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Nr. 3, 2001/3

Tansania

Tansania   

Urgeschichte – Sozialismus – Konflikt um Sansibar

Seit genau 80 Jahren – Juni 1921 – wirken Schweizer Kapuziner und Baldegger Schwestern im ostafrikanischen Tansania. Wir geben hier einen kurzen Überblick über das faszinierende Land, das bis vor kurzem eine «Insel des Friedens» im zerstrittenen afrikanischen Kontinent war.

Tansania, halb so gross wie Westeuropa, sei ein «Land von unbeschreiblicher Faszination», heisst es in einem Reiseführer. Und weiter: «Es ist ein moderner, fortschrittlicher Staat mit einem reichen kulturellen und historischen Erbe, das auf über vier Millionen Jahre zurückblicken kann, eine Zeit, als unsere primitiven Vorfahren sich anschickten, aufrecht zu gehen.»

Unter Deutschland und England

Tatsächlich wurden im Norden des Landes, in der Schlucht von Olduwai, die ältesten Fossile eines Menschen gefunden. Die neuere Geschichte ist vom Kolonialismus geprägt und vom Bemühen, auf der Basis von Gerechtigkeit einen unabhängigen Staat aufzubauen. Auf der berüchtigten Afrika-Konferenz von 1884 wurde das Land Teil von Deutsch-Ostafrika. 1919, nach der Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg, kam es unter ein britisches Völkerbunds-Mandat. 1946 wurde es den Engländern als UNO-Treuhandgebiet übertragen. Am 9. Dezember 1962 erhielt es die Unabhängigkeit. Julius Nyerere, einer der bedeutendsten und integersten Staatsmänner Afrikas, wurde Staatspräsident.

«Afrikanischer Sozialismus»

Weltweit berühmt wurde Nyerere mit seinem Versuch, einen «afrikanischen Sozialismus» aufzubauen; wobei das Wort «Sozialismus» eine Übersetzung des Suaheli-Begriffs «Ujamaa» ist. Damit ist eine typisch afrikanische Form von Gemeinschaft aufgrund der Solidarität gemeint. Doch im Ausland sahen bei diesem Begriff viele rot. Sie brachten Tansanias Staatsphilosophie in enge Beziehung zum totalitären Kommunismus. Die Luzerner Tageszeitung «Vaterland» beispielsweise liess an Nyereres Experiment keinen guten Faden. Wenn im Blatt etwas Positives zu lesen war, handelt es sich vielfach um Leserbriefe von Schweizer Kapuzinern, die als Tansania-Missionare mit der Lage vertraut waren. Einige von ihnen waren mit Nyerere, einem überzeugten Katholiken, befreundet. (Noch heute erzählen damalige Missionare, wie sich der Staatspräsident in der Kathedrale regelmässig in die Schlange vor dem Beichtstuhl einreihte...)

Tanganjika wird Tansania

Bis 1964 nannte sich das Land Tanganjika. Als sich die Insel Sansibar anschloss, entstand aus den Namen der beiden Landesteile das Wort Tansania. Sansibar wie die beiden andern Inseln Pemba und Mafia (hat nichts zu tun mit Italien!) sind stark arabisch geprägt. Rund 90 Prozent der Bevölkerung sind Muslime.

Die Inseln blieben weitgehend autonom. Nur die Bereiche Sicherheit, Nachrichtendienst und Einwanderung sind Angelegenheiten des Zentralstaates. Auf den Inseln gab und gibt es starke Strömungen einer totalen Autonomie. In Pemba finden sich sogar Bestrebungen, die 1964 abgeschaffte Sultansherrschaft wieder einzuführen. Einige sprechen sich auch für die Einführung des islamischen Rechts, der Scharia, aus.

