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Albanien aus einer Kapuzinerperspektive   

Schon Franziskus bereiste das Gebiet.

Im Februar 2011 leben fünf Kapuziner in Albanien. In Nënshat sind es zwei aus Albanien stammende Bruder Gjon Shtjefni und Prel Syla sowie Angelo Argeze von der Kapuzinerprovinz Apulien. Die beiden deutschsprachigen Brüder Andreas Waltermann (D) und Andreas Bossart (CH) wohnen in FushëArrëz und wirken von da im umliegenden Bergland. Den ersten Kapuziner sandte die Provinz Bari 1993 nach Albanien.

Auf Hausbesuch | © Adrian Müller

Morgens in Nënshat um halb sieben. Bruder Angelo Argeze steht im Gang mit einer Schelle und singt aus voller Brust «O sole mio». Die Mailänder Scala hat hier eines ihrer Talente verloren. Um sieben sitzen die fünf in Albanien lebenden Kapuziner eng aneinander um das frisch entfachte Cheminéefeuer und beginnen ihr morgendliches Gebet. Doch geht es hier nicht um kapuzinische Romantik. Nein, es ist einfach kalt, saukalt! Und dies etwa auf der geographischen Höhe von Rom in Italien. Albanien gehört zwar zur mediterranen Klimazone. Die klimatischen Bedingungen variieren jedoch stark, da das Land teilweise sehr bergig und zerklüftet ist. Im westlichen Flachland herrschen im Sommer warme bis heisse und im Winter milde Temperaturen. Im Bergland kann es an geschützten Orten im Sommer 25–30 oder mehr Grad heiss werden. Aberschon abends kühlt es in der Regel stark ab. Im Winter sinken die Temperaturen bis weit unter Null Grad und Frost über längere Zeit hinweg ist keine Seltenheit.

Albaner gibts nicht nur in Albanien

Die Bezeichnung Albanien geht zurück auf die Albanoi, einen illyrischen Stamm. Eine erste Erwähnung findet sich beim Geographen Ptolemaios von Alexandria im zweiten Jahrhundert. Die Hauptstadtdieses Stammes war  Albanopolis, die man in der Nähe des heutigen Tirana vermutet.

Albaner leben vor allem im westlichen Teil der Balkanhalbinsel. Das geschlossene Siedlungsgebiet der Albaner umfasst Albanien, Kosovo, den nordwestlichen Teil Mazedoniens sowie einige kleinere Regionen der angrenzenden Länder Montenegro, Serbien und Griechenland. Auf dem Balkan leben ungefähr sechs Millionen Albaner, knapp die Hälfte davon in Albanienselber. In der  Schweiz kennen wir vor allem die muslimischen Kosovo-Albaner. Viele christliche Albaner emigrieren eher nach Griechenland als in die Schweiz. Trotzdem gibt es drei albanischkatholische Missionen in der Schweiz.

Seit 2001 hat die Bevölkerungszahl in Albanien um fast 8% abgenommen. Diese Entwicklung lässt sich mit der Auswanderung sowie  mit der geringer werdenden Geburtenrate erklären. Neben der grossen Emigration in die EU und Nordamerika gibt es auch eine enorme Binnenmigration von den Bergen und ländlichen Gebieten in die städtischen Zentren. Städte wie Tirana oder Durrës haben enorme Zuwachsraten, während im Gebirge und im Süden viele Dörfer verlassen werden und es teilweise auch schon sind.

1990 wurde das kommunistische Regime gestürzt ...

... und die Massenauswanderung begann. Vielgestaltig ist die Geschichte Albaniens durch die Jahrhunderte. Nach dem Ersten Weltkrieg gaben sich viele Regierungen die Macht gegenseitig ab. Von 1925 bis 1939 regierte Ahmet Zogu autoritär. Zunehmend vom faschistischen Italien abhängig geworden, erfolgt 1939 die Annexion. Während des Zweiten Weltkrieges versuchten sich Partisanen zuerst vom faschistischen Italien, dannvon Hitler- Deutschland zu befreien.

1944 wurde in Albanien von Enver Hoxha eine kommunistische Diktatur errichtet. Diese lehnte sichzuerst an das  Jugoslawien Titos, später an die Sowjetunion undschlussendlich an die  Volksrepublik China an. Nach dem Tod von Enver Hoxha übernahm Ramiz Alia die Macht und das Land isolierte sich zunehmend. Die Neuausrichtung nach dem Sturz des kommunistischen

Regimes war schleppend und hatte wenig Erfolg. 1995 wurde Albanien in den Europarat aufgenommen und im Jahr 2010 beantragte das Land offiziell den Beitrittzur EU.

Der erste atheistische Staat der Welt

Von 1968 bis 1990 war in Albanien jegliche Ausübung von Religion verboten. Drastische Strafen und Hinrichtungen haben das Verbotdurchgesetzt. Heute  wissen viele Albaner zwar, welcher Religion ihre Vorfahren angehörten, haben jedoch selber kein offizielles Bekenntnisabgelegt. Ungefähr 40% der Albaner zählen sich zu den Sunniten, 20% zu den Bektaschi und weitere 20%  zu den orthodoxen Christen, 10% zur katholischen Kirche.Die restlichen  10% bezeichnen sich als atheistisch oder gehören anderen Religionen sowie Freikirchen an. Wenn sich 10% der Menschen,die vor allem im Nordwesten des Landes leben, als Katholiken bezeichnen, dann heisst das jedoch nicht, dass sie auch alle getauft sind.

