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Nr. 1, 2006/1

Fastenopfer: Menschenrechte

Rückendeckung für kenianische Frauen   

Ein Projekt des Fastenopfers

Die Basis aller Programmarbeit des Fastenopfers heisst «Empowerment»: Menschen im Süden werden unterstützt, für ihre Rechte einzutreten. Frauen haben es dabei besonders schwer.

Die Kenianerin Mboje Mjomba stammt aus einer Grossfamilie, die stark in der katholischen Kirche engagiert ist. Spiritualität und der Einsatz für Menschenrechte waren und sind für sie eng verflochten. «In Kenia gibt es viel Gewalt zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Die Korruption unterhöhlt die Gesellschaft und die Frauen werden diskriminiert. An unseren Schulen und Universitäten reagieren die Studierenden ihre Wut über die Studienbedingungen oft gewaltsam ab. Die katholische Studentenbewegung IMCS unterstützt deshalb an acht Universitäten so genannte Friedensräte aus unterschiedlichen religiösen und gesellschaftlichen Gruppierungen, die zwischen Behörden und Studierenden vermitteln.

Gewaltfreie Lösungen

IMCS ist erfolgreich, weil sie hohes Ansehen geniesst», erklärt Mboje Mjomba. In Kenia sind um die 5000 Studierende – je zur Hälfte Männer und Frauen – in der Bewegung engagiert; in ganz Afrika etwa eine halbe Million. Es handle sich um eine bedeutende Gruppe mit Einfluss. Die Bewegung, zu deren Gründer das Fastenopfer gehört, ist auch in Asien und Südamerika tätig. Wie sieht die Arbeit konkret aus? «In Veranstaltungen wird die Gewalt thematisiert. Es werden Strategien für gewaltfreie Lösungen diskutiert und entwickelt», erklärt die Fachfrau für Friedensstudien. «Menschenrechte muss man kennen, man muss wissen, dass sie einem zustehen und wie man sie erhalten kann.» Dabei kommt den Frauenrechten besonderes Gewicht zu, denn gerade Frauen sind oft Opfer von Diskriminierung, Gewalt und Armut. «In Kenia gibt es aber auch viele starke Frauen mit einer guten Ausbildung, die sich für ihre Rechte einsetzen. In allen Gruppen arbeiten sie in Führungspositionen mit, dazu kommt eine Anzahl von Männern, die sich intensiv mit der Geschlechter-Gerechtigkeit auseinander setzen. Wir werden ausserdem 2006 einen langfristigen Prozess für Frauenrechte beginnen.» Im Moment arbeiten diese Gruppen überwiegend in den Städten. Vermehrt sollen auch auf dem Land diese neuen Werte weitergegeben werden.

Grenzen überschreiten

«Es hat sich wirklich etwas bewegt», betont Mboje Mjomba, «auch in der katholischen Kirche.» So gibt es etwa zwei Ordensfrauen in Kenia, die als Gemeindeleiterinnen arbeiten. «Wir bestehen immer darauf, dass zu jedem Führungsteam eine oder zwei Frauen gehören. Wir thematisieren auch die Frauenbeschneidung, die an vielen Mädchen, auch katholischen, vorgenommen wird. Wir informieren über ihre gesundheitlichen und psychologischen Folgen. Viele Mädchen sind davon traumatisiert. Sie haben ein Leben lang mit Infektionen, auch des HI-Virus, und Schmerzen zu kämpfen …» Der rituelle Übergang vom Mädchen zur Frau ist in Kenia sehr wichtig, damit die junge Frau in der Gesellschaft ihren Platz erhält und überleben kann. Deshalb bieten die kirchlichen Gruppen Rituale ohne Beschneidung an. «Als Zeichen für ihre neue Würde erhält die junge Frau einen Kanga, ein traditionelles Hüftwickeltuch, und eine Halskette. Je nach Konfession und Religion sehen diese Feiern unterschiedlich aus. Muslimas, Katholikinnen oder Baptistinnen haben ihre eigenen Formen.» Allerdings ist dies alles freiwillig. Ethnien wie die Massai tun sich mit solchen Neuerungen schwer.

