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Wie Jesus von Nazareth glauben lernte   

Was die Biografen nicht erzählen

Je vertrauter ein Mensch, umso mehr wissen wir in der Regel über ihn. Je mehr wir ihn bewundern, desto mehr versuchen wir über ihn zu erfahren. Wir durchforschen biografisches Material in Schrift und Bild, im Wissen darum, dass die Informationen vermutlich geschönt oder zugespitzt sind, dass sie ein ganz bestimmtes Bild wiedergeben sollen. Besonders schwierig wird es mit Biografien, deren Hauptperson – und Autoren! – vor Hunderten von Jahren gelebt haben. Wie im Fall Jesus.

Männer haben in der Synagoge den Kopf mit einer Kippa zu bedecken. | © © Fotolia 94946356
Torah-Rollen sind das Herzstück der Synagoge. | © © Fotolia 49533041Jerusalem: Kontrollpunkt zum Tempelberg und zur Klagemauer | © Sarah Gaffuri

In Jesu Biographie herrscht eine Lücke, die so markant ist wie gross. Niemand hat notiert, was Jesus gemacht hat, bevor er öffentlich auftrat. Eben noch haben die Engel auf den Feldern gesungen – und schon breitet sich ein Meer des Nichtwissens über die nächsten 30 Jahre.

Was der Biograph nicht erzählt

Kleine, schwimmende Inseln liefern nur wenig Orientierung: Eine Flucht nach Ägypten ist Teil der Überlieferung. Als 12-Jähriger soll der Knabe auf einer Pilgerreise nach Jerusalem im Tempel die erwachsenen Gelehrten verblüfft haben. Knapp 20 Jahre später wird er im Jordan getauft. Hier setzen die Biographen wieder ein. In ihre Erzählung fliessen die theologischen und politischen Agenden ihrer Zeit ein.

Die Geschichte des 12-Jährigen im Tempel lässt vermuten – so sie denn historisch ist – dass der Junge vorher spirituelle oder religiöse Erfahrungen gemacht hat. Nur: Wo oder wie das geschehen ist, lässt sich heute nur schwer nachvollziehen.

Christliche Früherziehung

Als ich ein Kind war, fand der Religionsunterricht an einem freien Nachmittag statt: Geschichten, Gebete, Lieder. Während der Gottesdienste gab es manchmal eine Kinderfeier in der Krypta. Oder man sass während der Messe bei den Eltern, schaute den älteren Kindern beim Ministrieren zu und versuchte in der Wandlung den Heiligen Geist zu erspähen. Vor Erstkommunion und Firmung gab es eine besondere Schulung. Die reformierten Freundinnen ächzten, etwas älter, unter der Gottesdienstpflicht vor der Konfirmation.

So ähnlich wurden wohl die meisten Erwachsenen in der Schweiz an ihre Religion – oder ihren Entscheid dagegen – herangeführt. Das System wird auch heute in mehr oder weniger modernisierter Form so von den Landeskirchen fortgeführt. Auch andere Religionen kennen die spirituelle Früherziehung.

Jüdische Früherziehung

In Zürich gibt es Ganztagesschulen für jene jüdischen Kinder, deren Familien die Kultur des Glaubens bewusst in den Alltag integrieren und ihre Kinder daher nicht in eine staatliche Schule schicken möchten. Es gibt sie für verschiedene Ausrichtungen. Auf dem Stundenplan stehen nebst den üblichen Fächern auch das Studium der Torah, des Talmuds mit der Mischna. Je nach dem, wie die Schule geprägt ist, konservativ oder traditionell-offen, gibt es unterschiedliche Fächerangebote für Jungen und Mädchen.

Und vor 2000 Jahren? Wo lernte Jesus seinen Glauben? Gab es überhaupt einen weltlichen oder religiösen Unterricht in der Form, wie wir ihn heute kennen? Durchlief er die Ausbildung und Rituale, denen jüdische Kinder heute begegnen? Gab es einen Rabbi, der ihn den Talmud lehrte?

Die Bedeutung des Tempels

Ich frage nach im Zürcher Institut für interreligiösen Dialog, ZIID, früher bekannt unter dem Namen Zürcher Lehrhaus. Der jüdische Gelehrte Michel Bollag gehört zur Institutsleitung und betreut die Fachrichtung Judaistik. Auch er kann in dieser Frage nur bedingt auf die Sprünge helfen. Denn die jüdische Religion, wie sie heute in ihren zahlreichen Facetten gelebt wird, entwickelte sich parallel zum Christentum in den letzten 2000 Jahren.

