ite/frères en marche

Nr. 5, 2008/5

Seelsorge für Einwanderer in die Schweiz

 

In der Kirche ist niemand fremd   

Karl F. Odermatt befragte Urs Köppel zur Situation der Migrantenseelsorge in der Schweiz. Köppel ist Leiter der Arbeitsstelle migratio, der Kommission der Bischofskonferenz für Migration. Er ging im September dieses Jahres in Pension.

Wie ist die Migrantenseelsorge in der Schweiz organisiert?

Urs Köppel: Drei unterschiedliche Bereiche sind in der Migrantenseelsorge zu unterscheiden: Die Italienerund Spaniermission sind kantonal geregelt; dann gibt es Seelsorger, die regional für mehrere Kantone arbeiten, und drittens die national tätigen Seelsorger für sogenannte Minoritäten wie beispielsweise die Tamilen. Die Beauftragung der Priester erfolgt durch den zuständigen Ortsbischof.

Welches sind die wichtigsten Länder und Sprachen, die in der Schweiz vertreten sind?

In der Schweiz sind die Italiener nach wie vor die grösste katholische Migrantengruppe mit 289589 Personen, vor den portugiesisch sprechenden Gruppen mit 182324 Personen, den Spaniern, die 65052 Mitglieder zählen, und den Kroaten mit37844 Personen. Deshalb sind 62 italienische Seelsorger, 19 portugiesische, 15 spanische und 14 kroatische Priester in der Schweiz für ihre Landsleute tätig. Die Zahlen sind aus dem Jahr 2007.

Gibt es innerhalb der bestehenden Seelsorge unter den Migranten grosse Veränderungen?

Wir stellen eine zahlenmässig starke Zuwanderung von Philippininnen und Südamerikanerinnen – vor allem aus Brasilien – fest. Viele dieser Frauen heiraten in der Schweiz. Hinzu kommen Kurzaufenthalter aus Mitteleuropa. Diese arbeiten oft in der Landwirtschaft oder in der Hotellerie. Neu ist auch die Zuwanderung von Studenten aus Ländern wie der Slowakei und Tschechien. Prozentual am meisten Migranten kommen über den Familiennachzug in die Schweiz. Nicht zu vergessen sind die Illegalen.

Wann wird die Migrantenseelsorge überflüssig?

An der diesjährigen Generalversammlung des Vereins «migratio» führte Alois Odermatt, langjähriger Leiter des pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St Gallen, unter anderem aus: «Die Kirche der Zukunft ist eine Kirche mit Migranten.» Und Markus Köferli, Sachbearbeiter für Spezialseelorge in der katholischen Kirche Zürichs, meinte: «Ich sehe nicht ein, warum wir in unserer Gesellschaft zwar das Nebeneinander von Musiktiteln, Küchen und Bräuchen wertschätzen, aber im kirchlichen Leben eine Vereinheitlichung fordern. Ich unterstütze das Ziel, dass Missionen und Pfarreien durch eine dialogische Pastoraltheologie sich gegenseitig anerkennen und gerade das wertschätzen, was verschieden macht. So entdecke ich die Katholizität der Kirche.»

Woher kommen die Widerstände gegen die Migrantenpastoral?

Es gibt vor allem deren drei: Zum einen fürchten die Missionen Neuerungen in der Schweiz. Durch sie wird der Graben zwischen der Pastoral in den Herkunftsländern und der schweizerischen Realität grösser. Zum zweiten ist zu beachten, dass man bei der Planung und Aufnahme der Migrantenseelsorge in der Schweiz von einem Phänomen sprach, das nicht länger als zehn Jahre dauern würde. Drittens ist auf Schweizer Seite nach wie vor die Angst vor Überfremdung zu berücksichtigen.

Wie steht es um die Zusammenarbeit zwischen Migrantenseelsorgern und Schweizer Pfarreien?

Seit die Seelsorger die gängige Landessprache als Voraussetzung einer Anstellung mitbringen müssen, sind die Kontakte und erste Schritte der Zusammenarbeit mit den  Schweizer Pfarreien deutlich gewachsen. Die Einführung der Priester in die pastorale und politische Situation der Kirche in der Schweiz ist obligatorisch, und damit sind die Kontakte auf allen Ebenen einfacher und intensiver möglich. Neu ist das Patensystem für die Seelsorger eingeführt worden. So soll der Priester in den ersten Monaten seines Wirkens von einer erfahrenen Person in der Pastoralarbeit begleitet werden. Heute nun wird die Frage auch umgekehrt gestellt. Sollten die Theologie Studierenden nicht auch die Migrantenpastoralarbeit kennen lernen, denn immerhin ist ein Viertel der Schweizer Katholiken anderssprachig.

Welche Probleme ergeben sich in diesem Zusammenhang mit der dritten und vierten Generation von Einwanderern?

Erstaunlicherweise sind die dritte und vierte Generation der Migranten wieder stärker auf die Mission fokussiert. Mitverantwortlich für das Phänomen ist eindeutig die stark personenbezogene Seelsorge wie Hausbesuche, Familiengespräche und so weiter.

Wie ist die Stellung der Seelsorger und der Pastoralräte in der anderssprachigen Pastoral?

Hier gilt es das Priesterbild, das stark hierarchisch ausgeprägt ist, mit zu bedenken. Der Migrant erwartet vom Leiter der Seelsorgestelle eine Antwort, die dann verbindlich übernommen wird. So haben die Pastoralräte Beraterfunktion und entscheiden nicht selbstständig.

Wie steht es mit dem offenen, aber auch mit dem heimlichen Nationalismus der Migranten und ihren Seelsorgestellen?

Es gibt nationalistische Tendenzen, aber eher versteckt. Man trifft dieses Phänomen immer wieder in Verbindung mit einer vorhandenen Nostalgie. Für viele ist die Pastoral unserer Schweizer Kirche nicht mehr katholisch. Das zeigt sich deutlich bei der Erstbeichte, die vor dem Empfang der Erstkommunion erfolgen sollte und nicht erst nachher, aber auch bei der Verschiebung des Firmalters.

Wie sieht denn das Kirchenbild dieser Migrantenpfarreien aus?

Das Kirchenbild ist sehr stark hierarchisch ausgeprägt – personenzentriert auf den Priester, den Bischof und den Papst.

Zum Schluss unseres Gesprächs noch einen Blick in die Zukunft?

Für mich ist die Öffnung der Schweizer Pfarreien von eminenter Wichtigkeit. Dazu kommt, dass inskünftig mehr für die mit Rom unierten Gläubigen wie die griechischkatholischen Christen, Syromalabaren, Syromalankaren und Eritreer getan werden muss. Ein ebenso neuer Trend, der auf eine Antwort wartet, ist die Zunahme von chinesischen Studenten, die offen und ansprechbar für religiöse Fragen sind. Und in der Pastoral, wie sie jetzt vollzogen wird, muss deutlich werden, dass nicht mehr jede Seelsorgestelle einen Priester haben wird. Die Schweizer Pfarreien müssen vermehrt das Gespräch und die Zusammenarbeit mit den anderssprachigen Migranten suchen und wollen. – Die Arbeit geht also nicht aus.

Interview: Karl Odermatt

 

Ende 2007 waren in der Migrantenseelsorge 121 Priester (Vorjahr 123) vollamtlich, 9 (17) halbamtlich, 1 (1) Diakon, und 38 (35) Seelsorgehilfen (z.T. teilzeitlich) in 110 (115) Missions-/Personalpfarreien beauftragt. Eine philippinische Ordensschwester betreut die Philippinen in der Westschweiz.