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Ein ökumenischer Heiliger – Niklaus von der Flüe   

Zur 600-Jahr-Feier unseres Nationalheiligen

Ein eigentümliches Zusammentreffen: Das Reformationsjubiläum wird gleichzeitig begangen, wie die 600­Jahr­Feier der Geburt des Schweizer Nationalheiligen Bruder Klaus, ein vorreformatorischer Erneuerer!

Niklausrad mit Medaillons von Josua Boesch | © noah verlag

Ein Zufall, der allerdings Sinn macht: Niklaus von Flüe lebt im Vorfeld der Reformation prophetisch im Ranft. Er steht für Werte, die auch den Erneuerern mit Blick auf die Kirche ein Anliegen sind. Das Gemeinwohl zum Beispiel kommt bei Bruder Klaus vor den Eigeninteressen und massgebend ist das jeweils grössere Ganze. Das heisst auch, Konflikte konstruktiv auszutragen und im Gespräch gemeinsame Lösungen zu suchen. Am Evangelium orientiert, bedeutet dies einen durchaus kritischen Umgang auch mit der institutionellen Kirche und ihren Amtsträgern.

Zentral für den Bruder im Ranft ist ausserdem eine auf Christus ausgerichtete Spiritualität. Das nach seinen Wünschen geschaffene Meditationsbild zeugt davon und setzt in den Medaillons weitere Akzente: Niklaus bejaht die geschaffene Welt als Schöpfung Gottes und stellt sich jeder Form von Unfrieden. Die ärmliche Geburt Jesu ruft auf zur Sorge für menschliche Nöte. Und im Vertrauen auf die erlösende Kraft des Kreuzes lässt sich die bleibende Gegenwart des Auferstandenen im Mahl feiern.

Erneuertes Meditationsbild

In einer modernen Metall-Ikone zum Bruderklausenrad fasst Josua Bösch -evangelisch und aufs Wesentliche reduziert – das Klausenrad in schlichte Form, woran sich kirchliche Erneuerung zu orientieren hat: Im Zentrum steht Christus selbst. Er allein soll uns Lehrmeister sein. Von ihm ausgehend und zu ihm hin verbinden sich in der Kraft des Geistes die Welt und Menschen mit Gott – darin liegt alleinige Gnade. Orientierung für ein christliches Leben und Kirche-Sein gibt die Heilige Schrift – sola scriptura. Dafür stehen die Namen der vier Evangelisten in den vier Ecken der Ikone.

Konkret wird das Wirken Gottes in den Medaillons. Drei davon (absteigendes Dreieck) preisen sein Schöpfungswerk: Durch Maria tritt Gott leibhaft in die Welt (Krippe mit Stern), die er durch Tod (Kreuz) und Auferstehung (Eucharistie) erlöst. Drei weitere Medaillons (aufsteigendes Dreieck) erinnern an den Weg zu tiefer Gottesfreundschaft: in der Nachfolge des Menschensohns (Pfingstereignis) die Liebe Christi (Friedenstaube) auch in Konflikten leben und sie in der erinnernden Feier des Abendmahles (Brot) nähren.

Die auf evangelischer wie christkatholischer (altkatholischer) Seite bis heute bewahrte Sympathie für Niklaus von Flüe als überzeugende Gestalt des Glaubens, engagierten Christseins und politischer Weitsicht macht ihn auch in der Gegenwart zu einem «ökumenischen Heiligen». Das Jahr 2017 bietet die Gelegenheit, das Reformationsjubiläum über die Schweiz hinaus mit dem Bruderklausenjahr zu verbinden.

Nadia Rudolf von Rohr


Der Text verdichtet einen Ausschnitt des unlängst erschienenen Buches von Niklaus Kuster und Nadia Rudolf von Rohr: «Fernnahe Liebe – Niklaus und Dorothea von Flüe». Anders als die bisherige Literatur über den Schweizer Nationalheiligen lässt dieses Buch auch Dorothea sprechen, die starke Frau, mit der Niklaus von Flüe gern «zu Tanze ging» und ohne die sein Werdegang undenkbar wäre. Das Buch erzählt von Obwalden im 15. Jahrhundert, vom Leben einer Bauernfamilie, von 20 glücklichen Ehejahren, von Niklaus’ überraschender Lebenswende mit 50 Jahren und von Dorotheas eigenem Werden. Es zeichnet das Bild zweier kantiger Persönlichkeiten und ihrer Lebenswege, die sich verbunden haben und die trotz Trennung untrennbar geblieben sind. Deshalb geht es nicht nur um Mystik und Politik des Heiligen, sondern ebenso um eine Ehe- und Liebesgeschichte, die von Verantwortung, Bindung und Freiheiten spricht. Patmos, Ostfildern 2017. Vgl. Kapitel 8.