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Eine vielfältig religiöse Landschaft   

Indien – die Wiege von Religionen

In Indien sind alle grossen Religionen anzutreffen. Vier davon haben hier ihre Heimat. Eine starke Rolle spielt und spielte vor allem in der Geschichte der Islam. Auch wenn die Christen nur 2,3% der Bevölkerung ausmachen, leisten sie wertvolle Beiträge für das Schulund Sozialwesen. Das indische Christentum ist aufgespalten in eine Vielzahl von Kirchen. Einige sind «uniert», also mit dem Papst verbunden. Nach einem kurzen Blick auf die andern Religion stellen wir hier die Syro-Malabaren, die Syro-Malankaren und die Knananiten vor.

Das Christentum ist in Indien älter als in den allermeisten Ländern Europas. Heute zeichnet sich die indische Christenheit vor allem durch eine grosse Vielfalt aus – manche sprechen von «Zersplitterung ».

Bevor wir die christlichen Kirchen – die unterschiedlichen «Riten » skizzieren, einige stark verkürzende Bemerkungen über die in Indien entstandenen Religionen sowie über den indischen Islam.

Die Wiege in Indien

Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus hatten ihre Wiege in Indien. Dominant ist der Hinduismus, die älteste lebende Religion. Er entstand ungefähr im Jahr 1200 v. Chr., bekam jedoch erst im 19. Jahrhundert diese Bezeichnung. Wichtig ist der Glaube an die Wiedergeburt; ebenso das Kastenwesen, das nach wie vor im Alltag praktiziert wird (z.B. betr. Partnerwahl!). Die Hindus kennen Zehntausende, ja Hunderttausende von «Gottheiten», die weithin als unterschiedliche Erscheinungsweisen des gleichen einen Gottes gelten. Der Hinduismus kennt keine für alle verpflichtende Autorität.

Der Buddhismus ist nach Christentum, Islam und Hinduismus die viertgrösste Religion der Erde. Sein Gründer ist der wahrscheinlich im Jahr 563 v. Chr. geborene Königssohn Siddhartha Gautama, der sich der Welt abwandte und zum Buddha (wörtlich: Erwachten) wurde. Zentral sind im Buddhismus die Fragen nach dem Leiden und seiner Überwindung durch Askese sowie die Vorstellung eines Nirwanas. Diese Religion kennt keinen persönlichen Gott.

Der Jainismus entstand im 6./5. Jahrhundert vor Christus. Zentral ist das Ideal der Gewaltlosigkeit gegenüber allen beseelten Existenzformen. Darum ernähren sich die Jainisten so, dass weder Tiere noch Pflanzen sterben müssen (zum Beispiel von Nüssen). Es gibt keine Priester, jedoch Mönche und Nonnen. Viele von ihnen tragen einen Mundschutz, um nicht versehentlich Lebewesen wie Mücken zu töten. Die Mönche sind weiss gekleidet – oder nackt.

Die Anhänger des erst im16. Jahrhundert entstandenen Sikhismus erkennt man am kunstvoll gebundenen Turban. Als Ausdruck der Verbundenheit tragen Sikh-Männer den gemeinsamen Nachnamen Singh (Löwe), Frauen den Nachnamen Kaur (Prinzessin).

Islam: Taj Mahal

Wer kennt nicht das wichtigste Monument des indischen Islams, den Taj Mahal? Es erinnert bis heute an das Mogulreich (1526 bis 1858). Sein Kern lag im Norden im Gebiet der Städte Delhi, Lahore und Agra (dort wurde der Schweizer Kapuziner Anastasius Hartmann zum Bischof geweiht). Auf dem Höhepunkt seiner Macht im 17. Jahrhundert umfasste das Mogulreich fast ganz Indien.

Schon zu Zeiten Mohammeds kam der Islam auf friedliche Weise ins Land, durch das Zeugnis von Kaufleuten. Obwohl heute der Hinduismus das Land prägt, ist Indien nach Indonesien und Pakistan das Land mit der grössten muslimischen Bevölkerung.

Schliesslich gibt es in Indien eine ganz kleine Minderheit von höchstens 6000 Juden. Nach einem Bericht der UNO ist Indien das einzige Land, in dem niemals Juden verfolgt wurden.

Thomas-Christen

Kommen wir zum indischen Christentum. Der Legende nach (in Indien wird sie als unumstössliche Tatsache betrachtet) kam der Apostel Thomas im Jahre 53 nach Indien. In Madras, dem heutigen Chennai, wird sein Grab verehrt.

Auch wenn die indische Kirchengeschichte legendäre Züge haben kann: Der christliche Glaube überlebte, sodass der Jesuiten-Missionar Franz Xaver im 16. Jahrhundert höchsterstaunt war, bei seiner Ankunft in Indien lebendige christliche Gemeinden vorzufinden. Für die indischen Christen, die über anderthalb Jahrtausende ihrem Glauben treu geblieben sind, begann eine schwere Zeit. Denn die Männer aus dem Norden – es waren vor allem Portugiesen – begannen mit der «Lateinisierung» der Liturgie und anderer Frömmigkeitsformen.

