ite/frères en marche
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Welche Aufgaben haben die Orden?   

Eine mögliche Auslegeordnung

Was bedeuten die Ordensleute für die Kirche und die Welt? Was ist das Besondere ihrer Lebensweise? Die Antwort ist nicht einfach. Das weiss auch Papst Franziskus, der das «Jahr der Orden» ausgerufen hat.

Das Ordensleben hat viele, sehr unterschiedliche Seiten.
Das Ordensleben hat viele, sehr unterschiedliche Seiten.Br. Titus in der Bibliothek

Der Papst, der ja auch zu einem Orden gehört,hütet sich,das «gottgeweihte Leben» in alle Himmel hochzujubeln. Er möchte nicht von einem besonders «radikalen» Christsein der Ordensmänner und -frauen reden. Denn: «Die evangelische Radikalität ist nicht nur eine Sache der Ordensleute, sondern wird von allen verlangt. Aber die Ordensleute folgen dem Herrn auf eine besondere, prophetische Art und Weise nach.»

Was könnte diese besondere «prophetische» Funktion bedeuten? Diese Frage beantwortet Martin Werlen, der ehemalige Abt des Klosters Einsiedeln, im folgenden Artikel. Am Schluss meines Artikels versuche ich eine zeitgemässe Deutung der Ordensgelübde Gehorsam, Armut und keusche Ehelosigkeit.

Flucht vor der Welt?

In den beiden grossen Schreiben, welche der Vatikan im Auftrag des Papstes veröffentlicht hat (siehe Kasten), wird öfters vor der früher gängigen Vorstellung gewarnt, die Ordensleute hätten der Welt den Rücken zugekehrt. Es wird sogar vor einem «Gespenst» und einem «Trugbild von einem Ordensleben» gewarnt, «das sich als Rückzugs und Tröstungsort  gegenüber der schwierigen und komplizierten Welt da draussen versteht».

Mit Nachdruck werden die Ordensleute aufgerufen, sich der «Welt» und den Menschen zuzu- wenden. In seiner bildhaften Sprache lädt der Papst alle Christen und ganz besonders jene in den Orden ein, «ihr Nest zu verlassen», um das Leben der Frauen und Männer unserer Zeit zu teilen.

Gefordert seien neben einem starken Glauben «die Fähigkeit zu Empathie, Nähe, Kreativität und Schöpfersinn, die den Geist und das Charisma (der Orden) nicht in starre Strukturen einsperren». Papst Franziskus lädt dazu ein, «eine Mystik der Begegnung» zu leben: den Menschen zuzuhören und sich mit ihnen auf den Weg zu machen. Hier wird ausdrücklich auf das Konzil verwiesen mit seinem zentralen Anliegen «der Sorge um die Welt und den Menschen».

Gemeinschaft statt Individualismus

Der Papst und seine vatikanische Dienststelle für das Ordensleben heben die Bedeutung des Ge- meinschaftslebens der Orden her- vor. Mit dem Hinweis, dieses sei ein Heilmittel gegen den grassie- renden Individualismus der Gesellschaft, finden wir hier eine erste Aussage zur prophetischen Funktion der Orden:

«In einer Zeit, in der die gesell- schaftliche Zerrissenheit einem unfruchtbaren, massenhaften Individualismus Recht gibt und die Schwäche der Beziehungen die Sorge um den Menschen schädigt und zerbrechen lässt, sind wir dazu aufgerufen, die gemeinschaftlichen Beziehungen menschlicher zu gestalten, um eine Gemeinschaft von Geist und Herz nach Art des Evangeliums zu fördern.»

Wie schon Mao sagte

Die Worte aus dem Vatikan drücken übrigens ein entscheidendes Merkmal des franziskanischen Or- denslebens aus. Dessen Sinn liegt nicht in erster Linie in der Nützlichkeit für Kirche und Gesellschaft. Vielmehr ist diese Lebensweise schon als solche berechtigt, noch vor jedem praktischen Nutzen.

Erst nach dem So-Sein kommt das Tun. Mit diesem Hinweis ver- lassen wir erst einmal die zitier- ten Schreiben und nehmen einen Gedanken auf, den schon Mao Tse-Tung prägnant formuliert hat: «Will man, dass sich etwas tut, dann muss man eine Gruppe haben, die etwas tut.»

Wie zum Beispiel der Artikel über die Ordens-Kongregationen in dieser ite-Nummer zeigt, können wir diesem Wort Maos nur zu- stimmen. Viel Notwendiges bliebe ungetan, wenn nicht religiöse Gemeinschaften sich dessen annähmen.Wo ein Einzelner schon längst resigniert hätte, halten Gruppen von Menschen durch, die in ihren Brüdern und Schwestern einen Halt haben.

Was bedeuten die Gelübde?

