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Bilder schaffen Verständnis für die Auferstehung   

Tiere als Sinnbilder für das, was unsere Vorstellungskraft übersteigt.

Lange Zeit versuchte ich vergeblich, der «Auferstehung» auf die Spur zu kommen. Es fehlte mir eine einigermassen überzeugende Vorstellung davon. Das Bild vom schlüpfenden Schmetterling war meine bahnbrechende Entdeckung.

Auf dem Weg zur Auferstehung | © Adrian Müller

Ich hatte lange nachgedacht, viel in der Bibel meditiert und einige Bücher  nachgeschlagen. Trotzdem kam ich ziemlich unsicher in den Religionsunterricht. Es war vor Ostern und ich hatte mit den SchülerInnen die Leidensgeschichte Jesu und seine Auferstehung durchzunehmen.

Die Kinder der sozialpädagogischen Klasse 5d sassen gespannt im Kreis und sahen mit leuchtenden Augen auf mich, als ich durch die Türe eintrat. Ja, in der letzten Stunde hatten wir den Einzug Jesu mit der Eselin in Jerusalem gespielt und wir konnten herzhaft lachen. War das ein Fest! Das war ein Volltreffer gewesen. Sorgsam ziehe ich die Türe zu – ich weiss, jetzt gibt es nur noch die SchülerInnen und mich.

Was ich vermitteln wollte

Dieses Mal sass ich unsicher, hadernd mit dem Thema, an meinem Lehrerplatz. «Tod und Auferstehung kann ich Schülern nicht vermitteln», ging mir durch den Kopf. Die Auferstehung verstand ich nicht und auch hatte ich keine einigermassen überzeugende Vorstellung von ihr. In einer solchen  Situation nützt es nichts, wenn man theologisch vom hohen Pferd her verkündet, man dürfe sich ja sowieso keine Vorstellungen von der Auferstehung machen. Jegliche Bilder seien falsch und zurückzuweisen. Das sei eben der Weg der verneinenden Theologie. Da gebe es keine positiven oder verständlichen Aussagen dazu.

Ich hatte mir für die Unterrichtsstunde zwei Zugangsschritte vorgenommen. In einem ersten Teil wollten wir gemeinsam die vier Jahreszeiten gestalten. Auch hier gibt es einen Prozess von Werden, Vergehen und neu Werden. In einem zweiten Methodenschritt wollte ich deutlich machen, dass mit der Auferstehung ein ganz spezielles Neuwerden gemeint ist. Mein Mitbruder Walbert Bühlmann hatte ein Buch geschrieben mit dem Titel Leben – SterbenLeben, wobei das letzte Wort in einer anderen Farbe gehalten war, um so auf das spezielle, ganz andere Neuwerden hinzuweisen.

Die Schulsituation entgleitet

Ich setzte mich an den runden Tisch, lächelte kurz zurück und machte die Kinder mit ernsthafter Miene darauf aufmerksam, dass wir nun eine zwar traurige Geschichte behandeln würden, diese jedoch für uns glaubende Menschen ein Happyend haben werde. Und ich erzählte von kahlen Apfelbäumen, die langsam grün wurden, Knospen bekommen, Früchte tragen, geerntet werden und dann gegen Winter die Blätter fallen lassen. Doch sei im Winter der Kreislauf nicht zu Ende. Sondern es komme wieder Frühling und der Baum beginne wieder neu zu leben.

Genauso sei es mit dem Sterben

von Jesus, begann ich die Ausführungen. Doch sei das neue Leben etwas ganz Anderes, Neues, wollte ich mich ereifern. Doch dazu kam es nicht. Anna begann zu schluchzen, zu weinen – und ich mich zu ärgern über die Auferstehung. Das hat man davon, wenn man sich an den Stoffplan hält. Die beiden Nachbarn von Anna wandten sich dem weinenden Mädchen zu und reichten ihr die Hände. Ich sass auf meinem Stuhl wie bestellt und nicht abgeholt. «Nun, der Lehrer hat die Schulsituation nicht mehr im Griff», konnte ich ärgernd analysieren und atmete ein paar Mal tief durch.

Anna rettete die Situation

Mario sass unruhig auf dem Stuhl und ich merkte, dass er mir etwas sagen wollte. Eigentlich hatte ich ja keine Zeit, ich hätte mich ja um Anna kümmern müssen. Trotzdem sagte ich Ja und wandte mich dem Jungen zu. «Annas Vater ist vor einem Jahr gestorben und das schmerzt sie sehr!», sagte er mir ganz leise. Gut, nun wusste ich wieso die Schülerin weinte. Doch machte dieses Wissen die Situation auch nicht besser! Da bist du wieder einmal tüchtig ins Offside gelaufen, hämmerte es mir im Kopf. Anna weinte, die SchülerInnen nahmen Anteil und der Lehrer suchte fiebrig eine Lösung, ohne Erfolg.

Plötzlich fasste sich Anna wiederund sagte bestimmt und mit feurigen Augen: «Mein Papa ist bei mirim Herzen. Er schaut vom Himmel zu uns hinunter!» Da gab es keinen Zweifel und die anderen SchülerInnen stimmten ihr zu. Plötzlich gab es nichts mehr zu sagen. Die Situation war gerettet.