Auch für die Juden ist die Zeit des 1. Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung entscheidend, religions- und damit identitätsstiftend. Mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem (70 n. Chr.) bricht eine neue Ära an. War vorher der Tempel Fixstern und Zentrum der religiösen Praxis, ist die heutige jüdische Kultur geprägt von der Abwesenheit des Tempels. Was vor seiner Zerstörung galt und gelebt wurde, liegt zu einem grossen Teil begraben unter den Trümmern des Heiligtums, von dem nur die Klagemauer den Juden geblieben ist.

Jesu Früherziehung

Erzählt wird in Biographien in der Regel das, was einen Menschen und sein individuelles Leben besonders auszeichnet. Man kann daher vermuten, dass deswegen in den Evangelien nicht näher auf Jesu Kindheit eingegangen wird, weil sie ablief wie die vieler anderer Kinder seiner Zeit und Kultur auch.

Ganz grundsätzlich gibt es für Bollag folgende Anhaltspunkte: «Als jüdisches Kind seiner Zeit hielt auch Jesus bestimmt die religiösen Speisegesetze ein. Er war beschnitten. Und sein Alltag war geprägt vom religiösen Kalender, dessen Feiertagen und Ritualen.»

Jesus und der Schabbat

Somit wird Jesus auch den Schabbat eingehalten haben – doch hier muss Bollag bereits relativieren: «Die heutige Schabbat-Praxis in all ihren Details war auch erst im Begriff zu entstehen. Konsens war: Man arbeitet nicht am Schabbat.

Ebenfalls wichtig zu wissen ist, um die Polemik des Jesus rund um den Schabbat im Markus-Evangelium einordnen zu können, dass das Schabbatgesetz gebrochen werden muss, wenn Lebensgefahr droht.»

Religionen im Entstehen

Ein Hindernis auf der Spurensuche ist also identifiziert: Das Judentum von heute entsteht parallel zum Christentum, seine damalige Gestalt stellt erst die Konturen der heutigen dar. Vor der Zerstörung des Tempels war dieser kultisches und kulturelles Zentrum.

Zwar gab es Synagogen, doch ihre Rolle ist unklar. «Es ist denkbar, dass zeitgleich mit wichtigen Tempelritualen auch in den Synagogen gebetet wurde», sagt Bollag. Die Synagogen, davon geht er aus, waren Versammlungsort, Lehrhäuser, Andachtsräume.

Aber ihre heutige Form und alles, was damit verbunden wird, entstand erst in der Zeit nach der Zerstörung des Tempels. Die Bar-Mizwah bzw. Bat-Mizwah, die Buben und Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden feiern, sind heute eng mit der Synagoge und ihrem Stellenwert in der jüdischen Gemeinde verknüpft. Rabbiner, wie man sie heute kennt, treten so in der Zeit des Knaben Jesus noch nicht auf.

Klein-Jesus im Tempel

Der 12-jährige Junge aus Nazareth, der im Tempel von Jerusalem die Gelehrten mit seinem Wissen und Verständnis in Erstaunen versetzt: Welche Informationen gibt uns die Erzählung? «Die Pilgerreise der Familie nach Jerusalem, die den Hintergrund der Geschichte bildet, gehört zu den Traditionen, die es so sicherlich gab», sagt Bollag.

Die Schilderung des Knaben, der allein im Tempel zurückbleibt, während sich seine Familie ohne ihn nach Hause aufmacht, erinnert ihn an eine andere: die Geschichte des Propheten Samuel. Dieser wird allerdings absichtlich im Tempel zurückgelassen, weil seine zuvor unfruchtbare Mutter ihn Gott versprochen hatte.

Zudem entdeckt Bollag ein weiteres vertrautes Motiv: Ein Mensch, der als Erwachsener herausragt, verblüfft in der biographischen Erzählung oft schon als Kind mit seinem profunden Wissen. Die Geschichte des 12-Jährigen im Tempel enthält für Bollag mindestens so viel Theologie wie Geschichte.

Wie Schichten einer Zwiebel

Zum ersten Hindernis gesellt sich also ein zweites. Das, was an Information zur Verfügung steht, ist nicht unbedingt die Wiedergabe eines Faktums. Ob es sich um singende Engel bei der Geburt, um Weise aus dem Morgenland, einen Kindermassenmord, eine Flucht oder das Auftreten eines Wunderkinds im Heiligtum seines Volkes handelt – die Schichten, aus denen sich die Erzählungen zusammensetzen, sind so zahlreich wie die Lagen einer Zwiebel. Historik, Theologie, Mythologie, Mystik, Politik: alle suchen und finden ihren Platz darin. Jesus war, ganz buchstäblich, ein Kind seiner Zeit. Kind einer Ära, die kurz nach seinem Tod kaum mehr fassbar ist.

Sarah Gaffuri