Syro-Malabarisch katholisch

Die kirchlich Kolonialisierten begannen sich zu wehren. 1662 wandten sich die meisten Thomas-Christen vom «lateinischen» Erzbischof ab. Doch schon nach neun Jahren kehrten sie in ihre alte kirchliche Heimat zurück. Sie wurden zur syro-malabarischen katholischen Kirche, die im südindischen Kerala und in Tamil Nadu einen ihrer Schwerpunkte hat. Obwohl sie als «Unierte» dem Papst unterstehen, dürfen sie ihre traditionellen «ostsyrischen» Riten beibehalten.

Daneben gab und gibt es die so genannten «westsyrischen» Kirchen, die den Papst nicht anerkennen und zur Orthodoxie gehören. Zudem gibt es eine Kirche, die mit den Anglikanern verbunden ist, und eine, die zum Protestantismus gehört. Nur Spezialisten haben hier den Durchblick ...

Malankaren

Auch wenn die Sache vor allem für Aussenstehende recht verwirrlich ist, muss hier auf eine weitere Kirche kurz eingegangen werden, die schon vom Wortklang her mit der vorhin erwähnten leicht zu verwechseln ist: die Syro-Malankaren. Diese «altorientalische», südindische Kirche gehörte ursprünglich zur ostkirchlichen, also orthodoxen Tradition.

Ein Beitrag des Internet-Lexikons Wikipedia orientiert über ihre Gründungsgeschichte:

«Angesichts der Kirchenspaltung innerhalb der syrisch-orthodoxen Thomas-Christen in Indien nahm 1926 der in Opposition zum syrisch-orthodoxen Patriarchen von Antiochia stehende Metropolit von Malankara, Mar Basilios II. (»« 1929), mit seinen fünf Bischöfen Unionsverhandlungen mit Rom auf. Hierbei stellten sie lediglich die Forderung nach (1) Bewahrung ihrer traditionellen westsyrischen Liturgie, (2) Belassung der amtierenden Bischöfe auf ihren Sitzen und (3) Unabhängigkeit vom Patriarchat Antiochia. Dieses wurde vom Vatikan zugestanden.»

Und weiter: «Die Union mit der römisch-katholischen Kirche war  so erfolgreich, dass die acht Diözesen, an deren Spitze heute der Grosserzbischof von Trivandrum (Thiruvananthapuram) steht, derzeit etwa 430000 Gläubige zählen. Ausserhalb Indiens gibt es zwölf Gemeinden in den USA und fünf in Deutschland.»

Knananiten

Nur noch ganz kurz zu den Knananiten, die eine ganz spezielle Geschichte haben. Im 4. Jahrhundert zogen 72 judenchristliche Familien nach Südindien. Diese «Südchristen» heissen seit etwa 20 Jahren «Knananiten». Sie zählen 300000 Gläubige. Zwei Drittel gehören zu den unierten Syro-Malabaren, ein Drittel zur syrisch-orthodoxen Kirche. Sie sind sehr streng endogam, d.h. sie heiraten strikte nur innerhalb ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft.

«Lateiner»

Selbstverständlich gibt es in Indien nicht nur die genannten «unierten» Kirchen, sondern auch die römisch-katholische («lateinische »). Sie ist mit Abstand die grösste kirchliche Gemeinschaft. Wir brauchen sie hier wohl nicht näher vorzustellen.

Walter Ludin


Religionen in Indien

Hinduismus 80,5%

Islam 13,4%

Christentum 2,3%

Sikhismus 1,9%

Buddhismus 0,8%

Jainismus 0,4%

Andere 0,6%


18 Millionen Katholiken

In Indien leben etwa 25 Millionen Christen. Davon bekennen sich rund 18 Millionen zur katholischen Kirche. Von diesen gehören fast sechs Millionen zum syro-malabarischen, 500000 zum syromalankarischen und die Mehrheit zum römischen («lateinischen») Ritus.


Syro-Malabarische Kapuziner

WLu. In Indien gibt es etliche Kapuziner, die zum syro-malabarischen Ritus gehören. 1977 erlaubte ihnen der Schweizer Pascal Rywalski als Ordensgeneral die Gründung einer eigenen Kapuzinerprovinz. Heute gibt es drei Provinzen mit insgesamt rund 500 Brüdern. Einige wirken in der Schweiz und betreuen sowohl die Gläubigen ihres Ritus wie auch die römisch-katholischen.


Gewählte «Patriarchen»

Die obersten Autoritäten der Syro-Malabaren und Syro-Malankaren, die «Patriarchen», werden demokratisch gewählt und vom Vatikan bestätigt. Zurzeit haben beide den Rang von Kardinälen.