ite/frères en marche

Nr. 4, 2008/4

Kolumbien

 

Mutiger Bischof   

«Institutionalisierte Gewalt»

Gustavo Giron Huiguita, seit 1999 Bischof von Tumaco, kämpft unermüdlich gegen Gewalt und Vertreibung. In der Bischofskonferenz von Kolumbien gehört er zu den aktivsten Vorkämpfern für soziale Gerechtigkeit.

Die Christianisierung seiner Diözese geschah bereits im 18. Jahrhundert. Bischof Gustavo meint aber, die Diözese sei nicht über diese erste Etappe der Christianisierung hinaus gekommen. Es gehe jetzt darum, das damals  Begonnene lebendig werden zu lassen.

Kirche wird Gemeinschaft

Innerhalb eines sehr eng gefügten kirchlichen Lebens fühle er sich vor allem als Hirte jenes Teils der Gläubigen, die Kirche als Gemeinschaft leben wollen: «Unsere Aufgabe ist es, von einer Kirche, die religiöse Bedürfnisse abdeckt, hinüberzuwechseln zu einer Kirche, die sich als Gemeinschaft versteht. Wir Menschen können uns nicht alleine retten. Jeder Christ nimmt aktiv teil an einer Gemeinschaft, die sich als menschliche Gruppe auf den Weg gemacht hat, heilig zu werden».

Dabei beruft sich Bischof Gustavo auf die Spiritualität des Heiligen Franz von Sales. Für diesen ist es entscheidend, dass gerade die Laien und die Laiinnen als Gesamtheit zur «Heiligkeit» berufen sind. Es geht also darum, von einer nur individuell verstandenen Heiligkeit hinüberzuwechseln zur Heiligkeit der Gemeinschaft. Dann erst ist das Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils verwirklicht.

Guerilla-Banden

In der Diözese von Bischof Gustavo kommt der Kommission für soziale Gerechtigkeit eine besondere Rolle zu. Denn die Kirche darf vor der harten Realität des Alltags in Kolumbien die Augen nicht verschliessen: Drohungen massivster Art und physische Gewalt, vor allem im Zusammenhang mit dem Drogenhandel.

Das Gebiet steht unter militärischer «Kontrolle», ist aber den Übergriffen der Guerilla und den paramilitärischen Gruppen schutzlos ausgeliefert. Immer wieder machen die verschiedenen Guerilla-Banden auf sich aufmerksam. Das Opfer ist jeweils die örtliche Bevölkerung. Es herrscht «institutionalisierter Terror».

Die Unsicherheit und die Überfälle führen dazu, dass die Leute ihr Land verlassen. Sie können allerdings nicht viel mehr tun, als sich an etwas sichereren Orten niederzulassen, etwa in den neuen Stadtteilen von Tumaco, die auf die sumpfigen Waldstreifen am Ufer des Ozeans hinausgebaut werden.

Auch Tiere sind Opfer

Bischof Gustavo weiss, dass die Frauen und Männer, die sich sozial engagieren, vor allem die Verantwortlichen, unter ständiger Bedrohung leben. Manchmal müssen sie ihre Arbeit aufgeben, weil man ihnen bedeutet, sonst wären sie die nächsten Opfer der bestellten Killer. Gleichwohl sind es viele – zum grossen Teil Frauen – die sich mobilisieren und die Ausübung von Gewalt an Personen in der Öffentlichkeit zur Sprache bringen.

Dabei darf man nicht vergessen, dass nicht nur die Menschen, sondern auch die Natur und das Vieh Opfer der Verhältnisse werden. Die Pestizide, die zur Zerstörung der Cocapflanzungen eingesetzt werden, führen zu Krankheiten bei Mensch und Tier. Bauern müssen ihre vergifteten Felder verlassen.

Die Verminung der Felder nimmt den Vertriebenen auch das letzte Vertrauen, zurückzukehren und ihre Felder wieder bebauen zu können. Die Wurzeln allen Übels: unstillbare Gier nach Geld.

Druck auf den Bischof

Bischof Gustavo ist sich bewusst, unter welchem Druck seine Gemeinden leiden. Auch er macht die gleichen Erfahrungen. Aus Sicherheitsgründen hat er das Bischofshaus verlassen und ist in eine Wohnung im Zentrum der Stadt umgezogen. Er hofft, auf diese Weise den Repressalien wegen seines sozialen Engagements leichter entgehen zu können.

Im letzten Jahr veranstalteten mutige Christen einen Gedächtnismarsch für die Verschwundenen. An einer belebten Stelle der Stadt errichteten sie Kreuze, an denen sie die Namen der Verschwundenen verkündeten.

Blut der Märtyrer

Es braucht wirklich Mut, in einem Land, wo die Gewalt institutionalisiert ist, sich dagegen zu wehren. Wenn die Kirche aufruft zu mehr sozialer Gerechtigkeit und zur Realisierung einer sozialpolitisch wirtschaftlichen Ordnung, ist sie ein Störfaktor. Sie stösst auch auf Widerstand, wenn sie die Anerkennung der Eigenständigkeit der verschiedenen Bevölkerungsgruppen einfordert. Ihr Einsatz ist begleitet durch das Blut von Märtyrern.

Bernard Maillard
Übersetzung: Thomas Morus Huber