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Verändern bedeutet nicht scheitern   

Vor achthundert Jahren schifft sich Franziskus ein.

Vor achthundert Jahren schifft sich Franziskus ein. Er möchte mit Kreuzfahrern ins Heilige Land ziehen. Stürme kommen auf. Der Heilige strandet in Dalmatien und kehrt über die Adria nach Italien zurück. Was bei Franziskus begann – unerwartete Lebenswendungen – zieht sich bis heute durch die franziskanische Geschichte. Einige dieser Veränderungen werden hier streiflichtartig bedacht.

Verändern bedeutet nicht scheitern | © Foto: Presse-Bild-Poss

Im ausgehenden 12. Jahrhundert gibt es neben den Benediktinern einige neuentstandene Reformorden: Zisterzienser, Prämonstratenser, verschiedene Kanoniker- und Eremitengemeinschaften. Trotzdem, Franz von Assisi will sich keiner dieser Ordensgemeinschaften anschliessen. Seine Art nach dem Evangelium zu leben braucht eine neue Gemeinschaftsform.

Nicht die Abwendung von der Welt, sondern die Zuwendung zu den Menschen ist sein Ziel. Nicht ein friedliches Leben in der Einsamkeit, sondern der Aufbruch zu den Menschen ist sein Ideal. 1209 erlaubt Innozenz III. den Brüdern die Laienpredigt. Nicht als ein theologischer Überflug, sondern als eine Ansprache, die das Leben im Licht der Evangelien überdenkt und gar verändern kann.

Ein gescheiterter Ordensgründer?

Nach der gescheiterten Kreuzfahrt von 1210 könnte man 1220 vom gescheiterten Orden, vom gestrandeten franziskanischen Ordensideal sprechen. Franziskus sieht sich in der Organisation seiner international wachsenden Bewegung überfordert. Am 22. September ordnet die Bulle «Cum secundum consilium» das Leben der Gemeinschaft und drängt das Leben nach dem Evangelium in den Hintergrund.

Am Herbstkapitel vom 29. September überträgt Franz von Assisidie Leitung des Ordens an Pietro Cattani, einen Juristen und Doktor beider Rechte. Nicht mehr das Meditieren der Bibel, sondern die Auslegung von Canones soll das Zusammenleben der franziskanischen Gemeinschaft regeln. Franziskus arrangiert sich mit der neuen Situation, sieht sich vor allem als spirituelles Beispiel und arbeitet selber an neuen Regelfassungen mit. Durch diese Veränderung driftet er nicht ins Offside, sondern er kann das künftige Leben seiner Brüdergemeinschaft mitgestalten.

Kurz vor seinem Sterben im Herbst 1226 schreibt Franziskus ein geistiches Testament. Dieses gibt Auskunft über viele Fragen des Heiligen und der Entwicklung seines Ordens. Darin tritt dem Lesenden jedoch kein geknickter oder gescheiterter Franziskus entgegen. Im  Gegenteil, es schreibt ein Mensch, der die Veränderungen in seinem Ideal in die Hände Gottes legen kann und so seine nachkommenden Geschwister segnet.

Stadtleben ist anders

Im 13. Jahrhundert gab es verschiedene Bettelorden. Die vier klassischen und wichtigsten sind: Dominikaner beziehungsweise Predigerorden, Augustinereremiten, Karmeliten, Franziskaner. Isnard Wilhelm Frank, ein deutscher Kirchengeschichtler, meint mit Blick auf die letzteren drei: «Die Anfangsgeschichte der einzelnen Orden hatte mit ihrer raschen Umformung zu erfolgreichen städtischen Bettelorden zunächst wenig zu tun.» Doch, was war passiert?

Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden in Europa Städte. Damit verband sich im Mittelalter eine neue Lebensform, die sich in rechtlicher, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht von der bisherigen Grundherrschaft unterschied. Es gab nun die autonome städtische Bürgschaft als Schwurverband und Selbstverwaltungskörper. Die neue Lebensform weckte kulturelle und religiöse Bedürfnisse, die durch die vorhandenen kirchlichen Institutionen und Personen nicht mehr erfüllt werden konnten und so zunächst zu einer religiös-seelsorgerlichen Krise führten.

Geografisch zeigte sich dies im deutschen Sprachraum insofern, dass die Pfarrstruktur gegeben war und die Stadtstruktur sich anders organisierte als es die bisherige Pfarrstrukutur vorgab. Es entstanden Städte ohne Kirchen und es blieben Pfarrkirchen auf dem Land ohne Menschen. Denn sie waren vor der Stadt auf dem Feld. Die bisherige Kirche war eine adelige und für die bürgerliche gab es keinen Platz.

