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Indien – «Kuh-wärts» statt vorwärts   

Menschenrechte oder soziale Pflichten?

In Indien beruhen die gesellschaftlichen Strukturen nicht auf Menschenrechten, sondern auf sozialen Pflichten. Das betont der aus Indien stammende Br. George Franz Xavier im folgenden Beitrag.

Heilige Kuh

«Wenn ich über die ganze Welt schauen könnte, um jenes Land zu finden, welches die Natur am reichsten mit Wohlstand, Kraft und Schönheit gesegnet hat, (…) dann würde ich auf Indien zeigen.» So sagte es Friedrich Max Müller, der in Indien wohl bekannteste deutsche Indologe.

Menschenrechte – eine Realität aus der Vergangenheit?

Dieser Satz mag für die Vergangenheit zutreffen. Max Müller würde das heute aber kaum wiederholen. Menschenwürde, Menschenrechte und Menschlichkeit sind in Indien bestenfalls eine Realität aus der Vergangenheit. Damals wurde in Indien mehr von «Pflichten» gesprochen als von «Rechten».

Das «Dharma» bildet eine zentrale Lehre der hinduistischen Philosophie. «Dharma» ist ein umfassender Begriff der Pflicht, Moral, Recht, und Gerechtigkeit beinhaltet. Als der britische Schriftsteller H.G. Wells eine Liste der Menschenrechte aufstellte, entgegnete ihm Mahatma Gandhi, er solle besser eine Liste der Pflichten erstellen: «Beginne mit einer Charta der Pflichten des Menschen, ... und ich verspreche, dass die Rechte folgen werden, wie der Frühling dem Winter folgt.» Die sozialen Strukturen und die zugrunde liegenden sozialen Visionen der Menschenwürde im traditionellen Indien beruhten nicht auf den Menschenrechten, sondern auf sozialen Pflichten.

Dieses traditionelle indische Konzept der Pflichten wurde durch das westliche Verständnis von Individualrechten neu interpretiert. Durch die Einführung der britischen Gesetze und des britischen Bildungssystems entstanden in Indien Bemühungen, Rechte mit hinduistischen Vorstellungen von Pflichten zu verbinden. Die daraus resultierende indische Verfassung befürwortet die Rechte der Bürger stärker als deren Pflichten.

Exklusiver Nationalismus

Nationalismus ist für Indien nichts Neues. Gegen die britische Herrschaft entstand in Indien ein Nationalismus, der Menschen aller Religionen, Sprachen, Geschlechter, Kasten und sogar die «Unberührbaren» einschloss. Diese Idee eines inklusiven Nationalismus wandelte sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts zu einem exklusiven Nationalismus. Man begann primär über die Rechte der Mehrheit (Hindus) zu sprechen und die Rechte der Minderheiten zu ignorieren.

 «Hindu-Kultur»

Die Geschichte der 70-jährigen Nation begann ihre Wurzeln in der Kultur von vor Tausenden Jahren zu entdecken und nannte diese «Hindu-Kultur». So setzte sich in Indien ein kultureller Nationalismus durch, der Dalits, Ureinwohner, Nicht-Hindus und die Menschen der unteren Kasten einschliesslich der «Unberührbaren» ausschloss.

Das Ideal von «Vasudhaiva Kutumbakam» – der Welt als einer Familie – verwandelte sich in jenes einer hinduistischen Familie. Armut, Hunger, Freiheit, Sicherheit und Gleichstellung der Geschlechter waren nicht länger wichtig, nationale Symbole wie Nationalflagge und die Heiligkeit der Kuh hingegen schon.

Um die Kuh dreht sich heute in Indien alles

In den letzten drei Jahren wurden in Indien 29 Menschen getötet, Hunderte von Häusern wurden verbrannt und Hunderte von Menschen wurden gewaltsam angegriffen, weil sie entweder Rindfleisch gegessen oder zuhause gelagert hatten. Es gibt in Indien Rettungsdienste für kranke Kühe, Freiwillige arbeiten Tag und Nacht, um Kühe zu beschützen. Die Regierung finanziert Kuh-Heime. Andere soziale Probleme wie Vergewaltigungen von Frauen, Angriffe auf Dalits oder Minderheitenreligionen sowie massenhafte Suizide von Landwirten rücken in den Hintergrund.

Viele Frauen, Kinder, Dalits, Ureinwohnergemeinschaften, religiöse Minderheiten, Menschen mit Behinderungen, Transgender und Frauen bleiben in Indien marginalisiert und diskriminiert.

In der ganzen Welt wird Indien durch Ayurveda, Yoga, indische Gewürze, indische Philosophien und Kamasutra bekannt. Indien in seiner gegenwärtigen Realität zu präsentieren, hiesse, einen gescheiterten Traum Mahatma Gandhis aufzugreifen. Gandhi sah es als die Mission seines Lebens, «jede Träne von jedem Auge zu wischen». Max Müllers Sicht ist heute nicht mehr gültig.

Der gegenwärtige Status der Inder ist wie jener des Kaurava-Königs im Epos «Mahabharata». Als König Duryodhana gefragt wurde, warum er «so schreckliche Dinge» tue, entgegnete er: «Ich kenne das ‹Dharma›, aber ich bin nicht in der Lage, es auszuüben. Auch weiss ich sehr gut was ‹Adharma› – Unrecht – ist, aber ich bin unfähig, damit aufzuhören.»