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Madhu – geistliches Zentrum und «Ort des Friedens»   

Eine Wallfahrt der besonderen Art

Madhu, der bekannteste Wallfahrtsort des Landes und «geistliches Zentrum» für die Katholiken Sri Lankas, gilt bis heute als «Ort des Friedens und der Versöhnung» zwischen den Ethnien und Religionen. Doch mit Madhu verbinden die Menschen in Sri Lanka auch die schlimmsten Zeiten des Bürgerkriegs. Denn der Ort lag mitten im Kampfgebiet.

Wallfahrtskirche von Madhu | © © Stefan Rüde
Pilgerbus | © © Stefan RüdeMadonna von Madhu | © © Stefan Rüde

Man nähert sich Madhu von Manthai herkommend auf einer schnurgeraden, gut ausgebauten Strasse, links und rechts nur Dschungel und plötzlich taucht der Wallfahrtsort auf: eine frisch renovierte Kirche, ein paar Häuser und Devotionalienläden drum herum, das einfache Wallfahrtszentrum sowie eine Kantine, in der sich Gläubige verpflegen können.

Vor der Kirche ein riesiger Platz mit vereinzelten, schattenspendenden Bäumen, unter denen bereits einige Pilgergruppen ihre Zelte aufgebaut haben – obwohl das Hochfest «Maria Himmelfahrt» noch zwei Wochen entfernt ist. Gar nichts von barocker Grösse, die etwa Einsiedeln mit seiner imposanten Kirche als wichtigster Marienwallfahrtsort der Schweiz ausstrahlt.

Beim Papstbesuch fast eine Million Gläubige

Unglaublich, dass sich hier zu den Hochfesten Marias am 2. Juli und 15. August jeweils mehrere hunderttausend Gläubige, darunter auch Buddhisten und Hindus einfinden. Und wo Papst Franziskus vor fast einer Million Menschen am 14. Januar 2015 für Frieden und Versöhnung im Land betete und die Gläubigen aufforderte, «reumütig aufeinander zuzugehen und so echte Verzeihung anzubieten und zu suchen».

Die wechselvolle Geschichte des Marienwallfahrtortes ist eng mit jener der Katholiken Sri Lankas (siehe auch Artikel S. 10) verbunden, wie uns Father Thayalan, einer der vier Wallfahrtsgeistlichen, erläutert: Der portugiesische Missionar Francis Xavier hatte Anfang des 16. Jahrhunderts von Indien aus den Katholizismus der Bevölkerung des tamilischen Königsreichs von Jaffna nähergebracht. Doch der Hindu-König Cankili I. tötete 600 konvertierte Katholiken und die restlichen flohen.

In Manthai bauten diese Gläubigen um 1520 «Our Lady of Good Health» ein erstes Heiligtum. Unter den calvinistischen Holländern, die ab 1656 die Küstenregionen Sri Lankas dominierten, flohen 1670 rund 20 katholische tamilische Familien mit der Marienstatue ins Landesinnere an einen geheimen Ort bei Madhu. Sie trafen dort auf 700 aus Jaffna emigrierte Gläubige und bauten der Muttergottes einen neuen Heiligenschrein. Immer fünf bis sechs Familien beschützten fortan die Statue.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wuchs die Zahl der Pilger aus allen Landesteilen an, 1872 wurde eine neue Kirche gebaut und mit ihrer offiziellen kanonischen Krönung erhielt die Marienstatue 1924 ihren heutigen Namen «Our Lady of Madhu». «Der Boden und der Sand hier haben heilige Kräfte,» erklärt uns Father Thayalan, «die Gläubigen mischen den Sand mit Wasser und trinken ihn.»

Ernsthaftigkeit und Tiefe

In Madhu beeindruckt uns die Ernsthaftigkeit und Tiefe, mit denen die Gläubigen Maria verehren: wie sie Kerzen anzünden, in der Kirche sitzend oder auf den Knien vorwärts gleitend beten oder beim Gottesdienst inbrünstig singen. Zwei Messen täglich auf Tamilisch und Singalesisch, vier an Feiertagen und Sonntagen, finden in der Kirche statt.

Bei einem Gang durch das Wallfahrtsgelände sprechen einem immer wieder Menschen an und erzählen ihre Geschichte: Wie etwa Leute aus einer 15-köpfigen Pilgergruppe aus Chilaw, die mit eigenem Reisebus angereist ist und es sich in einer kleinen Zeltstadt für 15 Tage gemütlich eingerichtet hat.

Oder eine Familie mit ihrem Kind Saron, die uns sofort zu Tee und Kuchen einlädt. Er sei im «Business» tätig, sagt der Vater radebrechend. Er versucht offenbar, seine Familie mit dem Verkauf von Trockenfisch über die Runden zu bringen. Schliesslich jene vier fröhlichen, jungen Studenten aus Jaffna, für die die Teilnahme am Marienfest vom 15. August ein Höhepunkt des Jahres ist.

«Ort des Friedens» inmitten des Bürgerkriegs

Die Pilger-Idylle lässt vergessen, dass sich Madhu vor noch nicht allzu langer Zeit im Brennpunkt des Bürgerkriegsgeschehens befand. «Madhu galt auch während des Krieges meistens als demilitarisierte Zone. Keine der beiden Kriegsparteien hat diesen ‹Ort des Friedens› direkt angegriffen. Den Gläubigen von Nord und Süd war es immer möglich, hierher zu pilgern», erklärt Father Thayalan.

Allerdings stimmt diese Aussage nicht ganz: Schon seit 1990 suchten zunehmend Flüchtlinge den Ort auf, weil sie sich hier in Sicherheit fühlten. Im Frühling 1990 kampierten mehr als 10000 Flüchtlinge direkt um das Marienheiligtum, das als sichere Zone galt. Doch am 20. November 1999 forderte eine Bombardierung des Pilgergeländes 44 Tote und mehr als 60 Verletzte. Jede der Kriegsparteien wies damals der anderen die Schuld zu.

Und die Zivilisten in den Lagern mussten aufgrund des andauernden Bombeneinsatzes in den Norden fliehen. Die Kirche wurde beschädigt und die Marienstatue für eine gewisse Zeit an einen sicheren Ort gebracht. Als die Kampfhandlungen 2005 nach dreijährigem Waffenstillstand erneut aufflammten, wurde sie 2008 erneut in Schutz gebracht. Erst nach Kriegsende wurde Madhu zu einem wirklichen Ort des Friedens und der Versöhnung.