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«Vagabunden» retten den Süden   

Vom «Reisen» in der heutigen Zeit

In modernen Gesellschaften beschleunigt sich das Leben und die Mobilität steigert sich stetig. Einige Menschen sind mit Lust, andere mit Frust im Rucksack unterwegs. Touristen sind willkommen und werden umworben. Anders ist es mit den Arbeitssuchenden aus dem Ausland. Reiche Länder möchten diese wirtschaftlichen Flüchtlinge – sofern sie nicht eigene Löcher stopfen – schnellstens wieder loswerden.

Wandern in der Gemeinschaft
Wassersuche in AfrikaWarten im Stau

Die Schweiz ist mit Strassen zugepflastert. Die Strassendichte pro 100km2 der Gesamtfläche beträgt in der Schweiz 173km, in Afrika 6,8km, in Lateinamerika 12km und in Asien 18km. Diese Strassendichte hat Nach- und scheinbar vor allem Vorteile. Mobilität gilt als Motor für die Entwicklung, schreibt Gabriela Neuhaus im DEZA-Magazin. Mobilität fördert den Austausch, aber auch die Abhängigkeit zwischen armen und reichen Nationen.

Wandernation Schweiz

Eindrücklich sind die Überlandstrassen in Kenia. Am Rand säumt eine endlose Karawane von Fussgängern die Fahrbahn. In Afrika sind 90% der ländlichen Bevölkerung zu Fuss unterwegs. Wer ähnliche Menschenkarawanen gesehen hat, der wird zurückhaltender mit der Vorstellung von einer Schweiz als Wandernation – ausser man unterscheidet klar zwischen freizeitlichem Vergnügungswandern und Alltäglichem-zu-Fuss-Gehen, weil man keine anderen Fortbewegungsmöglichkeiten hat. Helvetischer Alltag ist eher von verstopften Strassen und überfüllten S-Bahnen geprägt. Wanderwege sind selten überlaufen.

Schweizer und Schweizerinnen wandern, weil Bewegung gesund ist und sie dabei schöne Gegenden entdecken können. Um Bewegungsmuffel zu aktivieren, hat beispielsweise die Stadt Luzern ihren Bürgern Schrittzähler abgegeben. Im Notfall kann man in der Schweiz selbst beim Wandern auf befahrbare Strassen und Eisenbahnen ausweichen. Ist man verunfallt, dann erreicht man meistens schnell mit einer Ambulanz oder sogar einem Helikopter ein Spital.

Szenenwechsel nach Tansania: Eine schwangere Frau auf dem Land, ohne befahrbare Strasse in der Nähe ihres Hauses, sitzt fest, wenn sie Hilfe braucht. Bei Komplikationen während der Geburt gibt es kein schnelles Ankommen im Spital, mit entsprechenden Folgen für Mutter und Kind. Veloambulanzen gelten in vielen Entwicklungsländern als grosse Errungenschaft und sind ein erster Schritt in die richtige Richtung der Gesundheitsversorgung.

Zugang zu «Allwetterstrassen»

In Europa und China haben nach dem Rural Access Indicator die meisten, d.h. 87-100% der Menschen, eine Allwetterstrasse im Radius von zwei Kilometern von ihrem Wohnort entfernt. Spital, Arbeitsplatz und Schule lassen sich mit Fahrrädern oder Autos meistens relativ schnell und bequem erreichen.

In den USA, Russland und Argentinien sind es nur noch 71-86% der Bevölkerung, die eine Allwetterstrasse im Radius von zwei Kilometern zur Verfügung haben. In Mexiko, Brasilien sowie vielen arabischen Ländern sind es 50-70%. Bei den meisten afrikanischen Ländern liegt der Wert unter 50%. Nicht berücksichtigt ist beim Rural Access Indicator die Situation von Eisenbahnen und ÖV, welche für die Schweiz als weitere grosse Standortvorteile gelten.