Ja keine Nachahmung

Eine mögliche Antwort darauf konnte sein, dass die Bürger adelig werden wollten. Dies war wohl mit ein Grund, wieso Franziskus in seiner Jugend durch Feldzüge und mit grosszügiger finanzieller Unterstützung seines Vaters zum Adelstitel kommen wollte. Aber bald – und nicht nur bei Franziskus – entstand ein selbstbewusstes Bürgertum, das sich am Vermögen und nicht an Adelstiteln orientierte. Und durch die Verarmung des Adels konnte sich das Bürgertum auch langsam durchsetzen.

Damals wurde die asketisch-monastische Ordenstradition verändert, um dem neuen apostolisch-asketischen Ordensideal Platz zu machen. Nicht mehr der Wüstenvater, sondern der Wanderprediger wurde zum Ideal dieser neuen Bettelorden. Die neuen Stadtorden brauchten keinen Landbesitz mehr, damit sie überleben konnten. Ihr Einkommen generierten sie mit Betteln bei den Bürgern. Andererseits konnte die städtische Gesellschaft solche besitzlosen Klöster einfacher in ihr System integrieren als Besitzklöster, das heisst reiche und weltabgewandte Abteien der zumeist adligen Mönche.

Franziskusorden gibts viele

Betrachtet man anhand eines Lebensbaumes die Entwicklung der verschiedenen Franziskusorden – lassen wir zuerst einmal die Frauenorden beiseite – dann haben die Veränderungen der letzten achthundert Jahre immer wieder neues franziskanisches Leben bewirkt. Die «Schiffbrüche» haben Spuren hinterlassen. Es gibt nicht mehr nur einen Orden oder eine Gemeinschaft, die sich in ihrem Leben auf Franziskus und seinen Geist berufen, sondern unzählige. Um 1300 trennen sich beispielsweise die Observanten von den Konventualen. Zur Reformationszeit (16. Jh.) wüsste ich gar nicht, wo man mit den Neugründungen beginnen müsste. Hier im ite soll natürlich eine von diesen genannt werden: die Kapuziner, die als innerkatholische Erneuerungsbewegung im Folgenden den Schweizer Katholizismus mitgeprägt haben.

Das franziskanische Leben, das sich da über die Erde ausbreitete, hat nicht nur Gegenliebe gefunden. Vor allem Organisationen und Verwaltungen lieben etwas mehr Struktur. So wollte Papst Leo XIII. 1897 mit der leonischen Union wieder alle franziskanischen Männerorden in einer Organisation vereinen. Doch das gelang selbst dem Papst nur teilweise. Die Konventualen und die Kapuziner wehrten sich mit Erfolg. Die «Frati Minori Conventuali» und die «Frati Minori Cappuccini» wurden nicht in den Sammeltopf der «Frati Minori» hineingeworfen. Das franziskanische Leben blieb jedoch kreativ. Aus den oben genannten drei Männerorden wurde der sogenannte Erste franziskanische Orden. Die Klarissen wurden zum Zweiten Orden und die Franziskanische Laiengesellschaft, die Kapuzinerinnen, die Baldegger Schwestern, die Ingenbohlerschwestern, Menzingerschwestern usw. wurden zum Dritten Orden der weltweiten franziskanischen Familie. Und wer weiss, vielleicht gründet gerade jetzt jemand eine neue franziskanische  Lebensgemeinschaft mit veränderter Lebensweise.

Erneuerung ist gefragt

Im Gespräch mit älteren Kapuzinern fällt auf, dass sie oft von früher erzählen und dies mit einem anderen Heute vergleichen. Ihr Leben hat sich in den letzten sechzig Jahren vielfältig verändert – und einige meinen, dass es erheblich franziskanischer geworden ist. Die brüderliche Lebensweise wie auch das seelsorgerliche Tun hat ein anderes Gesicht bekommen. Angestossen wurden viele Erneuerungen durch die Veränderungen der Kirche und der Gesellschaft.

Die Kapuziner als Weltorden haben seit 1971 mehrere Plenarräte (Ordensversammlungen) durchgeführt, um über ihr heutiges Leben und Wirken nachzudenken. Im fünften Plenarrat in Garibaldi haben sie über «Unsere prophetische Präsenz in der Welt: Leben und apostolisches Wirken» nachgedacht. Die Frucht davon ist eine Art von fünf Säulen des kapuzinischen Lebens für die Gegenwart. Was der Plenarrat sehr theologisch und technisch formuliert hat, soll im Folgenden übertragen und verständlich, d. h. erneuert, formuliert werden:

  • Kapuzinisches Leben und Tun wird vom Gebet geprägt.
  • Die Gemeinschaft darf als Geschenk erfahren werden und soll bewusst gepflegt werden.
  • Kapuziner stellen sich auf die Seite der Menschen am Rand und leben mit ihnen.
  • Kapuziner arbeiten für das Reich Gottes.
  • Kapuziner machen sich für Gerechtigkeit, Frieden und Erfurcht vor der Schöpfung stark.

Adrian Müller

www.adrianm.ch