Gehen wir zurück zur These von Papst Franziskus, das Ordensleben zeichne sich nicht durch eine besondere Radikalität aus. Früher, vor allem vor dem Konzil, wurden die Ordensleute gerade durch ihr «radikales» Leben in Form der drei Gelübde Armut, Gehorsam und Keuschheit (oder: «keusche Ehelosigkeit») charakterisiert.

Zwar eignen sich die Gelübde nach wie vor, um das Ordensleben zu beschreiben. Wir müssen uns aber hüten, sie isoliert zu betrachten. Und da kommt eben ihre «prophetische» Seite ins Spiel.

Armut als Protest

Auch Ordensleute, die Armut gelobt haben, müssen in ihrem Alltag über Güter, ja selbst über Geld verfügen können. Doch sie bemühen sich, im Sinne von Paulus «zu besitzen, als besässe man nicht». Oder konkreter: In Armut leben heisst, sich bewusst zu sein, dass nicht die Marke des Autos oder – bei Jugendlichen – der Turnschuhe darüber befindet, wie wichtig und wertvoll man als Mensch ist.

Der in Armut lebende Ordens- mensch ist auch berufen, aufzu- stehen gegen unmenschliches Elend: «Armut als evangelische Tugend drängt in die praktische Solidarität mit jenen Armen, für die Armut gerade keine Tugend, sondern Lebenssituation und gesellschaftliche Zumutung ist.» (Johann Baptist Metz)

Gehorsam als Horchen

Das Gelübde des Gehorsams darf nicht – wie es früher wohl auch geschah – dazu missbraucht werden, unmündige Untertanen heranzuziehen. Es bedeutet auch nicht, passiv zu warten, bis der Obere etwas befiehlt.

In der Spiritualität des Ordens- lebens wird heute immer wieder darauf hingewiesen, dass der Gehorsam mit «Horchen» zu tun hat: aufmerksam hinhören, was der Bruder, die Schwester braucht; kreativ auf die Bedürfnisse der Gemeinschaft antworten.

Es ist offensichtlich: Eine solche Art des Gehorchens ist von jedem verantwortungsbewussten Gläubigen, ja von jedem Menschen gefordert.

Ehelosigkeit: niemanden besitzen

Noch kurz zum dritten Gelübde, der keuschen  Ehelosigkeit. Der Prior von Taizé, Roger Schutz, hat die «Ehelosen um des Himmelreiches willen» Menschen genannt, «die ihre Hoffnung so sehr auf Gott richten, dass sie niemanden für sich selbst besitzen wollen, ihre Arme allen offenhalten, sie bei niemandem verschliessen und niemanden für sich in Beschlag nehmen». Auch hier wird der Ordenschrist nicht von der Welt getrennt, sondern wie der Papst es formu- lierte, zu «Empathie und Nähe» zu andern Menschen befähigt.

In einem Artikel über den Zölibat verwies kürzlich der Churer Theologe Hanspeter Schmitt in der Herder-Korrespondenz auf eine «prophetische Intention» des freiwillig ehelosen Lebens: «Man zielt darauf, dass der freie Verzicht auf sexuelle Intimität in einer sexualisierten Umwelt verzerrte Massstäbe ins Lot bringen und die humane Bedeutung menschlicher Geschlechtlichkeit als Weg bezie- hungsweise Ausdruck der Liebe hervorheben hilft.»

Blick in die Zukunft

Trotz der Bedeutung, die das Ordensleben nach wie vor hat: Die Zukunft mancher Gemeinschaft ist wegen Nachwuchsmangel in Frage gestellt. Auch darauf gehen der Papst und seine Mitarbeiter in den Schreiben zum Ordensjahr ein. Sie warnen davor, mit Nostalgie in die glorreichere Vergangenheit zu blicken und mit Angst in die Zukunft zu schauen:

Papst Franziskus lädt die Orden ein, sich «vom Heiligen Geist tragen zu lassen und zu erlauben, dass er uns erleuchtet, uns führt, uns Orientierung gibt und uns treibt, wohin er will. Er weiss gut, was zu jeder Zeit und in jedem Moment notwendig ist».

Walter Ludin


Schreiben aus dem Vatikan

  • Rallegratevi/Freut euch – Schreiben vom 2. Februar 2014
  • Scrutate/Erforscht – Schreiben vom 8. September 2014

Die beiden Dokumente sind in der Sondernummer der Zeitschrift Ordenskorrespondenz zum Jahr der Orden auf Deutsch erschienen (S. 3–31; 33–80).


Nichts würde funktionieren

Also ohne Kirche, ohne Orden würde hier gar nichts funktionieren. So sag ich das einfach mal knüppelhart. Selbst in Deutschland schaffen es die Städte ja nicht ohne die Kirche.