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Schweizer Kapuziner und die Mission   

Ein Blick in die Kapuzinergeschichte

In den letzten beiden Jahrhunderten waren 340 Kapuziner als Missionare in Afrika, Asien und Lateinamerika tätig. Überdies gab es zum Beispiel auch in Russland und in den USA Brüder im missionarischen Dienst – und in der Schweiz selbst.

340 Missionare
Ein Traktor wird geflicktUnterrichten ist ein grosses Wirkungsfeld der KapuzinerBernhard Christen | © Provinzarchiv Luzern

Die Kapuziner kamen als franziskanischer Reformzweig aus Italien 1535 ins Tessin und dann 1581 über den Gotthard erstmals in den Norden Europas. Seit Franz von Assisi hiess das Ziel der Ordensbrüder Mission.

Dazu bemerkt der Schweizer Missionsbischof Anastasius Hartmann (1803–1866): «Die Schweizer Provinz war ja durch den heiligen Karl Borromäus als Mission gegründet worden.» Diese stand zuerst für Reform der katholischen Kirche, dann bald im Dienst der Gegenreformation zur Verteidigung des katholischen Glaubens gegenüber den reformierten Konfessionen. Heute bedeutet Mission im interreligiösen Verständnis inner- und ausserhalb des Kapuzinerordens einen Dienst der Solidarität.

Missionierung in Graubünden

In Graubünden waren Kapuziner auf dem Gebiet des Bistums Chur sehr dominant. 1621 wurde als Antwort auf die Reformation die Rhätische Mission für den romanischsprachigen Teil Graubündens mit Einschluss des Puschlavs eingerichtet, rekrutiert mit italienischen Kapuzinern. Dazu wurden Schweizer Brüder für den deutschsprachigen Teil Graubündens mit der Rekatholisierung betraut. In die Frühphase der Rekatholisierung Graubündens fiel während den Bündner Wirren in Seewis/Prättigau 1622 das Martyrium des Schweizer Kapuziners Fidelis (Roy) von Sigmaringen. Hinzu wurden die italienischsprachigen Talschaftsmissionen Misox und Calanca zur Mission erklärt.

In all diesen Gebieten entstanden bis zu 86 Missionsstationen als Pfarreien und Kaplaneien. Davon sind heute schmuckvolle Kirchen sowie überliefertes Kultur und Bildungsgut übriggeblieben.

Im Wallis

Eine weitere Mission seitens der Schweizer Kapuziner war diejenige im Wallis, für welche sich die katholischen Stände der Eidgenossenschaft gegen die Calvinisten einsetzten. Die Errichtungen der Klöster St-Maurice (1610), Sitten (1631) sowie die kurzzeitige Existenz eines Klosters in Brig (1659) sind aber den Kapuzinern aus Savoyen zu verdanken.

Kurz vor und besonders während des Dreissigjährigen Krieges (1618–1648) drangen die Schweizer Kapuziner mit ihren Niederlassungen bis weit in kriegerisch umkämpfte Konfessionsgebiete und Fronten Süddeutschlands, Vorderösterreichs und des Elsass vor.

Russland und Indien

Dann gab es die Russland-Mission von 13 Schweizer Kapuzinern 1720–1759 mit Niederlassungen in Moskau, Petersburg und Astrachan. Sie stand im Zusammenhang mit der Wirtschaftsförderung, dem Austausch in Kunst, Kultur und Architektur sowie den Wissenschaften mit dem Westen Europas besonders unter der Herrschaft Zar Peter des Grossen und seiner Nachfolger aufgrund auch der Seelsorge bei ausgewanderten Schweizern.

In Indien war das Wirken des Anastasius Hartmann von Altwis LU als Bischof bedeutsam (1843– 1856 und 1860–1866). Er starb 1866 im Rufe der Heiligkeit und hinterliess als Seelsorger und Wissenschaftler wegweisende Publikationen und Editionen wie zum Beispiel das Neue Testament in Hindustani.