Schüler auf dem Weg

Kurze und sichere Schulwege werden in der Schweiz gefordert und Leute, die in der Schweiz die Zuteilung der Schüler auf die Schulhäuser vornehmen müssen, haben oft Elternkontakt, weil die Erziehungsverantwortlichen der Meinung sind, dass der weite Schulweg und die Sicherheitsbedingungen ihren Kindern nicht zuzumuten seien. In der Schweiz ist es meistens so, dass die Schüler den Schulweg alleine unter die Füsse nehmen können und nicht von den Eltern wegen Gefahren oder Distanzen mit dem Auto gefahren werden müssten.

Szenenwechsel: In Nigeria müssen Kinder des ärmsten Fünftels der Bevölkerung bis zur nächsten Primarschule im Durchschnitt fünf Mal so weit reisen wie jene, die dem wohlhabendsten Fünftel angehören. Die Länge und die Sicherheit von Schulwegen scheint ein wichtiges Entwicklungs- und Reichtums-Merkmal zu sein. Dabei schneidet die Schweiz international nicht schlecht ab.

Tourist oder Vagabund?

Schweizer kennen nicht nur die Alltags- und Arbeitsmobilität. Sie sind auch in ihrer Freizeit oft unterwegs. Der polnisch-britische Soziologe Zygmund Bauman unterscheidet zwischen Touristen und Vagabunden. Der Tourist wählt in Freiheit, wohin er gehen will. Er bestimmt Reisemittel und Aufenthaltsorte nach eigenem Geschmack. Die Welt lässt sich geniessen und – sofern man genügend finanzielle Mittel hat – können ihre Angebote gekauft werden.

In der soziologischen Theorie von Zygmunt Bauman sind Vagabunden die anderen, die in unserer Gesellschaft auch unterwegs sind. Wie Touristen sind sie in Bewegung, können aber das Ziel ihrer Reise nicht aussuchen. Sie sind von Not getrieben, ihr Überleben zu sichern. Migranten (im Sinne von Bauman Vagabunden) fliehen vor Armut oder ungerechten Strukturen und hoffen auf ein besseres Leben an einem anderen Ort. Gerne möchten diese Vagabunden leben wie die Touristen, die auf der ganzen Welt zu treffen und meistens sehr willkommen sind.

Vagabunden bezahlen die Armen

Berechnungen der Weltbank zeigen, dass die Geldüberweisungen der regulären und irregulären Arbeitsmigranten an die zurückgebliebenen Familien ein Mehrfaches der internationalen Entwicklungshilfe (Official Development Assistance) betragen. In der Sprache des Soziologen Bauman könnte man sagen, dass vor allem die Vagabunden den Süden finanziell unterstützen und so die Entwicklung beschleunigen. Zusätzlich müsste es jedoch nach der Global Commission of International Migration (GCIM) gelingen, die Migrationsprozesse durch internationale Kooperationen zu steuern und zu humanisieren.

Es wird vermutet, dass künftig wegen sicherheitspolitischen Überlegungen auch die reichen Länder an internationalen Lösungen und internationaler Zusammenarbeit interessiert sein müssten. Dabei sind jedoch sowohl die Touristen wie auch die Vagabunden in den Blick zu nehmen. Zu berücksichtigen wäre auch noch, die von den reichen Ländern gewollte Arbeitsmigration. Nicht nur das Gesundheitswesen der Schweiz hätte ohne ausländische Vagabunden viel zu wenig Arbeitende.

Pilgern ist anders

Pilger verstehen sich nicht als Touristen und auch nicht als Vagabunden. Pilgern hat religiöse Wurzeln, auch wenn nicht alle Pilger ihr Tun als religiöse Übung verstehen. Es geht beim Pilgern um den Weg zu sich und für religiöse Menschen auch um einen Weg zu Gott. Vor allem der Weg ist das Ziel. Die Erfahrungen des Gehens und der Begegnungen unterwegs zählen.

Franz von Assisi geht noch einen Schritt weiter. Das Leben ist eine Pilgerschaft. Darum sollen seine Brüder das Leben als eine Pilgerschaft zu Gott verstehen. Hier auf Erden sind sie noch fremd, finden dann in Gott ihr Ziel. Diese Haltung lädt jedoch nicht ein, der Welt zu entsagen, sondern im Gegenteil, die Welt zu gestalten und vor allem in den sozialen Brennpunkten mit den Menschen am Rand solidarisch zu sein.

Adrian Müller