Gefälschte Wahlen

Die schwelenden Konflikte eskalierten letztes Jahr anlässlich der nationalen Wahlen. Die Beobachter-Kommission der Vereinigung ehemaliger britischer Kolonien (Commonwealth) sprach von «Chaos und Willkür». Es kam offensichtlich zu Betrügereien auf Kosten der Opposition. Auf Sansibar und Pemba wurden zahlreiche Wahlbüros nicht geöffnet. Oder es fehlte an Stimmzetteln – und zwar dort, wo die Opposition stark ist.

Als die oppositionelle Civic United Front während einer Demonstration die Wiederholung der Wahlen forderte, kam es zu einer regelrechten Schlacht. «Gegen 20 Menschen wurden von Kugeln getötet oder starben an den Schlägen der blindwütig prügelnden Sicherheitskräfte. Auf Pemba wurde ein Polizist gelyncht.» (Peter Baumgartner im Tages-Anzeiger).

Nach andern Quellen forderten die Unruhen bis zu 300 Tote. Im Februar 2001 lebten etwa 2000 Flüchtlinge, meist Anhänger der Opposition, in kenianischen Flüchtlingslager. Unter ihnen sind 17 gewählte Parlamentarier. Es ist allerdings umstritten, wie weit es sich hier um echte Flüchtlinge handelt. Nach zuverlässigen Quellen hat die Opposition Jugendlichen Geld angeboten, wenn sie sich nach Kenia absetzen und dort «Flüchtling» spielen. Dadurch sollte die Weltöffentlichkeit auf die Lage auf Sansibar aufmerksam gemacht werden.

«Unzulässige Einmischung»

Amnesty International beurteilte das Vorgehen der Polizei während den Demonstrationen «als einen krassen Verstoss gegen die UNO-Prinzipien über den Gebrauch von Waffen». Auch die EU protestierte. Sie forderte eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle.

Die Regierung bezeichnete die Stellungnahmen von UNO und EU als unzulässige Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes. Dazu Präsident Mkapa in seiner Radioansprache vom 3. Februar 2001: «Alle, welche die Regierung eilig verdammten, frage ich: Warum verurteilt man die Regierung, ohne von ihr eine Erklärung eingeholt zu haben? Aber weil wir Afrikaner sind, nimmt man an, wir alle seien gleich, was Folter von Menschen und Verachtung der Menschenrechte angeht. Nur den Medien und Erklärungen von Leuten weit weg wurde Gehör geschenkt.»

Der Präsident prangert dann die Drohung der EU an, ihre finanzielle Unterstützung von einer Verhaltensänderung abhängig zu machen: «Wir Tansanianer sagen immer: Lieber arm in Freiheit als reich in Sklaverei. Ich werde mein Gewissen, eure Würde und Freiheit nicht für den Preis von Unterstützung verkaufen.»

Ganz andere Töne schlägt die im Gedanken an den ersten Präsidenten gegründete Mwalimu Nyerere-Stiftung an. Die Tötung von Demonstranten kann ihrer Meinung nach ein Zeichen dafür sein, «dass der Friede, das wichtigste tansanische Erbe, zu Ende geht».

Nervös

Der Appenzeller Gandolf Wild, der in Rom als Generalsekretär des Kapuzinerordens wirkt und immer noch offiziell Mitglied der tansanischen Kapuzinerprovinz ist, kommentiert die verworrene Lage: «Mkapa ist nicht autoritär. Seine Partei, die CMM im Grunde genommen auch nicht. Aber sie sind nervös und handeln in Sansibar repressiv, nachdem ihre Verhandlungsbereitschaft zu keinem Ergebnis geführt hat.»

Walter Ludin

Quellen: Peter Baumgartner im Tages-Anzeiger,
Tanzania: Nelles Jumbo Guide,
Fischer Weltalmanach 2001
Internet

 

Tansania

Einwohner: 32 Millionen; 93% Bantus (rund 120 Ethnien/»Stämme»)
Lebenserwartung: 48 Jahre
Religionen: 35% Muslime, 33% Katholiken, 13% Protestanten; dazu Anhänger traditioneller Religionen sowie Hindus.
Hauptstadt: Dodoma
Regierungssitz: Dar es Salaam