USA – Brasilien – Chile

Der aussergewöhnliche Freiburger Kapuziner Anton-Maria Gachet wirkte im 19. Jahrhundert in den USA bei den Indianern, später bei Bischof Anastasius Hartmann in Indien. (Dazu unser nächster Artikel!) In die Mission nach Brasilien zog ebenfalls im 19. Jahrhundert der Walliser Candid Sierro. Der Vizepräfekt der apostolischen Präfektur Pernambuco wurde im Gebiet der Amanajés 1874 ermordet. Felix Christen von Andermatt nahm 1902 die Missionsarbeit in Brasilien wieder auf. Ausserdem engagierte er sich in Chile für die Indianermission in Zusammenarbeit mit den bayerischen Kapuzinern bei Errichtungen von Schulen.

Osteuropa

Willibald Steffen und Kosmas Wicki, beide Kapuziner aus dem Entlebuch, waren hintereinander in der orientalischen Mission in Osteuropa im Einsatz. Willibald war in der Dobrudscha (Rumänien und Bulgarien) tätig. Kosmas verschlug es nach Sofia. Dort war er Pfarrer für die Katholiken in der bulgarischen Hauptstadt, Lektor für den Orden und schliesslich Berater von König Ferdinand von Coburg am bulgarischen Hof bis zur Rückkehr in die Schweiz 1918.

Reform der weltweiten Mission

Bernhard Christen von Andermatt postulierte als Generalminister (1884–1908) bei seiner Erneuerung des Kapuzinerordens vermehrtes missionarisches Engagement in der ganzen Welt. Bei seinem Amtsantritt befanden sich die Missionen auf einem Tiefststand infolge gesellschaftlicher Umwälzungen (Revolutionen) und Kriege sowie einer allgemeinen Krise des Ordens. Damit verbunden war ein starker Schwund an Missionaren. Es fehlte eine ordensinterne Instanz zur Koordination missionarischer Projekte.

Dieser Misere begegnete Bernhard Christen mit drei Massnahmen:

  • Zuständigkeit der Missionen unter dem Generalminister in enger Mitarbeit eines Missionssekretärs
  • Zuteilung der Missionsgebiete an einzelne Kapuzinerprovinzen
  • Einführung eines Missionsstatuts.

Schweizer Missionsgebiete

Adelhelm Jann aus Stans, ein Mann der Missionswissenschaft und der praktischen Förderung der Missionsidee, setzte sich am Provinzkapitel bei den Schweizer Kapuzinern für die Umsetzung der koordinierten Mission mit der Übernahme von Missionsgebieten ein.

Die Schweizer Kapuziner erhielten 1920 im ehemaligen «Deutsch-Ostafrika» infolge der Vertreibung der deutschen Missionare jenes Missionsgebiet, das sich ganz auf das heutige Staatsgebiet Tansania erstreckt. 1922 wurde ihnen auch die Inselgruppe Seychellen in Ablösung der Savoyer Kapuzinerprovinz anvertraut.

Mit Baldegger Schwestern

Die Missionsarbeit in Tansania fand von Beginn an zusätzlich tatkräftige Mitarbeit seitens der franziskanischen Schwesternkongregation der Göttlichen Vorsehung von Baldegg bei Luzern, genannt Baldegger Schwestern. Denn die missionarische Kooperation der Kapuzinerbrüder und Baldeggerschwestern war friedensvermittelnd und -stiftend engagiert beim Übergang Tansanias vom englischen Koloniestatus zum unabhängigen Staat unter dem ersten Staatspräsidenten Julius Nyerere. So hat zum Beispiel der Appenzeller Meinhard Inauen als Militärseelsorger unter der Flagge Tansanias in Msimbazi beim Aufstand der Tanzania Rifles die Soldaten zur Niederlegung der Waffen bewogen und damit ein Blutbad verhindert.

Das Missionsgebiet in Tansania entwickelte sich 1997 erfolgreich zu einer unabhängigen Ordensprovinz.

Christian Schweizer, Provinzarchivar

der Schweizer Kapuziner


 

Weit verbreitete Zeitschriften

CS. Seit der Übernahme von Missionsgebieten gibt es schweizerische Medien im Dienst der Missionspropaganda: den «Missionsboten/Le Courier», heute unter den Titeln «ite» und «frères en marche» in der Schweiz weit verbreitet und beachtet.