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Die Flüchtlinge im Park von Como sind verschwunden, die Probleme bleiben …   

Interview mit Hannes Reiser

Letzten Herbst haben Bilder von Flüchtlingen, die in einem Park in Como auf die Weiterreise warteten, die Menschen aufgewühlt. Nachdem die Behörden Container aufgestellt hatten, sind die Flüchtlinge aus dem Stadtzentrum verschwunden. Hannes Reiser vom «Verein Freundeskreis Cornelius Koch» hat Ende November 2016 Como besucht.

Flüchtlinge in Como | © © Fritz Kehrer, CH-Kriens
Flüchtlinge in Como | © © Fritz Kehrer, CH-KriensFlüchtlinge in Como | © © Fritz Kehrer, CH-Kriens

Hannes Reiser, wie sieht die Situation aktuell –  vor Weihnachten 2016 –  in Como aus?

Im Containerlager, das vom Roten Kreuz betreut wird, sind zurzeit 300 Migranten und Migrantinnen untergebracht. Davon sind 260 Minderjährige. Die Migranten werden registriert. Ins Lager kommen wir nicht rein. Es braucht eine Bewilligung des Präfekten von Como. In einem Container sind 8 Personen untergebracht. Sie können zwar das Containerdorf kurzfristig verlassen, wer aber mehr als 72 Stunden weg bleibt, verliert den Platz. Die Menschen kommen vor allem aus Eritrea, Äthiopien, Syrien etc.

Aber es gibt immer noch Menschen, die draussen in Como schlafen?

Ja, es sind immer noch ca. 100 Menschen, darunter viele Minderjährige. Das ist jetzt in der kalten Winterzeit besonders kritisch. Um sie kümmern sich insbesondere der engagierte Pfarrer Don Giusto und zahlreiche Freiwillige aus der Kirchgemeinde San Martino in Rebbio sowie die Caritas.

Die Freiwilligen sind permanent unterwegs und sammeln obdachlose Migranten ein, um sie in San Martino über Nacht zu beherbergen und sie zu verpflegen. Als sich im Sommer 2016 die Migrantinnen in einem Park in Como zu stauen begannen, schickten die überforderten Behörden und Caritas vor allem die Minderjährigen zu Don Giusto. Ungefähr 1000 Jugendliche hat er auf ihrer Durchreise aufgenommen.

Como als Symbol der Hoffnung wie der Abwehr?

Ja, seit Menschengedenken ist Como ein solcher Brennpunkt. Immer, wenn etwas in der Welt passiert, spürt man es in Como. Das war in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts so, dem Höhepunkt der Einwanderung italienischer Gastarbeiter in der Schweiz; 1974 als chilenische Flüchtlinge via Mailand in die Schweiz flüchteten und jetzt wieder mit dem Anstieg der Bootsflüchtlinge über das Mittelmeer.

Die neuen Auffanglager sind wohl nicht der einzige Grund, warum die Flüchtlinge in Como nicht mehr sichtbar sind?

Italien hat im letzten Sommer einen radikalen Paradigmenwechsel vorgenommen. Vorher existierte eigentlich keine italienische Asylpolitik. Die Flüchtlinge wurden über Jahre einfach vier Wochen in einem Empfangslager betreut und entlassen. Sie machten sich dann selbständig auf den Weg nach Nordeuropa.

Seit Juli 2016 wendet Italien konsequent das Dublin-Abkommen von 1997 an, wonach der Staat, in den der Asylbewerber nachweislich zuerst eingereist ist, das Asylverfahren durchführen muss. Alle Flüchtlinge werden jetzt minutiös registriert und in sogenannten Hotspots untergebracht, bis das Asylverfahren durchgeführt ist. Es ist davon auszugehen, dass die Länder Nordeuropas massiv Druck auf Italien gemacht haben, die Alpen als letztes Bollwerk der Festung Europa abzuriegeln. Anders kann man sich diesen Paradigmenwechsel innert kürzester Zeit Anfangs Juli nicht erklären.

Es gibt Stimmen, die dem Schweizer Grenzwachtkorps ein «hartes und brutales» Vorgehen vorwerfen, wenn sie einen Flüchtling an der grünen Grenze oder im Zug nach Lugano erwischen?

Die Mitglieder des Grenzwachtkorps sind keine Unmenschen und sie foltern die Flüchtlinge auch nicht. Aber sie schicken sie einfach ohne grosse Diskussion nach Italien zurück, wenn sie sie erwischen. Sie weigern sich mit Bezug auf das Dublin-Abkommen aus Prinzip, Asylgesuche entgegenzunehmen. Gerade auch gegen minderjährige Migranten gehen sie hart vor. Dabei müssten sie gerade diese aufgrund der Kinderrechtskonvention der UNO in ein Empfangszentrum bringen. Das hat auch Don Giusto wiederholt dokumentiert. Was hier passiert ist «durchgeführte Abschreckung», mit Rückendeckung der Schweizer Behörden.

Es gibt ja nicht nur in Como eine grosse Solidarität mit den Flüchtlingen, sondern auch im Tessin.

