ite/frères en marche

Nr. 4, 2005/4

Peru/Indonesien

Die Uni des Kapuziner-Bischofs   

Lino Panizza und die Jugend

Der aus Italien stammende Kapuziner Lino Panizza sorgt sich als Bischof einer Diözese am Rande von Lima in besonderer Weise um die Jugend.

In Peru machen die jungen Leute unter 25 Jahren einen Viertel der Gesamtbevölkerung aus. Für Bischof Lino Panizza ist es unerträglich, dass diese jungen Leute zwar eine Schulbildung erhalten, dann aber auf der Strasse stehen, ohne Arbeit und ohne Zukunftsperspektive.

Grosses Ziel

Der Bischof hatte sich ein grosses Ziel gesetzt: die Reform der Ausbildung durch die Schaffung einer katholischen Universität. Er weiss, dass die jungen Leute – vor allem jene aus den unteren Schichten – kaum eine berufliche Chance haben. Zwar hatte er, bevor er im Jahr 1997 zum Bischof der neuen Diözese von Carabayllo an der Peripherie von Lima ernannt wurde, von einem eigenen Engagement der Kirche auf dem Sektor der Ausbildung wenig wissen wollen. Aber als Bischof gründete er eine eigene «katholische» Universität. Er gab ihr den biblischen Namen «Sedes sapientiae» (Sitz der Weisheit). Sie funktioniert bestens und ist vom Staat offiziell anerkannt. Bereits haben die ersten Studenten ihren Abschluss gemacht. Ganz klein hatte es mit einer Abendschule angefangen, die zunächst nur einige Weiterbildungskurse in ihrem Angebot hatte. Dann nahm die Sache einen unerwarteten Aufschwung. Heute sind an der Universität des Bischofs mehr als 3000 Studenten eingeschrieben.

Einsatzfreudige Lehrer

Was den Bischof vor allem schockiert hatte, war das mangelnde Verantwortungsgefühl der Lehrer. Ein Aufsteller aber ist, was jene neuen Lehrer leisten, die ihre Ausbildung in der kirchlichen Institution «Fe e Allegria» (Glaube und Freude) erhalten haben. Sie bekommen keinen höheren Lohn als ihre Kollegen, die an staatlichen Institutionen unterrichten. Aber ihr Unterricht ist qualitativ eindeutig besser. Sie arbeiten nämlich nicht nur des Geldes wegen, sondern weil es ihnen wirklich um die Zukunft der jungen Leute geht. Dass es auch bei den Grundkenntnissen der Schüler mangelt, braucht niemanden zu wundern. Vom Einsatz der Lehrer hängt aber weitgehend die berufliche Zukunft der Schüler ab. Immer wieder setzt sich der Bischof selber dafür ein, seine Lehrer in diesem Sinn zu motivieren.

Katastrophales familiäres Umfeld

Man kann es nicht anders sagen: Das familiäre Umfeld der Jugendlichen in der Hauptstadt Perus ist katastrophal. 80% der Familien sind zerrüttet, nicht nur auf Grund der materiellen Notlage. Ehepaare finden sich meist ohne Trauschein zusammen. Scheidungen sind an der Tagesordnung und viele Familien sind Patchwork-Familien, in denen die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern kreuz und quer gehen. Die zunehmende Landflucht ist sicher eine der Ursachen dieses Missstandes. Die Leute ziehen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Stadt. Die traditionellen sozialen Beziehungsnetze lösen sich auf. Das Leben am gesellschaftlichen Rand der Stadt provoziert geradezu das menschliche und soziale Elend. Es sind dann vor allem die Kinder und die Jugendlichen, die unter der Zerrüttung der Familien leiden. Viele bleiben für ihr Leben geschädigt. Manche geraten von einer Krise in die nächste. Die Suizidrate ist ausserordentlich hoch.

Berufliches Ausbildungszentrum

Der Bischof hat sich das Ziel gesetzt, auch jenen Jugendlichen zu helfen, für die ein universitäres Studium nicht in Frage kommt. Ein berufliches Ausbildungszentrum eröffnet vielen eine Zukunft, die sie sich nie hätten träumen lassen. Es braucht manchmal nur wenig, um jungen Menschen, die ohne Aussicht auf berufliche Ausbildung sind, neue Hoffnung zu geben. Zwar weiss der Bischof oft nicht, wo er ansetzen soll. In erster Linie geht es ihm aber immer wieder um die Ausbildung.

Leben teilen

Die Kirche kann nach dem Urteil von Bischof Lino Panizza nur dann evangelisierend wirken, wenn sie die Grenzen einer bloss sakramentalen Seelsorge überschreitet und sich mit den konkreten Lebensbedingungen der Menschen auseinander setzt. Dabei darf sie deren spirituelle Bedürfnisse sicher nicht ausser Acht lassen.

Miteinander das Wort Gottes teilen ist für den Bischof ein wesentliches Element. In den verschiedenen Seelsorgebezirken der Diözese gibt es ein ganzes Netz von so genannten «Casas de Dios» (Häuser Gottes). Dort können die Leute sich treffen, miteinander das Leben teilen und in einfachen Gottesdienstformen den Herrn des Lebens feiern.

Botschafter des Evangeliums

Viele Jugendliche und junge Erwachsene wirken in ihrem Umfeld als «Botschafter des Evangeliums». In der Diözese von Bischof Lino sind es gut 3000 Jugendliche und junge Erwachsene, die sich als Wegbereiter der befreienden Botschaft Jesu verstehen und sich im Dienst der Menschen einsetzen. Der christliche Glaube ist für sie nicht die Grabstätte guter Absichten und Meinungen, sondern die Quelle, aus der neues, hoffnungsvolles Leben entspringt.

Bernard Maillard
Übersetzung: Thomas Morus Huber

 

Die Diözese

Auf dem Gebiet der Diözese Carabayllo leben mehr als zwei Millionen Einwohner. Sie ist Teil der Hauptstadt Lima, die auf einem Gebiet von 50 km2 gut acht Millionen Einwohner zählt. In 41 Pfarreien arbeiten 60 Welt- und Ordenspriester, die Hälfte davon Peruaner.