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Kongos Bodenschätze werden ausgebeutet   

Trotz grossem Rohstoffvorkommen herrscht bittere Armut.

Wie kommt es, dass die Bevölkerung eines der Länder mit den grössten Rohstoffvorkommen der Welt in bitterer Armut lebt? Und was muss geschehen, damit sich dies ändert? Dazu der Leiter des katholischen Instituts CEPAS in Kinshasa, Demokratische Republik Kongo.

Mühselige, harte Handarbeit in unzähligen Schürfstellen | © Foto: Thierry Michel/Katanga Business

Die Besitzverhältnisse in der Demokratischen Republik Kongo mit mehr als 1100 mineralischen Substanzen sind ein Skandal. Denn auch wenn diese Mineralien auf dem internationalen Markt sehr gefragt sind: Die Kongolesenselber profitierenkaum davon.

Reich an Bodenschätzen

Die DR Kongo verfügt über einen Drittel der bekannten Kobaltreserven, 10% der Kupfer- und 80% der Coltan-Reserven. Sie findet sich regelmässig auf der dritten oder vierten Position der Weltrangliste der Diamantenförderung für Industrie und Schmuckwaren.

Trotzdem gehört das Land zu den hochverschuldeten Entwicklungsländern. Die Zahl unterernährter Menschen ist beträchtlich. Die Nahrungsmittel für eine wachsende Bevölkerung werden immer knapper. Inzwischen müssen 29% des Getreides und 95% der Milch importiert werden.

Es könnte noch schlimmer werden, wenn die Pläne der Regierung umgesetzt werden, fast 50% der landwirtschaftlichen Nutzfläche für exportorientierte, industrielle Produktion von Nahrungsmitteln und Agrarrohstoffen freizugeben!

Die Gründe der Armut

Warum ist es für gewisse Länder so schwierig, ihre Bodenschätze in Reichtum für die eigene Bevölkerung umzuwandeln? Ein wesentlicher Faktor sind wirtschaftliche, politische und soziokulturelle Steuerungssysteme: schlechte Führung, Korruption und fehlende Kontrolle.

Die industrielle Bergbauproduktion erlebte in den letzten Jahren wegen des Bürgerkrieges, der schlechten Führung öffentlicher Betriebe, der politischen Einmischung in Unternehmensführungen und dem Preiszerfall von Rohstoffen auf den internationalen Märkten einen dramatischen Einbruch.

Das Stagnieren der Steuereinkünfte aus dem Bergbausektor hängt unter anderem mit illegalem Handel von Rohstoffen, Korruption in Unternehmen und in der Verwaltung sowie Kapitalflucht zusammen, Interessenskonflikte zwischen Staatsangestellten und Politikern, rechtlich geschützte Unterbewertung von Rohstoff- Vorkommen, fehlender Vollzug der Bergbau-Gesetze und -Vorschriften sowie Ungleichgewicht in der Aufgabenteilung zwischen kongolesischem Staat und privaten Unternehmen.

Rettung im Bergbau?

Wegen der hohen Arbeitslosigkeit können die Minengesellschaften nach Belieben mit den Leuten verfahren. Da die Armut zunimmt, sehen viele ihre Rettung im Bergbau: Der Vater will um jeden Preis eine Anstellung; die Mutter und ihre Kinder sind in den Abbau-Gruben; Schüler und Lehrer verlassen die Klassen und Bauern ihre Felder, um vom vermeintlichen Reichtum der Minen zu profitieren.

Die Minengesellschaften annektieren umfangreiche Landflächen für ihre Bergbaureviere und berauben damit die lokalen Gemeinschaften ihres täglichen Brots. Die Arbeitenden werden so zum Spielball in den Händen der Unternehmen.

Die lange Trennung oder Abwesenheit der Männer gefährdet  zudem die Partnerschaften und die Erziehung der Kinder. Junge Minenangestellte geben sich – weit weg von ihrem Beziehungsnetz – leicht der Prostitution oder überhöhtem Alkohol- und Drogenkonsum hin.

Hungerlöhne

Der Rohstoffabbau spielt sich in einem sehr schwierigen Umfeld ab: Verbindliche Verpflichtungen hinsichtlich der Unternehmensverantwortung werden durch die Minenunternehmen nicht beachtet. Rechtsvorschriften, insbesondere bezüglich der Lohnzahlungen, werden nicht respektiert und vom Staat nicht durchgesetzt. Die Arbeiter erhalten einen Hungerlohn. Gewisse Unternehmen bezahlen ihren Angestellten lediglich 15 Franken monatlich. Der Gouverneur von Katanga forderte 100 Dollar als Minimallohn.

