ite/frères en marche

Nr. 4, 2002/4

Lateinamerika

Als Gast bei den Indios   

Junger Kapuziner überwindet Vorurteile

Der 18-jährige Derlis Rios, der vor einem Jahr bei den Kapuzinern als Postulant eingetreten ist, hat für kurze Zeit mit dem Volk der Nivacle zusammenengelebt. Diese Ureinwohner leben im Chaco, der in der ärmsten Region Paraguays.

Kannst du kurz die Welt der Nivacle beschreiben?

Die meisten Familien sind recht kinderreich. Die wenigsten Menschen können schreiben und lesen. Doch sind die Männer sehr geschickte Chauffeure oder Mechaniker. Wenn sie nach aussen auch verschlossen wirken, haben sie doch ein innerlich reiches Gefühlsleben. Die Männer verstehen auch spanisch, die Frauen aber nicht. Doch nun gehen auch immer mehr Kinder zur Schule und erlernen das Spanische.

Wie stehen die Nivacle in der Gesellschaft von Paraguay?

Sie müssen ihre Identität verteidigen und betrachten sich nicht als Bürger Paraguays, ausser wenn das Land Fussballmeister wird. Dann fühlen sie sich leichter als Mitbürger. Ähnliche fühlt das Volk der Guaraní. Wenn die Einheimischen sich etwas stark abgrenzen, dann um ihre Eigenart zu bewahren. Denn sie haben verständlicherweise Angst vor der erdrückenden Mehrheit der Fremdkultur, die sie beherrscht.

Welchen sozialen Problemen bist du begegnet?

Der Alkoholismus bildet eines der brennendsten Probleme der Indios, obwohl der Alkohol eigentlich verboten ist. Aber seit die Jungen auswärts arbeiten, wurde er erlaubt, um die Gemeinschaft nicht innerlich aufzuspalten. Die Erwachsenen beobachten die jungen Leute, können aber nicht verhindern, dass viele diesem Laster verfallen.

Wie verhalten sich die Nivacles zur Politik Paraguays?

Politisch ist die Nivacle-Gesellschaft stark organisiert. Die Chefs verhandeln mit den Regierungsleuten, die bei ihnen Stimmenwerbung betreiben. Sie hören ihnen zwar freundlich zu, nutzen sie aber auch zu ihren eigenen Gunsten aus, indem sie Schulen verlangen oder Versammlungsräume für ihre Stimmabgabe. Und wenn sie diese Wahlgeschenke bekommen, heisst das noch lange nicht, dass sie dann auch für die «Sponsoren» stimmen. Denn hinter vorgehaltener Hand sagen sie: Das sind doch meistens Lügner, die viel versprechen und es dann doch nicht halten.

Was hast du von den Nivacle gelernt?

Der enge Kontakt mit den Armen hat mich bestärkt in meiner Option für die Armen. Dazu hat er mir erlaubt, ganz konkret in die indianische Welt hinein zu sehen und ihre Kultur nicht mehr als primitiv einzuschätzen. Ich konnte meine Vorurteile überwinden. Vorher hielt ich die Indios für zurückgeblieben und kulturlos. Da ich nah der Hauptstadt Asunción aufgewachsen bin, hatte ich bisher keine Berührungen mit den Indios. Dachte ich früher an die Ureinwohner, sah ich vor mir Elendshütten, in denen wilde Menschen hausten. Jetzt kann ich nur staunen über ihre hohe Kultur. Heute darf ich sogar versichern: Wir können von ihnen allerhand lernen.

War der Kontakt zu deinen Gastgebern einfach?

Ich muss gestehen, dass es recht schwierig ist, in eine fremde Kultur hinein zu kommen. Ein kleines Beispiel: Wenn wir mal lauter reden, glauben sie gleich, wir hätten Streit. Denn sie reden leise und gemächlich. Auch ist die Kommunikation durch die fremde Sprache stark behindert. Und in einer engen Hütte zu wohnen, ohne Licht, Wasser und Komfort ist auch kein Pappenstiel. Das Leben auf dem Land, hier bei den Nivacle ist auch sehr verschieden von unserem Leben in der Stadt. Da sticht der Unterschied von reich und arm stark in die Augen. Die Armut hindert die Nivacles nicht zu leben. Ja, sie haben viel Zeit fürs Leben.

Interview: Bernard Maillard
Übersetzung Friedrich Frey

 

Der Chaco

Der Chaco dehnt sich mit 61% des paraguayischen Territoriums westlich des Flusses Paraguay aus und umfasst nur 3% der Gesamtbevölkerung des Landes. Auf 24 Millionen Hektar Land wohnen bloss 100 000 Menschen. Das entspricht einer Bevölkerungsdichte von bloss einer Person auf einem Quadratkilometer.

Der Chaco ist eine gewaltige, faszinierende Landschaft mit noch weiten, unberührten Gebieten. Nach dem Amazonas ist die Region die zweitgrösste Forstzone des Kontinents. Bis vor 70 Jahren gab es hier nur einige Indio-Völker (z.B. Pampidos, Nivacle, Lengua, Toba und Sanapana). Sie lebten von Jagd und Fischfang. Dann haben sich Mennoniten angesiedelt, ursprünglich Deutsche, die vorher hauptsächlich in Russland und Kanada gelebt hatten. Die 10 000 Mennoniten haben ihre eigenen Banken, Schulen und Krankenhäuser und sprechen Plattdeutsch und nur wenig Spanisch.