glauben her nicht annehmen. Es gibt gewiss sehr viele von der Kirche unerreichte Menschen, aber keine von Gott Unerreichte. Gott begleitet und umfängt alle seine Menschen mit seiner Huld und Liebe, wie eine Mutter ihre Kinder. Er kann sie früher oder später, auch wenn es erst in der Todesstunde wäre (vgl. die Bücher von Dr. Kübler-Ross), «bekehren», einholen und heimholen. Insofern kann man sagen: Niemand kann so tief fallen, dass er aus Gottes Liebe herausfällt. Das kann man nicht beweisen, aber erhoffen.

Die Chancen der Kirche

Wir haben nicht den Auftrag, alle Menschen in die Kirche zu bringen, wohl aber soll durch die Kirche mit allen Mitteln aller Welt das Evangelium verkündet werden: die Frohbotschaft von der zuvorkommenden, allumfassenden, unbedingten Liebe Gottes. Das können wir auch als Minderheitskirche tun. Wenn wir also mit unserer Seelsorge nicht alle Menschen erreichen, können wir sie mit vollem Vertauen der Heilssorge Gottes überlassen. Bei dieser qualitativ neuen Schau können wir – trotz der quantitativen Not – gelassen bleiben und sagen: Wir leben in einer aussergewöhnlich grossen Kirchenzeit. Und wir reden wohl zu viel von den Krisen der Kirche und zu wenig von ihren Chancen.

Walbert Bühlmann