ite/frères en marche

Nr. 4, 2009/4

Missio: Senegal/Islam

Die Muslime sind mit uns verwandt   

Islam-Christentum: viel Gemeinsames

Wer wie unser Autor den Mut hat, sich als Christ näher mit dem Glauben der Muslime zu befassen, entdeckt viel Gemeinsames. Die beiden Religionen sind trotz allen Verschiedenheiten einander in manchem ähnlich. Dies zeigen auch weitere Artikel unserer Nummer.

Die Erfahrungen, die ich während 14 Tagen in Senegal machen durfte, erlauben mir, die Muslime nicht als Fremde oder gar Feinde zu betrachten, sondern sie als Glaubende und Sympathisanten wahrzunehmen. Durch ihre religiöse Einstellung helfen sie uns, in authentischer Weise uns zu Jesus Christus zu bekennen.

Öffentlich gelebter Glaube

Mit dem Gebetsruf am frühen Morgen und den anderen religiösen Ritualen, oft verstärkt durch die Stimme des Imam und durch den Lautsprecher der Moschee, tut sich der Islam in unüberhörbarer Weise im öffentlichen Raum kund. Man kann sich dieser Öffentlichkeit gar nicht entziehen.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen: Die Muslime sind Menschen, die ihren Glauben öffentlich praktizieren. Da kann man junge Arbeiter beobachten, wie sie bei Anbruch der Nacht ihre Gebetsteppiche ausbreiten und während ihrer Arbeitszeit das Abendgebet verrichten.

Ihr Glaube lebt. Der Islam nimmtdenöffentlichenRaum in Anspruch. Das zeigen die vielen Moscheen; einige eher bescheiden, andere grosszügig ausgestattet mit vier prächtigen Minaretten, die den Ort des Gebetes markieren. An Markttagen der jeweils am Freitag sind sie prall voll von Betenden und Gläubigen.

Der Imam ist vor allem ein Mann des Gebetes. Er ruft die Gläubigen zusammen, er trägt den Koran vor und gibt dem Volk zum vorgelesenen Text die nötigen Erklärungen. Wenn er mutig ist, bemüht er sich, den Koran in die aktuelle Situation hinein auszulegen.

Mohammed und Jesus

Die Muslime kennen Jesus als en Sohn von Maria. Er ist für sie ein grosser Mann Gottes. Aber er kann für sie nicht der Sohn Gottes sein. Gott kann nicht in einem Sohn Mensch werden. Jesus kann nicht eine Person der Dreifaltigkeit sein. Vorstellungen wie Menschwerdung, Erlösung und Dreifaltigkeit haben im muslimischen Denken keinen Platz.
Das heisst aber nicht, dass die Muslime die Person Jesu gering schätzen. Allerdings kennen sie ihn nicht aus der Lektüre des Evangeliums. Sie kennen ihn aus dem Koran und vor allem durch das lebendige Zeugnis der Christen. Wobei durchaus festgehalten werden darf, dass nicht wenige Sympathisanten die Heiligen Schriften des Neuen Testaments lesen und lieben.
Die Stärke der muslimischen Gemeinschaft besteht im Glauben an den allmächtigen Gott und in der Anerkennung Mohammeds als des Propheten Allahs.

Enge Beziehungen

Es ist eine ganz erstaunliche Tatsache, dass katholische Bewegungen wie zum Beispiel die Landjugend sich zum grösseren Teil aus Muslimen zusammensetzen. Diese fühlen sich angezogen von den Aktivitäten der christlichen Bewegungen. Sie wissen, dass diese Bewegungen sich nicht in sektiererisch-fundamentalistischer Weise von der Umwelt absondern.

Die Christen kümmern sich  nicht nur um ihre Glaubensgenossen, sondern engagieren sich in grosser Offenheit für die ganze Bevölkerung. Man kann sagen: Die Christen unternehmen nichts, ohne dass sie an die Andersgläubigen in ihrem Umfeld denken und ohne diese in ihre Aktionen einzubeziehen.  Dieser lebensnahe Dialog ist stärker als alle Vorurteile, die auf islamischer wie auch auf christlicher Seite gehegt und  gepflegt werden.

Die Christen verhalten sich durchaus missionarisch. Aber sie sehen sich als Menschen, die die Lebensbedingungen aller teilen und für alle das Gute wollen. Für sie ist es nicht vorstellbar, ausschliesslich in der Kategorie «Muslim oder Christ» zu denken. Die muslimische Mehrheit und die christliche Minderheit leben in einem gegenseitig dichten Beziehungsfeld. Im gleichen Familienclan finden sich oft Christen und Muslime.

Spannungen

Zwischen dem Ideal und dem tatsächlich Gelebten gibt es selbstverständlich auch Spannungen. Man möchte, dass die anderen Gegenrecht halten. Wenn die Christen den Muslimen etwas Gutes getan haben, hätten sie hie und da auch den Wunsch, dass der Imam einen Schritt auf sie zu macht. Aber gerade in solchen Situationen darf man sich nicht als überheblicher Geber und Gönner aufspielen, da gilt es, vom eigenen Prestige und vom Eigeninteresse abzusehen und eine Geberrolle zu übernehmen, die wirklich «umsonst» gibt.
Die Muslime nötigen uns, dass wir in unseren menschlichen Beziehungen zu ihnen wahrhaftig werden und uns in unserem Verhalten als authentische Christen auszeichnen.

Abwerbung von Gläubigen?

Es kommt manchmal vor, dass man den Christen vorwirft, dass sie gestützt auf die Ausstrahlung ihrer Schulen und die Qualität ihrer Krankenhäuser Proselytismus (Abwerbung) betreiben. Was ist davon zu halten?

Tatsächlich leistet die Kirche Senegals dem Land mit ihren Privatschulen und den hoch qualifizierten Krankenstationen einen wichtigen Dienst. Es ist selbstverständlich, dass die Schulen der Pfarreien und die zahlreichen Internate für Knaben und  Mädchen allen, auch den Muslimen, offen stehen.

Der Direktor der Caritas des Bistums Kaolack formuliert es mit aller Deutlichkeit: «Es ist völlig undenkbar, dass wir nur den Christen helfen, selbst wenn die Muslime allenfalls auch von woanders her Hilfe erhalten könnten. Es geht immer um das Wohl aller. Dadurch können wir Christen glaubwürdig sein. Nicht Worte, Taten zählen!»

Frohe Botschaft teilen

Wenn man jemanden liebt, versteht es sich von selbst, dass man mit ihm auch die Frohe Botschaft teilen möchte. Aber das kann man nur erreichen, indem wir beides tun: beten und menschliche Beziehungen aufbauen.

Bernard Maillard
Übersetzung:
Thomas Morus Huber