Ebenfalls nicht respektiert werden Vorschriften bezüglich Umwelt, Menschenrechte, Sicherheit, Gesundheit, Hygiene, Ausbildung und Infrastruktur. Die Unternehmen sind vor allem an einem maximalen Gewinn interessiert und versuchen mit allen Mitteln, die Lohnkosten zu senken, unter Missachtung ihrer Umwelt- und Sozialpflichten.

Die Gewinner

Die eigentlichen Gewinner des Bergbaus sind die Bergbau-Unternehmen, die die Rohstoffe exportieren, diese ausserhalb des Landes verarbeiten bzw. verkaufen. Vom Bergbau profitiert auch der kongolesische Staat. Denn er erhält verschiedene Steuern und Taxen, die durch die Unternehmen bezahlt werden. Da allerdings die Korruption zu einem «Lebensstil» geworden ist, sind die Steuererträge unbedeutend.

So profitiert die kongolesische Bevölkerung herzlich wenig vom Bergbau. Die Schürfer, die von blosser Hand oder mit einfachen Werkzeugen in Minen arbeiten, profitieren in bescheidenem Masse. Da die Arbeitslosigkeit einen Höhepunkt erreicht hat, haben Jugendliche und Erwachsene kaum Alternativen zur Arbeit als Schürfer in den Minen.

Der Gouverneur von Katanga fordert von den Unternehmen, jeweils 20 Hektaren für die Lebensmittelproduktion bereitzustellen. Viele Unternehmen kommen dieser Forderung nach.

Menschenwürde

Ethisch muss nach unserer Überzeugung die Würde der kongolesischen Frau und des kongolesischen Mannes wieder hergestellt werden, indem sie zu menschlicheren Lebensbedingungen finden können. Ohne ethische Grundlage und ohne moralische Werte der Personen, die im Minensektor arbeiten, gibt es weder ein gesellschaftliches noch ein wirtschaftliches, umweltverträgliches oder kulturelles Wohlergehen.

Deshalb streicht das Regierungsprogramm 2007–2011 hervor, dass «die gute Regierungsführung, die Liebe zur Heimat, die republikanischen Werte, die soziale Gerechtigkeit und Solidarität, die Freiheit und das freie Unternehmertum, aber auch der Humanismus die Prinzipien und Grundwerte der Regierungstätigkeit bilden».

Theologisch: «Der Mensch ist nur in dem Mass wahrer Mensch, als er selber den Wert seiner Handlungen bestimmt und Meister seines Fortschritts ist» (Papst Paul VI. in seiner Enzyklika Populorum progressio, 34). Die Zunahme der in den Minen Arbeitenden darf nicht a priori als Fortschritt bezeichnet werden.

Meine Vision

Meine Vision orientiert sich an der biblischen Botschaft, nach der der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen ist. Es ist die Vision einer Gesellschaft, in der Liebe, Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität gelebt werden. Meine Optik ist die – jenige der Armen und Marginalisierten. Mit ihnen und für sie sind wir aktiv.

Diese Vision gründet auf dem Konzept einer «integralen menschlichen Entwicklung», die allen und jeder Person zusteht, wie es Paul VI. in Populorum Progressio formulierte. Diese Sichtweise beinhaltet, dass der Abbau von Bodenschätzen geordnet, kontrolliert und transparent verläuft – und zum Vorteil des kongolesischen Volkes. Meine Vision ist es auch, dass unsere Forschungen, Publikationen und Ausbildungen, zur Entwicklung einer sozialen Unternehmensverantwortung beitragen und zu wirtschaftlich gerechteren Handelsbeziehungen zwischen den Entwicklungsländern und den entwickelten Ländern.

Ferdinand Muhigirwa Rusembuka, Kinshasa

Kürzung und Bearbeitung: Walter Ludin


Was tut CEPAS?

CEPAS, eine Partnerorganisation des Fastenopfers in Kinshasa, ist ein Institut, das Wirtschafts- und Sozialforschung betreibt und für eine nachhaltige Entwicklung einsteht. CEPAS thematisiert die Regierungsverantwortung bezüglich Rohstoff-Vorkommen ebenso wie die Sozialverantwortung der Minengesellschaften und deren Umfeld. CEPAS bildet auch Vertreterinnen und Vertreter der Lokalbevölkerung aus, damit diese um die Sozialverantwortung der (Bergbau-)Unternehmen Bescheid wissen und einfordern können, was diese der Bevölkerung gemäss den kongolesischen Gesetzen schuldig sind.