ite/frères en marche

Nr. 3, 2008/3

Tamilen

 

Religiöse (Dis-)Harmonie   

Die Rolle der Religionen im Bürgerkrieg

Während Jahrhunderten lebten auf Sri Lanka die Anhänger von vier Religionen friedlich beisammen. Als der Buddhismus 1972 Staatsreligion wurde, kam es zu Missstimmung unter den Hindus, Muslimen und Christen.

Der Buddhismus ist die Religion der meisten Singhalesen, der Hinduismus die Religion der meisten Tamilen. Diese zwei Glaubensgemeinschaften lebten seit undenklichen Zeiten harmonisch Seite an Seite. Sie machten gegenseitige Anleihen. So werden einige Gottheiten von beiden Religionen verehrt.

Muslime und Christen

Den Islam brachten arabische Kaufleute lange vor dem 10. Jahrhundert nach Si Lanka. Er ist hier recht dominant und selbstbewusst. Die Muslime betrachten sich als eigene ethnische Gruppe, gleich wie die Tamilen und die Singhalesen. Viele sind der Auffassung, dass das Christentum vom Apostel Thomas eingepflanzt wurde. Wie auch immer, in Anuradhapura ist es seit dem 7. Jahrhundert nachweisbar.

Ebenso sicher ist, dass die Portugiesen Anfang des 16. Jahrhunderts den Katholizismus hierher gebracht haben. Mit den Holländern kamen die Reformierten auf die Insel, und während der britischen Kolonialherrschaft die anglikanische Kirche und weitere Konfessionen.

Religiös geprägtes Leben

Die Landschaft Sri Lankas ist deutlich geprägt durch buddhistische Monumente, hinduistische Tempel, christliche Kirchen und muslimische Moscheen. Religiöses Fühlen und Denken und Urteilen durchziehen das Leben der Inselbewohner. Religiöse Gewohnheiten, Gefühle und Überzeugungen durchdringen auch bei vielen Gebildeten das individuelle wie das gesellschaftliche Leben.

Alle grossen religiösen Traditionen lebten während Jahrhunderten miteinander in Harmonie, Freundschaft, Toleranz und Respekt. Geschichtliche Aufzeichnungen hielten fest, dass es nur zu kleineren Zusammenstössen zwischen den religiösen Gruppen gekommen war. Christliche Kirchen wurden beschädigt oder gingen in Flammen auf.

Nach dem Tsunami 2004 kam es im Zusammenhang mit Bekehrungsversuchen durch evangelikale Gruppen zu neuen blutigen Auseinandersetzungen.

Staatsreligion

Eine sehr bezeichnende Entwicklung verdient festgehalten zu werden: Als Sri Lanka 1972 eine Republik wurde, wurde der Buddhismus zur offiziellen Staatsreligion erklärt. Das führte in anderen religiösen Gemeinschaften zu Unzufriedenheit.

Erst kürzlich sollten Konversionen verboten werden. Die Christen bekämpften das Vorhaben mit Erfolg. Entsprechende Gesetze wurden aufs Eis gelegt.

Wie angetönt, gab es früher zahlreiche harmonisch bereichernde Kontakte zwischen allen Religionen. Wenn Christen, Buddhisten, Hindus oder Muslime ihre lokalen Feste feierten, feierten alle anderen mit. Es gibt auch Wallfahrtsorte wie z. B. Madhu, Talawila (katholisch) und Kathiragama (hinduistisch), wohin auch Gläubige aus anderen Religionen hinpilgern, um zu beten.

Wessen Fussabdruck?

Es gibt auch viele Orte, die von mehr als einer Religion als heilig betrachtet und verehrt werden. Ein solches gemeinsames Heiligtum liegt auf dem zweithöchsten Berg Sri Lankas auf 2242 Metern Höhe und heisst Adams- Gipfel.

Hier verehrt man den Fussabdruck von Buddha. Darum wird der Ort in Singhalesisch auch «Heiliger Fussabdruck» genannt. Die Muslime wiederum glauben, es sei der Fussabdruck Adams. Und manche Christen nehmen an, der heilige Apostel Thomas sei hier zu Besuch gewesen. Je nach Religionszugehörigkeit nennt und verehrt man also diesen Ort auf ganz verschiedene Weise.

Blutvergiessen

Alle Religionen predigen Frieden, Versöhnung und Harmonie. Aber in den letzten sechs Jahrzehnten wurde Sri Lanka von vielen Auseinandersetzungen und Konfrontationen heimgesucht.

Am Anfang der 50er- und 60er-Jahre waren es eher Geplänkel und Krawalle der Ethnien. Sie waren zwar blutig, hielten sich doch in Grenzen. Mit der Zeit jedoch entwickelte sich aber der Konflikt zu einem blutigen Bürgerkrieg, der nahezu 100000 Menschenleben forderte und Millionen von Menschen hilflos und zu heimatlosen Flüchtlingen machte.

Verantwortung der Religionen

Angesichts des Bürgerkrieges stellt sich die Frage nach dem Versagen der religiösen Führerschaften. Es ist zwar richtig, dass die Religion allein nicht sozialen Fortschritt und politische Veränderungen herbeiführen kann.

Wenn aber die Religion eine so gewaltige Rolle spielt im Alltagsleben des Volkes, dann scheint es doch ein Skandal, wenn die Führerschaft nur leere Worte von sich gibt, es aber an Taten der Versöhnung fehlen lässt.

Versuche der Versöhnung

Man darf allerdings die Anstrengung mancher religiöser Gruppen zugunsten des Friedens zwischen ethnischen Gruppen nicht klein reden. Sie haben auch längst fällige interne Problemlösungen zustande gebracht und es unternommen, die blutigen Auseinandersetzungen einzuschränken.

Wie auch immer, man darf sagen, dass kulturelle Gruppen Gebrauch gemacht haben von wertvollen Gelegenheiten, Menschen zusammenzubringen: so z.B. Künstler und Kunstliebhaber von unterschiedlichen Religionen. Sie haben den Menschen die Einsicht in die Notwendigkeit friedlichen Zusammenlebens beigebracht.

Um mit einer positiven Sicht abzuschliessen: Die gemeinsamen, grundlegenden Prinzipien der vier grössten Religionen Sri Lankas sind durchaus in der Lage, in den ethnischen Konflikten der Insel Frieden zu schaffen. Sie müssen nur in die Praxis umgesetzt werden.

N. N. (Name der Redaktion bekannt)
Übersetzung: Friedrich Frey

 

Buddha als Vorbild

Der kambodschanische Buddhi Maha Ghosananda, der 1993 einen Preis für Frieden und Mitmenschlichkeit erhielt, schreibt in seinem Werk «Wir sind euer Tempel»: «Eine der mutigsten Taten Buddhas war der Gang über das Schlachtfeld, um einen Krieg zu stoppen. Er sass nicht seelenruhig in seinem Tempel und wartete darauf, dass man ihm entgegenkam. Nein, er warf sich selbst aufs Schlachtfeld, um den Konflikt zu beenden.» Könnten nicht die Buddhisten von Sri Lanka dieses Verhalten zum Vorbild nehmen?