Albanische Christen berufen sich auf den Apostel Paulus, der ihnen die gute Nachricht gebrachthabe. Die katholische Kirche in Albanien  hat zwar eine lange Tradition, musste sich jedoch nach dem Sturz des atheistischen Staates  wieder neu organisieren. Viele Ordensleute und Priester stammen aus dem Ausland. Mit der Unterstützung aus dem Ausland konnten mittlerweile einigermassen funktionsfähige kirchliche Strukturengeschaffen  werden. Der bedeutendste Wallfahrtsort ist die dem heiligen Antonius von  Padua geweihte Grotte bei Laç, die auch von Menschen anderer Religionen aufgesucht wird.

Schon Franziskus reiste durch Albanien

Nach der Lebensbeschreibung des Thomas von Celano reiste Franziskusauf der  Rückkehr vom Sultan und dem Heiligen Land über Albanien nach Italien zurück. Um 1240 gibt es in Lezha das erste franziskanische Kloster auf  albanischem Gebiet. Unter den Osmanen hatten nur die Franziskaner eine  gewisse religiöse Anerkennung, weshalb diese in Albanien ab dem 16. Jahrhundert die wichtigste Stütze des Katholizismus waren und einen grossen Teil der Seelsorger stellten.

Ab dem Jahr 1993 – also nach dem Kommunismus – schickte die Kapuzinerprovinz von Apulien erste Brüder nach Nënshat in Albanien. Sie bauten an diesem Ort ein Kloster und arbeiten seither vor allemin den  umliegenden Pfarreien. Der deutsche Kapuziner Andreas Waltermann zog  zuerst zu den Brüdern in Nënshat und übernahm später die Pfarrseelsorge in der Bergstadt Fushë-Arrëz und den umliegenden Dörfern. Damit liegen die beiden Kapuzinerniederlassungen einerseits in der armen Feldregion und der  noch ärmeren Bergregion. Eines ihrer Projekte, die Schule für Balkanägypter, liegt am Rande der Stadt Shkodra.

 Adrian Müller

www.adrianm.ch

 


Nahe den Menschen

am. Bruder Gjon Shtjefni ist der erste einheimische Kapuziner Albaniens. Da es in Albanien keine eigene Kapuzinerprovinz gibt, gehört er juristisch zur Provinz Apulien. Der Laienbruder hat praktische Fähigkeiten (siehe Titelbild) und bewegt sich als Katechet und als Ministrantenbetreuer gerne unter den Menschen. Gerne macht der 36-jährige Kapuziner Hausbesuche wie auf dem Bild unten bei Ndrek und Ardjena Topalli. Auch im Facebook ist Bruder Gjon aktiv und man findet da viele Bilder mit und von Jugendlichen.


 

«Zum Leben brauchen wir das Wort Gottes und dessen Auslegung»

am. Bruder Prel Syla wirft Holz ins Feuer. Der 38-jährige Priesterbruder arbeitete nach Gymnasium und Militär in Griechenland. Zu Hause wurde auch während des Kommunismus gebetet. Trotzdem liess er sich erst 1998 als 24-Jähriger taufen. Ab 2001 fühlte er sich zum Kapuziner berufen und studierte sowohl in Italien als auch in Albanien Theologie. Als Priester betreut er nun die kontemplative Schwesterngemeinschaft der Karmelitinnen und die pastoral und sozial tätigen Stigmatinen, zelebriert Gottesdienste und macht Haus- sowie Krankenbesuche. Vermitteln möchte er den Menschen vor allem die Geschwisterlichkeit – denn im Kommunismus habe man gelernt, gegeneinander zu arbeiten. Vorne rechts im Bild oben wärmt sich Bruder

Andreas Bossart aus der Schweizer Provinz.


 

Ein Schüler mehr bedeutet einen Bettler weniger

am. Afërdita Proni unterrichtet an der Schule für Balkanägypter von Shkodra. Diese Menschen sind Aussenseiter in der albanischen Gesellschaft und leben in eigenen Quartieren. Oft leben acht oder mehr Personen auf sechzehn Quadratmetern Wohnfläche. Möbel wären in dieser Situation ein Luxus. Im Auftrag der Stadt gehen dieErwachsenen in der Nacht Müll  sammeln. Am Tag schlafen sie. Morgens geht eine Lehrerin ins Quartier, um die Kinder zu wecken und in die Schule zu bringen. Ziel des Unterrichts ist die Überwindung des Analphabetismus und so die mögliche Integration der Zigeunerkinder in die albanische Gesellschaft. Glücklich sind die Lehrerinnen, wenn es eines an eine weiterführende Schule schafft. Und der Held der Schule hat es zu einem kleinen Computerladen gebracht! Der Kapuziner Angelo Argeze ist für die Zigeunerschule verantwortlich.