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Franz von Assisi – Reformator lange vor der Reformation?   

Von den Anfängen im Mittelalter

Franz von Assisi faszinierte den Reformator Martin Luther, der ihn als einen frühen Vorläufer betrachtete. Der Wittenberger nannte Franziskus «einen bewundernswerten und geistes­gewaltigen Mann», der «in seiner grossen Weisheit das Evangelium Jesu Christi» zur einzigen Richtschnur seiner Bewegung gemacht habe.

Franz von Assisi | © Adrian Müller

Die Reformation von 1517 hat Vorläufer schon tief im Mittelalter. Sie führt weiter und verstärkt, was freie und biblisch inspirierte Persönlichkeiten bereits früher entdeckt und entfaltet haben. Jedes Jahrhundert trägt das Seine dazu bei, dass die ständig zu erneuernde Kirche «neu in Form» kommt, Ecclesia semper reformanda.

Reformen durch Ordensleute

Im 10. Jahrhundert kämpft das Mönchtum von Cluny für die Freiheit der Klöster gegenüber weltlichen Herren und staatlichen Interessen. Im 11. Jahrhundert erreichen die Ideale der Cluniazenser das Zentrum der Kirche und die Päpste selbst erringen im Kampf um die «Freiheit der Kirche» ein neues Zusammenspiel mit dem Staat.

Im 12. Jahrhundert stehen sowohl Hildegard von Bingen wie Valdes von Lyon für die Erneuerung der Kirche ein: Die «Prophetin vom Rhein» tut es mit ihren Visionen von der Ganzheit der Schöpfung und mit vier Predigtreisen durch Deutschland, indem sie nicht mit Kritik an Fürsten und Klerus zurückhält.

Die Stunde der Kaufleute

Der Kaufmann Valdes übersetzt das Evangelium in die Volkssprache und lebt mit Frauen und Männern die Sendung der Jünger Jesu neu als Wanderapostel. Vier Jahrzehnte nach Valdes in Lyon beginnt ein anderer Kaufmann Geschichte zu schreiben.

Franz von Assisi ist Modeexperte und nicht Theologe, weder Mönch noch Priester. Auch er lässt sich in einer tiefen Sinnkrise von Jesu Jüngersendung ansprechen: mit leeren Händen aufbrechen, Friede in die Häuser und Städte bringen, Ausgeschlossene in die Gesellschaft zurückführen, Bedrückte aufrichten und Gottes Zuwendung im Lebensalltag der Menschen spürbar machen. Anders als die Waldenser verzichtet Franziskus auf verbale Kirchenkritik: das beherzt und radikal gelebte Evangelium ist ihm Herausforderung genug. Und anders als die Waldenser lässt die franziskanische Bruderschaft sich auch nicht aus der katholischen Kirche hinausdrängen. Sie will die Kirche entschlossen von innen und ohne Spaltung erneuern.

Evangelisch bereits 1221

In der Lebensform der jungen Bewegung schreibt Franziskus: «Unser Leben und unsere Regel ist das Evangelium» – nichts Anderes: sola scriptura werden die Reformatoren dieses Prinzip nennen. Als sein Gefährte nach Weisungen fragte, wie er denn in der Nachfolge Christi leben solle, antwortete Franziskus als Laie dem Priester Leo: «Wie immer es dir besser erscheint, Christus zu gefallen und seinen Fussspuren zu folgen, so tue es!»

Keine Normen und Gesetze – solus Christus, wird Luther es nennen: Christus allein gilt es beherzt zu folgen, mit der Phantasie der Liebe. Der reformierte Berner Exeget Ulrich Luz sagt als bester Matthäuskenner im deutschen Sprachraum heute Erstaunliches über Franz von Assisi: niemand habe den Evangelisten Matthäus so gut verstanden wie er, der dessen Evangelium nicht studiert, sondern radikal gelebt und existenziell verstanden hat – tiefer als jeder Theologe.

Direkte Gottesbeziehung

Im letzen Januar würdigte Matthias Krieg die Verdienste der Reformation am ökumenischen Auftakt zum Reformationsgedenkjahr in Bern. Der theologische Sekretär der reformierten Zürcher Landeskirche nannte vier Errungenschaften: Neben dem neuen Zugang aller zur Bibel als Gotteswort ermutigen Reformatoren wieder jeden Gläubigen zu persönlicher Gotteserfahrung – ohne amtskirchliche Vermittlung. Auch hier zeigt die lange Geschichte der Mystik, wie intim Frauen wie Männer in jedem Jahrhundert Gottesfreundschaft erlebten.