Witwen werden verjagt

Victoria Mutile Mutungi ist eine gestandene Mutter mit sechs Kindern. Sie hat am Programm des WRC-Instituts in Nairobi teilgenommen, das vom Fastenopfer unterstützt wird. Zusammen mit 30 Frauen und 18 Männern wurde sie als Dorf-Advokatin ausgebildet. Sie berät in Fragen der Menschenrechte, der Land- und Familienrechte und bei häuslicher Gewalt.
So unterstützt sie Familien dabei, wie man Frauen im Todesfall des Mannes schützt. Offiziell beerbt in Kenia die Ehefrau zwar den Mann. Doch ohne eine entsprechende Verfügung kann sie von der Familie ihres Mannes von ihrem Land und aus ihrem Haus vertrieben werden.
Victoria hat dies am eigenen Leib erlebt: Einen Tag nach dem Begräbnis ihres Ehemannes wurden sie und ihre Kinder verjagt. «Unsere Kultur gibt Männern einen besonderen Platz in der Gesellschaft und rechtfertigt die Unterdrückung der Frauen. Von Kindheit an lernen Frauen, den Männern zu gehorchen!»

Hilfe am Markttag

Victoria ist heute sehr angesehen und leitet ein Team von elf freiwilligen Anwälten, neun Frauen und zwei Männern. Am Markttag können die Frauen ohne Aufsehen ihre Dörfer verlassen. Dies nutzen sie dann, um juristische Hilfe vom Team zu erhalten.
«Besonders Frauen, die missbraucht werden, brauchen einen Platz, wo sie sich Unterstützung holen können», betont die Fachfrau. Viele ziehen die Beratung des Teams der Polizei vor. Denn diese weigert sich oft einzugreifen und rät den misshandelten Frauen, die Probleme doch daheim zu lösen. «Häusliche Gewalt wird als internes Familienproblem gesehen», bestätigt die Advokatin.

Opfer von Vergewaltigungen

Etwa 30 Fälle werden dem Team am Markttag vorgelegt: «Die meisten Hilfesuchenden sind vertriebene Witwen oder Mütter, die vom Ehemann verlassen wurden und keinerlei Hilfe für die Kinder erhalten», berichtet Victoria Mutile Mutungi. Ausserdem kann sie nach einem Training für die Sicherung von Beweisen bei Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen tätig werden. «Heute wissen die Opfer, dass sie sich nicht duschen dürfen und sofort einen Arzt aufsuchen müssen. Ausserdem müssen sie Medikamente gegen sexuell übertragbare Krankheiten erhalten.» Victoria berichtet von zwei Mädchen, die Polizisten von der Strasse weg inhaftierten und sie anschliessend auf dem Posten schlugen und vergewaltigten. Sie brachte sie zu einem Arzt. «Auf dem ganzen Weg weinte das eine Mädchen. Es brach mir fast das Herz.» Dank dem Team kam das Ganze in die Medien. Es gab Druck, und die Polizisten wurden verhaftet.

Tatkräftige Unterstützung

Victoria und Mboje helfen Frauen, zu ihrem Recht zu kommen. Dank ihnen werden die Menschenrechte bekannt. Männer wie Frauen lernen, sie zu respektieren und einzufordern. Damit sie weiter arbeiten können, brauchen sie unsere tatkräftige Unterstützung und Solidarität.

Christiane Faschon, Fastenopfer

 

Zwei Fachfrauen

Mboje Mjomba ist Fachfrau für Friedensstudien in bewaffneten Konflikten und arbeitet für IMCS. Victoria Mutile Mutungi ist Barfuss-Anwältin und arbeitet für WRC. Beide sind Mitarbeiterinnen in Programmen, die vom Fastenopfer unterstützt werden.