Zweifel und Klärungen

Anna gab mir eine schöne Antwort, die ihr selber viel Kraft schenkte. Gerne denke ich an diese Situation zurück. Trotzdem ist die Antwort theologisch nicht wirklich überzeugend. Erinnerungen, auch an verstorbene Menschen, können schön sein. Die Fähigkeit, sich zu erinnern, zum Beispiel an die Heilsgeschichte, ist eine wichtige theologische Kategorie, die nicht nur im Christentum sehr wichtig ist. Trotzdem, Auferstehung muss mehr sein als nur Erinnerung. Auch ist es gut, sich verstorbene Menschen im Himmel vorzustellen. Doch kann auch das nicht die Lösung sein, v.a. nicht die christliche Antwort. Der Himmel ist mehr als nur eine Verlängerung des irdischen Lebens. Es muss um mehr gehen als den blossen Wechsel eines Stockwerkes.

Das Samenkorn muss sterben, wenn es ein Baum werden will – so hat Jesus gelehrt. Es ist dies ein aus der Landwirtschaft stammendes Bild für das Geschehen in der Karwoche. Vorher ein Samenkorn und nachher ein Baum, wo die Vögel darin nisten können, ist die österliche Vorstellung. Das ist ein von Jesus überliefertes Bild. Es lag mir theoretisch zwar vor, doch blieb es mir damals recht farblos. Vielleicht zeigt sich darin der Städter, dem solche Bilder eher fremd bleiben?

Wenn Ärger weiterbringt

Auch im Kapuzinerleben ärgerte mich die Tatsache, dass die Fastenzeit und vor allem die Karwoche stets zu vielen Aktivitäten Anlass bieten und ChristInnen sich dabei verausgaben. Es folgt Ostern, das wirklich christliche Hochfest. Der Ostermorgen wird zwar eindrücklich gefeiert, aber anschliessend ist die Luft weg und die Osterzeit eher Erholungs- denn Feierzeit. Ich formulierte diese Beobachtung im Hauskapitel und war völlig erstaunt, wie die Gemeinschaft von Rapperswil – jetzt bin ich in Luzern im Kapuzinerkloster – völlig mit mir einig ging und mich ermutigte, doch etwas zu unternehmen.

Ich hatte mit Widerstand gerechnet und musste nun plötzlich Inhalte bieten, die ich nicht hatte. Was heisst Feiern in der Osterzeit? Ein Kreuzweg kann es ja nicht sein. Die Theologie gab mir zwar Ideen, aber keine Gestaltungsmöglichkeiten. Darum suchte ich in der Kunst nach Symbolen – und ich fand diese glücklicherweise auch. Es sind zwei «Bilder», die mir wichtig und vertraut geworden sind. Beide halfen mir, eine erste und überzeugende Vorstellung von Auferstehung zu entwickeln.

Von der Raupe zum Schmetterling

Der Schmetterling war schon in der Antike ein Sinnbild für die Seele, die nach dem Tod den Körper verlässt. Auf Bildern wird der Schmetterling manchmal in der Hand des Jesuskindes oder auf Blumen im Paradiesgarten Mariens dargestellt. Hier geht es um das Symbol von Leben, Passion und Auferstehung.

Zu einem tiefgehenden Erlebnis wurde mir dieses Bild, als mir eine Kollegin Raupen geschenkt hatte. Zuerst kam ich fast nicht nach mit dem Füttern dieser gefrässigen Tiere. Später verpuppten sie sich und nach einiger Zeit schlüpften wunderbare Schmetterlinge aus den Kokons. Unser irdisches Leben vergleiche ich gerne mit dem Raupendasein. Dann, welche Überraschung, entsteht ein ganz anderes Wesen, ein Schmetterling – ein mich überzeugendes Bild für unser Leben bei Gott!

Aus dem Ei kommt ein Küken

Letztes Jahr kamen Küken in die Frühlingsferien ins Kapuzinerkloster Wesemlin, Luzern. Sie wurden in einer Schule ausgebrütet und fanden, bis die Schulzeit wieder begann, Aufnahme hinter den schützenden Mauern. Auch hier zeigt sich eine erstaunliche Verwandlung hin zum Leben, eben vielleicht zum wahren oder himmlischen Leben. Wie Christus aus dem Grab, so ersteht das Küken aus dem Ei.

Die Kunst kennt noch zwei weitere Sinnbilder für die Auferstehung:

«» Schnecke: Sie öffnet im Frühjahr den Deckel ihres Hauses – darum werden manchmal Gräber, wie Vischers Sebaldusgrab in Nürnberg, von vier Schnecken getragen.

«» Löwin, die tote Junge gebiert, die am dritten Tag dadurch ins Leben zurückgerufen werden, dass der Vater ihnen ins Antlitz bläst (vgl. Margarete Luise Goecke-Seischab, Christliche Bilder  verstehen, S. 188–190).

Natürlich – Auferstehung ist und bleibt für uns Menschen ein Geheimnis und eine offene Frage. Trotzdem helfen Bilder von diesem Geheimnis eine Ahnung zu bekommen. Erst als Ganzes macht der theologische Dreischritt Sinn: Bejahung, Verneinung, Übersteigung. Wie der Schmetterling aus dem Kokon, so steigt Christus aus dem Grab. Nein, es ist ganz anders zu verstehen. Die Auferstehung ist noch viel mehr. Aber, ohne den ersten Schritt der Bejahung eines Bildes gibt es weder Verneinung noch Übersteigung. Es bliebe ein verständnisloses Drehen um die Auferstehung.

Adrian Müller

www.adrianm.ch