ite/frères en marche

Nr. 3, 2007/3

Frauen in Afrika

Was wäre Afrika ohne Frauen   

Ohne Frauen würde Afrika verhungern. Aber rechtlich haben die Männer das Sagen, bisher wenigstens.

Wie bei Begegnungen im Süd-Sudan üblich, hielt der Missionar, mit dem wir unterwegs waren, bei den Entgegenkommenden kurz an. Der Mann war Ende 50, gross und kräftig. Hinter ihm ging ein Mädchen, knapp 18 vielleicht, gekleidet in der traditionellen Tracht der Toposa-Volksgruppe, die im Südosten des Süd-Sudans lebt.

Die junge Frau war schweissüberströmt und keuchte. Den schweren Korb hatte sie zu Boden geworfen. Der Missionar und der Mann wechselten kurz einige Worte. Dann hob die Frau den Korb auf die Schultern und folgte dem Mann in vier Schritten Distanz. Zum Markt in der Kleinstadt Narus hatten sie noch gut zwei Wegstunden zu gehen.

«Wen Gott straft …»

Der Mann sei der reichste in der Gegend, besitze über 500 Rinder; das Mädchen sei seine vierte Frau, erzählte der Missionar, «120 Rinder hat er für sie bezahlt». Nach einer kurzen Pause fügte er trocken bei: «Hier sagt man: ‹Wen Gott straft, lässt er als Toposa-Mädchen zur Welt kommen›.»

In den folgenden Tagen, auf der Weiterreise zu den grössten Völkern im Südsudan, den Dinka und den Nuer, hörten wir den gleichen Satz erneut. Nur waren dort die von Gott Bestraften Dinka- oder Nuer-Mädchen.

Kaum irgendwo sonst in Afrika ist die Frau so übel dran, gilt sie so wenig wie bei einigen Volksgruppen im Südsudan. Nur als heiratsfähiges Mädchen hat sie einen Wert: Monatelang feilschen die Väter und Brüder um den Brautpreis. Der Bräutigam mit dem höchsten Angebot erhält den Zuschlag. Das Mädchen hat nichts zu bestimmen. «Was sie erwartet, ist Mühsal und Erniedrigung», urteilt die südsudanesische Erwachsenenbildnerin Susanne Jambo: «Männer im Südsudan betrachten Frauen als Ware, als Arbeitstier, das gleichzeitig Nachkommen hervorzubringen hat.»

Gemeinsamkeiten

Südsudan ist nicht Afrika. Welten trennen das Toposa-Mädchen von den rundlichen Mamas im Kongo, die heiter und voller Selbstsicherheit hinterm Gemüsestand stehen und mit erschlagender Zungenfertigkeit ihre Waren anpreisen; oder von den gewieften, Westafrika beherrschenden Stoffhändlerinnen in Ghana; oder von den eleganten Bankfrauen in der senegalesischen Hauptstadt Dakar, die sich nach der neuesten, aus Paris importierten Mode kleiden.

Im westlichen Ausland dominiert das schöne, ländlich geprägte Bild der afrikanischen Frau, die couragiert aufs Feld marschiert, das Kind auf dem Rücken, den Korb auf dem Kopf und die Hacke in der Hand. Das Bild stimmt – und stimmt doch nicht ganz. Frauen in Afrika und ihre gesellschaftliche Stellung spiegeln genau so die faszinierende und bereichernde Vielfalt des Kontinents wie etwa Tanzbräuche oder die Verhaltensnormen der rund 1500 einzelnen Volksgruppen.

Indessen gibt es bei aller Vielfalt Gemeinsamkeiten, die als typische Wesensmerkmale für «die afrikanische Frau» angeführt werden können, ohne sich dem Vorwurf billiger Verallgemeinerungen auszusetzen.

Bodenhaftung

Wer in den vergangenen Jahren die Flüchtlingsströme in Afrika als Augenzeuge mitverfolgen konnte oder musste – Ruanda, Burundi, Sierra Leone, Liberia, Kongo –, der gewann höchsten Respekt für die Frauen. Wo immer den Flüchtlingen ein vorläufiger Platz zum Ver- weilen zugewiesen wurde, bot sich schnell und überall das gleiche Bild: Während die Männer erschöpft oder apathisch herumsassen, suchten die Frauen Feuerholz. Schon nach einer halben Stunde sassen die Kinder um einen Topf und assen.

Frauen in Afrika sorgen mit besonderer Hingabe und meist bis zur Selbstaufgabe für ihre Kinder. Frauen in Afrika arbeiten mehr als Männer, sie sind zuverlässiger. Sie bezahlen – wie Kirchen, Hilfswerke und Banken einmütig bestätigen – ihre Kleinkredite unerbittlicher zurück und verwenden sie sorgsamer. Sie haben einen ausgesprochenen Hang fürs Praktische. Sie stehen mit beiden Beinen auf dem Boden; sie müssen es als die Verantwortlichen für Kinder, Haushalt und in vielen Fällen auch für das Haushalteinkommen.

