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Nr. 1, 2004/1

Fastenopfer: Recht auf Nahrung

Globale Solidarität sichert Leben   

Aus dem Grundlagentext des Fastenopfers 2004

In Brasilien verfügen mehr als 54 Millionen Personen nicht über ein ausreichendes Einkommen, um die Ausgaben für Ernährung, Wohnung, Kleidung und Gesundheit zu decken. Ungefähr 30 Millionen Brasilianer und Brasilianerinnen haben nicht genügend zu essen. Die Mehrheit kann täglich nur eine Mahlzeit zu sich nehmen. Diese Situation ist in ganz Lateinamerika ähnlich und in Afrika noch schlimmer. Sie führt zu illegaler Migration, zu Gewalt in grossen Städten und zu zahlreichen Unruhen.

Genügend Lebensmittel

Es fehlt nicht an Nahrungsmitteln. Im Gegenteil: 2002 erreichte die weltweite Getreideproduktion 1,83 Milliarden Tonnen. Dies entspricht einer jährlichen Portion von 300 Kilo oder fast einem Kilo pro Tag für jeden der 6,1 Milliarden Menschen. Das Problem liegt in der Verteilung. Das Welteinkommen ist immer stärker konzentriert. Die Menschen, die in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts verarmten, sind heute weitgehend davon ausgeschlossen.

Ängste

Dieses Ungleichgewicht bringt Unsicherheit sowohl in den Ländern, deren Bevölkerung mehrheitlich arm ist wie auch in den Ländern der sogenannten entwickelten Welt. Auf Grund der Globalisierung des Handels hat eine Krise in den Orangenplantagen Floridas Auswirkungen auf den Export und die Wirtschaft von afrikanischen Ländern. Eine Krankheit, die sich an einem Ort ausbreitet, wird zu einer weltweiten Bedrohung. Das Klima kollektiver Angst wegen mangelnder guter Zukunfts-Perspektiven bestimmt uns alle. Deshalb brauchen wir heute eine weltweite Übereinstimmung im Engagement der Kirchen und Basisorganisationen beim Angehen der Probleme, welche die ganze Welt betreffen.

Was ist Solidarität?

Die Wege zu Gott sind unzählig. Aber alle Religionen und spirituellen Wege haben etwas gemeinsam: Die beste Weise, um den Weg zu Gott zu finden, ist die Liebe. Die beste Übersetzung dieser Liebe, die eine göttliche und von allen zu entwickelnde Gabe ist, heisst heute Solidarität. Solidarität ist mehr als soziale oder wirtschaftliche Hilfe für die Armen: Es ist eine liebevolle gegenseitige Verantwortung unter Personen und Gemeinden, unter Kirchen und Religionen und sogar unter Völkern und Nationen mit dem Ziel der Gerechtigkeit und der Geschwisterlichkeit unter den Menschen.

Buddha ... Koran

Die Antwort vieler grosser Religionen angesichts des Leidens der Armen ist das Mitgefühl. Prinz Siddharta Gautama bewegte diese Sorge. Der Wunsch, das Leiden der Menschen zu überwinden, liess ihn auf alles verzichten, was er hatte und zu Buddha, dem Erleuchteten werden.

Der Koran macht die Almosen und die Solidarität zu einer Säule islamischer Spiritualität. Das Buch beginnt mit den Worten: «Im Namen Gottes des Barmherzigen». Die ganze muslimische Mystik basiert auf Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. In jeder liturgischen Feier des Islam ist die Hilfe für die Armen vorgesehen.

