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Nr. 2, 2008/2

Tierisches

«Dem Tier gebührt besondere Ehrfurcht»   

Tiere aus biblischer Sicht

Was sagt die Bibel zum Verhältnis Mensch – Tier? Der bekannte Kapuziner Anton Rotzetter, Präsident der «Aktion Kirche und Tiere/Akut», beantwortet im Gespräch mit Willy Gautschy diese Frage.

 

Die Theologie habe vergessen, dass der Mensch sich nicht von der Natur absetzen dürfe, stellt Anton Rotzetter fest. «Damit hat sie sich aber selber isoliert. Wenn man sagt ‹Mensch und Natur›, ist man schon fehlgeleitet!» Denn mit dieser Formulierung erhebe sich der Mensch sozusagen über die Natur. Er setze aber so die eigene Natur, auch die eigene Triebnatur, herab. Das führe in letzter Konsequenz dazu, dass «alles, was ausserhalb der menschlichen Natur ist, zu einem Gegenstand wird» – oder im Extremfall zu einer Ware.

Dieser Sicht der Dinge stehe die Bibel entgegen. Auf den Punkt gebracht wird das wohl im Buch Kohelet (Prediger 3,19–21), wo die Einheit von Mensch und Tier in besonderer Weise betont wird: «Wie diese sterben, so sterben jene. Beide haben ein und denselben Atem. Einen Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es da nicht. Beide sind Windhauch. Beide gehen an ein und denselben Ort. Beide sind aus Staub entstanden, beide kehren zum Staub zurück. Wer weiss, ob der Atem der einzelnen Menschen wirklich nach oben steigt, während der Atem der Tiere ins Erdreich sinkt?»

Tierschutz im Alten Testament

Wie aber kommt es, dass sogar namhafte Theologen und viele Mitglieder der christlichen Gemeinden der Meinung sind, die Bibel sei tierfeindlich? In Wirklichkeit sind in den fünf Büchern der Weisung, also in der Tora (den «Mosesbüchern»), nicht nur sehr modern anmutende soziale Weisungen zu finden, sondern auch Weisungen, welche die Haltung des Menschen zu Natur, Umwelt und Tieren betreffen.

Man kann sie als Frühformen natur- und tierschützerischer Bemühungen verstehen, die immer auch dem Schutz des Menschen dienen. Denn dieser und seine Mitgeschöpfe sind auf eine intakte Umwelt angewiesen, was den Hebräern sehr wohl bekannt gewesen ist; daher beispielsweise das biblische Verbot, in Konfliktfällen Fruchtbäume zu fällen (5. Mose 20,19–20). Denn diese sichern die Lebensgrundlagen von Mensch und Tier.

Gebete statt Opfer

Die weit verbreitete Meinung, dass ohne die Durchführung von Tieropfern Juden nicht für ihre Sünden büssen können, ist eine Falschinterpretation der Bibel. Denn die Tieropfer waren nur für unbeabsichtigte Sünden vorgesehen (vgl. 3. Mose 4,1). Als diese so genannten Sündopfer können hingegen nicht nur Tiere, sondern es kann auch Mehl dargebracht werden: «Kann er aber auch die zwei Turteltauben oder die zwei jungen Tauben nicht aufbringen, so bringe der, welcher gesündigt hat, als seine Opfergabe feinstes Feinmehl als Sündopfer dar.» (3. Mose 5,11)

Zahlreiche Stellen informieren zudem darüber, dass auch Gebete den Platz von Opfern einnehmen können: «Ich habe Gefallen an Güte und nicht Opfern, an der Erkenntnis Gottes mehr als an Brandopfern.» (Hosea 6,6)

Anton Rotzetter weist überdies darauf hin, dass mit dem Tieropfer das Menschenopfer abgeschafft worden ist. Das Tieropfer sei aber auch «eine Eingrenzung des Schlachtens». Denn es gab  im damaligen Israel «eigentlich nur eine rituelle Schlachtung». Die profane Schlachtung komme im Alten Testament ganz selten vor. Sie sei sozusagen ein Zugeständnis an die Schwachheit des Menschen. Die Paradiesgeschichte zeige, dass «die vegetarische Lebensweise eigentlich eine von Gott gewollte Lebensweise» sei.

Tierseele?

Viele Menschen fragen sich, ob Tiere denn eine Seele haben, ob es gar ein «Wiedersehen» nach dem Tode eines geliebten Tieres gebe. Eine legitime Frage, oft vernachlässigt von der Theologie, vielen Eltern aber wohlbekannt. Was meint Rotzetter dazu? Zunächst warnt er vor der Vermenschlichung oder gar Vergöttlichung des Tieres. Er betont, ein Tier müsse man als Tier betrachten.

Nachdrücklich erklärt er aber: «Was Gott geschaffen hat, geht nie verloren. Nichts fällt ins Nichts zurück. Alles wird in Gott vollendet.» Generell müsse man natürlich aufpassen, dass man sich das, was nach dem Tode geschieht, nicht allzu naturalistisch vorstellte.
Rotzetter weist auch auf den Willen Gottes hin, die Welt insgesamt zu vollenden und zitiert den Römerbrief des Paulus: «Denn auch die Kreatur wird frei werden von der Knechtschaft des vergänglichen Wesens zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass alle Kreatur sehnt und ängstigt sich mit uns» (Römer 8,21–22).

Mensch in der Schöpfung

Der «Aktion Kirche und Tiere» gehe es um ein Gesamtanliegen, betont Anton Rotzetter: «Es geht um die Schöpfung: um den Menschen in der Schöpfung, um die Erkenntnis, dass jedes Mal, wenn ich der Natur etwas wegnehme, dem Tier etwas wegnehme, auch ein Stück Menschlichkeit stirbt.»

Er sei überzeugt, dass in der heutigen Gesellschaft neben der Vergötterung der Mobilität die Ehrfurchtslosigkeit eine besondere Rolle spiele. Die Einstellung zum Auto und zum Tier sei eine Art Schnittstelle, an welcher der heutige Lebensstil, der weitgehend auf dem Prinzip der Ausbeutung und der Rücksichtslosigkeit aufbaue, eine revolutionäre Wende erfahren könne – «zugunsten von Lebensqualität, weitgehender Gerechtigkeit und umfassender Solidarität».

Willy Gautschi

 

Berliner Erklärung von AKUT (2002)

Die Welt ist nicht nur für die Menschen da,
sondern für alle Geschöpfe Gottes.
Jedes Geschöpf hat sein eigenes Lebensrecht.

Jede auch unscheinbarste Art ist in sich vollkommen
und hat ihre Bedeutung im Schöpfungsganzen.

Menschen und Tiere sind fühlende Wesen, mit Sinnen begabt,
fähig zu geniessen und zu leiden.

Gott ist ein Freund des Lebens.
Wer Gott liebt und ehrt, der liebt und ehrt auch seine Geschöpfe.