Franz von Assisi ist auch da ein ermutigendes Beispiel. Als Frauen sich diesen Brüdern anschlossen, beschreibt Franziskus ihre Lebensform in einem Satz: «Ihr lebt das Evangelium schwesterlich – als Töchter des himmlischen Vaters, als Jüngerinnen Jesu und als Freundinnen des Heiligen Geistes!» Auch der Mystiker aus Assisi sieht keine kirchliche Autorität, welche diese dreifache Gottesfreundschaft vermittelt. Auf diese geschenkte Gottesnähe – sola gratia – antworten die Schwestern beherzt: Gottestochterschaft, Gottesfreundschaft, Jüngerinnenschaft, vom Geist inspiriert, Christus folgend, allein vom Evangelium geleitet.

Franziskus, der anders als Luther oder Zwingli nie Theologie studiert und keinerlei kirchliche Ämter bekleidet hat, sieht die wahre Autorität in Gott: im Vater, der auf Erden Geschwisterlichkeit schafft, was Klara von Assisi denn auch ermutigte, selbst mit dem Papst schwesterlich zu streiten; in Jesus Christus, einziger Meister, dessen Sendung Menschen jeder Lebensform wie die Apostel folgen können; im Heiligen Geist, wahrer «Generalminister» (Leiter) der franziskanischen Bewegung. Diese versammelt sich deshalb immer an Pfingsten zu den Versammlungen, welche die Leitung wählen und alle wichtigen Beschlüsse fassen.

Individuelle Freiheit

Matthias Krieg sieht ein drittes Verdienst der Reformation darin, dass der Einzelne kirchlich «mündig und verantwortlich für seinen Glauben wurde: Nicht mehr Mutter Kirche entschied für ihn. Er lernte, selbst zu denken». Die Reformatoren lancierten damit «eine Emanzipationsbewegung... In welchem Gesellschaftsbereich auch immer, die Freiheit des Einzelnen ist der moralische Trumpf der Reformierten». Franziskus spricht im oben zitierten Brief an Bruder Leo diese Freiheit in dichter Form an. Indem Leo selbst ermutigt wird, mit der ganzen Phantasie seiner Liebe Christus zu gefallen und dessen Evangelium zu folgen, zeigt der Ordensgründer sich traditions- und gesetzeskritisch: das Beispiel Jesu allein ist Massstab, keine noch so bewährten Normen und Traditionen der Kirche.

Indem sich Franziskus selbst nicht zum Meister macht, sondern seine Bewegung und alle Menschen ermutigt, «als Geschwister vor Gott» allein «der Stimme des Gottessohnes zu folgen», zeigt sich Franziskus hierarchiekritisch: Tatsächlich bestärkt er Klara in seinem letzten Schreiben, niemandem zu folgen, der sie von ihrer göttlichen Berufung abbringen will. Klara nimmt diesen Rat in einem Brief an ihre Prager Freundin Agnes auf und fügt hinzu: «Selbst wenn es jemand ist, den du ehren sollst, folge ihm nicht, sondern umarme arm den armen Christus.»

Revolutionär partizipativ

Als viertes Verdienst der Reformation hat Matthias Krieg die Demokratisierung gefeiert. Auch da zeigt sich, dass städtische Mitbestimmung und kommunale Demokratie tief im italienischen Mittelalter wurzeln. Die franziskanische Bewegung hat sie aufgegriffen und christlich radikalisiert:

Franz von Assisi schreibt brüderliche Briefe an alle Menschen: Egal welcher Religion, sah er in ihnen Söhne und Töchter des einen Vaters, und lud alle dazu ein, voneinander zu lernen: fraternitas – Geschwisterlichkeit universal. In seiner Bewegung hatten Laien und Priester, Frauen und Männer dieselbe Freiheit der Nachfolge – liberté spirituell, nicht nur bürgerlich, und dies auch im Umgang, Deuten und Verkünden der heiligen Schrift: Dabei zeigt sich franziskanisch eine égalité von Frauen wie Männern,weit radikaler als in der bürgerlichen Revolution Frankreichs.

Niklaus Kuster