Jesus

Prophetische Gemeinschaften und Jesus selbst werden solidarisch, indem sie arm werden mit den Ärmsten. Sie nehmen die Armut nicht als Wert in sich an, sondern um in Gemeinschaft mit den Verarmten zu kommen. Die biblische Armut hat zwei besonders starke Ausdrucksformen: Einerseits sich ganz auf Gott im Vertrauen auf seine Treue zu uns verlassen: «Seine treue Liebe ist ewig» (vgl. Ps 118 und 136). Das erlebte das biblische Volk in der Wüste, als es jeden Tag vom Manna abhing, das Gott ihm schickte. Andererseits das Teilen unseres Lebens mit den Brüdern und Schwestern. Die Armen selber lehren uns hier am meisten (vgl. Kasten: Josés Nieren).

Mord am Kreuz

Gott war bereit, selber arm zu werden. Wir feiern seine tiefste Offenbarung jedes Mal, wenn wir die Erinnerung an Jesu Tod am Kreuz begehen. Gott wollte und mochte das Kreuz und den Tod Jesu nicht. Es war ein grausamer und ungerechter Mord. Er geschieht weiterhin, besonders an ganzen Völkern, die «gekreuzigt» werden, damit eine Minderheit in Reichtum leben kann.

Wir dürfen das Kreuz nie religiös rechtfertigen. Es gibt weder Erklärung noch Rechtfertigung für das Leiden, weder von Jesus noch von sonst jemandem. Der gekreuzigte Jesus ist das Abbild des Vaters, der sich schenkt.

Was tun?

Eindringlich ruft heute ein grosser Teil der Menschheit nach Frieden und erwartet, dass die Religionen gemeinsam eine konkrete und wirksame Form des Handelns entwickeln, die unter den Nationen Frieden, Gerechtigkeit und Achtung vor der Schöpfung garantieren kann. Bis jetzt konnten wir die Nord-Süd-Beziehungen auf kirchlicher Ebene nicht als Beziehungen von Gegenseitigkeit gestalten. Es ist dringend, dass wir partnerschaftliche Formen des Austausches finden und dabei zu grösserer Gegenseitigkeit unter unseren Kirchen ermutigen. Vermehrt haben die Länder Europas die Dritte Welt mitten unter sich: als die vielen Migranten und Migrantinnen, die mit illegalem oder legalem Status immer noch stark marginalisiert werden. Es ist wichtig, die prophetischen Zeichen von Solidarität und Gemeinschaft mit diesem Teil der Gesellschaft zu verstärken und gerechtere Beziehungen mit den Kirchen Afrikas und der ganzen Dritten Welt aufzubauen.

Der kulturelle und religiöse Pluralismus ist ein Merkmal unserer Zeit. Als Kirche wie Jesus zu dienen, verlangt in diesem Kontext von den Hirten und den Gläubigen eine grössere Aufmerksamkeit für den Dialog und die Öffnung für andere Kulturen und Religionen.

Marcelo Barros
Übersetzung: Susann Schüepp

Der Autor

Marcelo Barros ist brasilianischer Benediktinermönch, Theologe und Autor zahlreicher Bücher. Er ist in Brasilien Prior eines Klosters, Mitglied des ökumenischen Bibelinstituts und nationaler Berater der Basisgemeinden bei Landfragen. Zudem ist er Mitglied der ökumenischen Vereinigung der Drittwelt-Theologen und Theologinnen in Lateinamerika.

Josés Nieren

Der 20-jährige José Honório wartete in einem Spital in Brasília auf eine Nierentransplantation. Solange diese nicht möglich war, musste er zweimal pro Woche 50 Kilometer zur Dialyse reisen. Als er endlich zur Operation zugelassen wurde, war ich im Spital. Als ich merkte, dass er nicht operiert worden war, fragte ich nach der Ursache. Er erklärte, er sei sehr traurig geworden, als er einen Jungen von zehn Jahren gesehen habe, der eine Transplantation benötigte und noch lange darauf hätte warten müssen. Deshalb schenkte er dem Jungen seine für ihn bestimmte Niere und meinte zu mir: «Er hat weniger lang als ich gelebt. Er hat das Recht, bald gesund zu werden.» José bezeichnet sich nicht als religiös, aber er stellte sich der Herausforderung grosser Unsicherheit.