Es gibt im Tessin etwa 20 Juristen und Juristinnen der Bewegung «Posti liberi» des bekannten Anwalts Paolo Bernasconi, die mit Anwältinnen und Anwälten von Como zusammenarbeiten, welche gratis für Flüchtlinge tätig sind. Die «Posti liberi»-Anwälte konnten seit Juli etwas über 20 Jugendlichen die Einreise legal ermöglichen, da es sich dokumentieren liess, dass sie Familienangehörige in der Schweiz haben. Dann gibt es auch die Freiwilligen der Associazione Firdaus um die SP-Grossrätin Lisa Bosia Mirra. Sie kümmert sich persönlich um unbegleitete Minderjährige, die zu ihren Angehörigen in die Schweiz wollten. Allerdings ermittelt zurzeit die Staatsanwaltschaft gegen Lisa Bosia, weil sie am 1. September versucht haben soll, vier minderjährige Flüchtlinge mit dem Lieferwagen in die Schweiz zu schleusen. Und dann gibt es in Como regelmässige Treffen der Hilfswerke, Juristen und Juristinnen, Gemeindebehörden und Kirchenleuten.

Hannes Reiser, Sie und «Verein Freundeskreis Cornelius Koch» befürworten die Einrichtung eines «humanitären Korridors» durch die Schweiz. Was meinen Sie damit und würde dadurch nicht Tür und Tor für die Flüchtlinge geöffnet?

Nein, die meisten Flüchtlinge wollen gar nicht hier bleiben, sie wollen ja einfach durch die Schweiz reisen, um nach Deutschland und Nordeuropa zu gelangen, wo sie viele Verwandte haben. Diesen Flüchtlingen sollen die Behörden einen «humanitären Korridor» einrichten, d.h. sie müssen freies Geleit bekommen. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass in der Schweiz –  ähnlich den USA und Kanada der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts – eine «Sanctuary-Bewegung» entsteht, die Flüchtlingen vorübergehend Kirchenasyl gewährt.

Zum Schluss eine persönliche Frage, Hannes Reiser, was war der Auslöser für Ihr lang andauerndes Engagement für Migrantinnen und Migranten?

Ich habe als Student viel auf dem Bau gearbeitet. Ich hatte viel mit Ausländern, damals vor allem Italienern, zu tun und war schockiert, wie unwürdig sie von ihren dreissig Jahre jüngeren Schweizer Vorarbeitern behandelt wurden. Schockiert war ich auch, als die Schweizer Bevölkerung die «Überfremdungs-Initiative» von James Schwarzenbach knapp mit bloss 54% Nein-Stimmen ablehnte. Wichtig war auch unser Engagement im Rahmen der «Freiplatzaktion», mitgegründet vom Flüchtlingskaplan Cornelius Koch, nach dem Pinochet-Putsch in Chile von September 1973, in der Folge sich rund 2000 Flüchtlinge in die Schweiz retten konnten. Das geschah fast immer gegen den Willen der Bundesbehörden – dieser Abwehrreflex können wir bis heute feststellen.

Beat Baumgartner


Christen aus der Romandie kritisieren Dublin-Rückführungen

Katholische und evangelische Seelsorger, Sozialarbeiter, Juristen und Freiwillige, die sich in der Romandie im Asylbereich engagieren, kritisieren in einem Communique das Verhalten der Schweiz bei der Abschiebung von Flüchtlingen nach Italien. Die Schweiz war 2015 mit 1196 von 2436 nach Italien überstellten Flüchtlingen Spitzenreiter bei den Dublin-Rückführungen in Europa.

Die Westschweizer Christen werfen der offiziellen Schweiz einen «beschämenden Formalismus» bei der Umsetzung der Dublin-Verordnung vor. Die Teilnehmer einer Tagung vom 11.-12. November 2016 rufen deshalb die Behörden zu einer gerechten Asylpolitik auf, sie fordern eine grosszügigere Anwendung der Souverenitäts-Klausel, die einem Staat im Dublin-Raum erlaubt, ein Asylgesuch unabhängig von den Rückführungs-Regeln zu behandeln.

Quelle https://www.cath.ch/newsf/chretiens-romands-actifs-aupres-refugies-critiquent-renvois-dublin/


Zwei Priester geben Flüchtlingen eine Stimme

Die beiden Priester Don Giusto della Valle, Pfarrer der Kirchgemeinde Rebbio nahe Como, und Don Gianfranco Feliciani, Erzpriester von Chiasso, haben am 25. November 2016  in Mailand für ihr Flüchtlings-Engagement den Preis von Reset-Menschenrechte erhalten. Der bekannte Tessiner Anwalt Paolo Bernasconi betonte in seiner Laudatio, dass die beiden Priester in den letzten Jahren Hunderten von Flüchtlingen beidseits der italienisch-schweizerischen Grenze unkompliziert geholfen hätten. Der Preis hat symbolischen Charakter, es gibt kein Preisgeld, aber er ist ein starkes Zeichen für die beiden beidseits der Grenze immer wieder angefeindeten Pfarrer.

Quelle Ticinonews/infosperber