Sie ernähren Afrika

Quer durch den Kontinent bestreiten vier Fünftel der Frauen mit der Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt. Sie ernähren Afrika, aber Afrika respektiert das nicht. In Uganda beispielsweise tragen die Frauen zu 80 Prozent zur Lebensmittelproduktion bei, besitzen aber nur 7 Prozent des Landes.

Was die Frau auf Feld und Acker leistet, gilt als hausinterne Verpflichtung gegenüber der Familie und nicht als Arbeit im eigentlichen Sinne. Was hingegen der Mann auf dem Feld treibt, wird als Arbeit beurteilt und findet als solche Eingang in die nationalen Wirtschaftsstatistiken und in jene der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Mehr noch, gemäss Untersuchungen der kenianischen Kommission für Menschenrechte bestimmt der Mann zu 90 Prozent über das Geld, das er als Bauer einnimmt.

Männer reden, Frauen handeln

Frauen sind ausgesprochen findig im Aufspüren von Einkommensmöglichkeiten. Sie reichen weit über den üblichen Gemüse- und Fischverkauf hinaus. In der Landwirtschaft sind sie begnadete «Nischen-Produzentinnen».

Viele Beispiele liessen sich erzählen, von den Pokot-Frauen im Norden Kenias, die ihren Haushalt und die Kinder mit Hühnerzucht und dem Verkaufen von Eiern finanzieren; von den Frauen der Insel Sansibar, die in harter, die Finger krümmenden Arbeit aus Kokosfasern Teppiche knüpfen; von der Frauengruppe um Clementine, die im Südosten Nigerias eine Schweinezucht aufgebaut hatte: «Ich erhielt ein trächtiges Mutterschwein, das mein Mann als ‹Stinker› beschimpfte. Nun verdiene ich mehr als er.»

Marie-Claire

Zu erzählen gibt es auch von Marie-Claire in einem kleinen Dorf ganz im Osten Guineas, wo wir wegen einer Autopanne stecken geblieben waren. Marie-Claire kam mit einem Krug Wasser. Bald gesellten sich andere Frauen hinzu. Sie wollten uns Kaninchen verkaufen, die sie züchteten, um mit dem Ertrag die Kinder selbst in höhere Schulen schicken zu können. Ein Wort gab das andere. Wir sprachen über ihr Geschäft, übers Geld und über ihre Männer. Im Verlaufe des Gesprächs sagte Marie-Claire jene Sätze, die Eingang ins Notizbuch fanden: «Die Männer haben Angst vor uns. Wir arbeiten hart und sind erfolgreich. Wir wissen uns zu helfen. Wir verdienen unser Einkommen selbst. Wir sorgen für die Kinder, mit denen die Männer nichts anfangen können. Im Haus sind die Männer klein, weil sie zu essen wollen. Sie wissen das, auch wenn sie uns bisweilen schlagen. Und darum blasen sie sich so auf, wenn sie das Haus verlassen. Darum pochen sie draussen auf ihre Vorrechte und auf die Macht über die Frauen.»

Marie-Claire diktierte langsam, angefeuert von den Frauen ringsum. Es war eine heitere Runde. Es gibt kaum etwas Zuversichtlicheres in Afrika als eine Gruppe von Frauen, die über ihre eigenen Lebensvorstellungen sprechen – mit viel Gelächter, selbstbewusst und jene Kraft ausstrahlend, die afrikanischen Frauen eigen ist.

In Europa war’s nicht anders

Auch nach 13 Jahren in Afrika registriert man noch immer jeden Mann auf der Strasse, der ein Kind trägt oder an der Hand führt. Es sind wenige, und auf dem Land gar keine.

Kamket, ein junger Pokot aus dem Norden Kenias, mit Hochschulabschluss, einer guten Stelle und verheiratet mit einer Juristin, fiel fast vom Stuhl auf die Frage, ob er sein einjähriges Töchterchen auch schon gewickelt habe. «Nie! Haushalt und Kinder, erst recht die kleinen, sind Sache der Frau!» Es war übrigens in Europa nicht anders, bis in die 60er Jahre hinein. Das macht die Sache nicht besser, bewahrt aber vor Vorurteilen.

Peter Baumgartner, Nairobi

 

Unser Autor

Peter Baumgartner, der Autor der Artikel des vorliegenden ite, war von April 1994 bis April 2004 Afrika-Korrespondent des Tages-Anzeigers mit Sitz in Nairobi. Seit 1996 unterstützt er eine Schule im Slum der kenianischen Hauptstadt. Und seit April 2005 gibt er eine Monatszeitung für kenianische Kleinbauern heraus: The Organic Farmer (als pdf im Internet abrufbar unter: www.biovision.ch).