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Das Evangelium in balinesischer Gestalt   

Zwischen Akkommodation und Inkulturation

Im grössten muslimischen Land der Erde, Indonesien, konnte das Christentum erst in den letzten zwei Jahrhunderten Fuss fassen. Und christliche Kunst kam hier erst nach dem Ende des II. Weltkrieges so richtig zum Blühen.

Ketut Lasia: «Kreuzigung» Einer der zwei Bewaffneten unter dem Kreuz hat seine Lanze schon erhoben, um sie in Jesu Seite zu bohren. | © Volker Küster
Nyoman Darsane: «Blutregen» Die Bildfläche wird von der Präsenz des Gekreuzigten dominiert. | © Volker KüsterBild von Künstler I MujungCover: Zwischen Pancasila und Fundamentalismus

Indonesien ist heute das grösste muslimische Land der Erde. Zugleich ist das Inselreich eine multi-ethnische, vielsprachige und multi-kulturell-religiöse Gesellschaft, deren demokratische Pancasila-Verfassung den Glauben an einen Gott zu einem ihrer fünf Pfeiler erklärt hat. Der Islam ist ca. seit dem 7. Jahrhundert, ähnlich wie vor ihm schon Hinduismus und Buddhismus (seit dem 5. Jahrhundert) über die antiken Handelsrouten in den indonesischen Archipel eingesickert.

Seit Mitte des 16. Jahrhunderts versuchten dann auch die westlichen Kolonialmächte, ihren Teil von den Reichtümern des Inselreiches abzuschöpfen. In ihrem Gefolge drang das Christentum im Osten Indonesiens vor, auf den Molukken, Flores und Timor.

Christliche Kunst kam im Laufe der «kontextuellen Wende» zum Blühen

In den letzten 200 Jahren hat das Christentum langsam in verschiedenen Regionen Indonesiens Fuss fassen können. Christliches Kunstschaffen lässt sich lediglich seit dieser Phase der missionarischen Ausbreitung des Christentums, dem missionarischen Neuaufbruch im 19. Jahrhundert, und auch erst seit den 1930er-Jahren auf Java und Bali nachweisen. Wirklich zur Blüte gekommen ist die christliche Kunst dann im Zuge der «Kontextuellen Wende» nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Dekolonisierung Asiens und Afrikas. Die drei Zentren der modernen christlichen Kunstproduktion in Indonesien sind Bali, Java, insbesondere Yogyakarta, und Papua. Wir beschäftigen uns hier vorwiegend mit der christlichen Kunst auf Bali.

Zwei herausragende balinesische Künstler

Prominenz erlangte die balinesische christliche Kunst mit den gebürtigen Hindus Nyoman Darsane und Ketut Lasia. Gemeinsam ist ihnen nicht nur der religiöse Hintergrund, sondern auch die Herkunft aus balinesischen Bauernfamilien. Beide fanden schon in jungen Jahren zur Kunst. Die Konversion zum Christentum hatte für sie den Ausschluss aus ihren Familien und die Ächtung durch ihre Dorfgemeinschaft zur Folge.

Ketut Lasia kam 1945 im Künstlerdorf Ubud als jüngster Sohn einer Hindufamilie zur Welt. Bereits der Knabe war vom künstlerischen Schaffen seiner Umgebung fasziniert. Im Alter von zwölf Jahren zog er in das Haus des Malers Wayan Turun (1935-1986) und wurde sein Schüler. Der junge Lasia begann, biblische Themen zu malen und trat schliesslich zum christlichen Glauben über. Mit seinen Bildern will er die «Gute Nachricht» weitererzählen.

Nyoman Darsane wurde 1939 in Payangan, Gianyar auf Bali geboren. Darsane malt nicht nur Ölbilder und fertigt Batiken, er ist auch Musiker, Tänzer, Schattenpuppenspieler und Geschichtenerzähler. Im Alter von 17 Jahren trat er aus eigenem Antrieb zum Christentum über. Darsane gehört zur heterogenen Gruppe der sogenannten Akademiker, jenen Künstlern, die an einer der Kunsthochschulen des Landes studiert haben. Obwohl sie mit westlichen Stilelementen experimentieren, suchen sie kontinuierlich nach ihrer eigenen balinesischen Identität. In Darsanes Fall kommt hinzu, dass er seit seiner Konversion zum Christentum probiert, dieser Religion eine balinesische Gestalt zu geben (Kontexualisierung).

Das Akkommodationsmodell

Ketut Lasia ist ein typischer Vertreter des Akkommodationsmodells. Die biblischen Geschichten werden nach Bali verpflanzt und ihre Protagonisten im balinesischen Gewand dargestellt. Balinesische Form und christlicher Inhalt sind klar voneinander zu trennen. Wer mit den biblischen Geschichten und christlicher Ikonographie vertraut ist, erkennt die jeweilige Thematik in den Figurenkonstellationen leicht wieder. Den balinesischen Betrachtern hingegen ist zwar das Ambiente vertraut, die dargestellten Geschichten aber bedürfen einer Erläuterung, wie das Beispiel «Kreuzigung» zeigt.

Auch wenn das Blut aus den Nagelwunden quillt und herunter tropft wie auf frühmittelalterlichen Kreuzesdarstellungen – das Leiden Christi ist hier wenig überzeugend dargestellt (Abb. 1). Einer der zwei Bewaffneten unter dem Kreuz hat seine Lanze schon erhoben, um sie in Jesu Seite zu bohren. Die Stimmung ist jedoch wenig aggressiv, eher abwartend verhalten. Selbst bei den drei am unteren Bildrand kauernden Frauen.

Der Inkulturationstypus

Die Bilder von Nyoman Darsane andererseits sind dem Kontextualisierungsmodell – genauer dem Inkulturationstypus – zuzurechnen. Das Evangelium gewinnt hier eine genuin balinesische Gestalt, eine Trennung nach Form und Inhalt ist nicht mehr möglich, wie im Beispiel «Blutregen». Die Bildfläche wird von der Präsenz des Gekreuzigten dominiert (Abb. 2). Das Kreuz sieht nicht wie ein hölzernes Folterinstrument aus, sondern bleibt eine vage Silhouette im Hintergrund. Von diesen angedeuteten Kreuzesbalken rinnt in schmalen Strömen Blut herab, dem rote Farbtöne in unterschiedlicher Intensität unterlegt sind. Jesus hängt weniger am Kreuz, als dass er tanzt. Seine Beine sind disproportional lang. Die Füsse sind überkreuzt, den einen vor den anderen gestellt. Sein Gesicht drückt Mitleid mit dem Leiden der Welt aus. Zu seiner Linken sind die Konturen zweier Wayang-Figuren, traditionelle Schattenpuppen, sichtbar.

Den naiven, oft auch phantastischen Realismus der frühen Jahre, hat Darsane weiterentwickelt zu einem balinesischen Expressionismus, der die naiv-­realistischen Figuren vor abstrakte farbensatte Hintergründe stellt. Darsane bricht mit dem ornamentalen Stil. Kompositionsprinzip seiner Bilder ist die Bewegung. Der Tanz als ideale Form des Gottesdienstes geht von den Figuren über auf den gesamten Bildaufbau.

Es braucht beides

Akkommodations- und Kontextualisierungsmodell sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Akkommodation hat als Vorstufe der Kontextualisierung ihre Berechtigung. Sie bildet gewissermassen das Fundament auf dem die Kontextualisierungsbemühungen gründen können. Es scheint jedoch fraglich, ob das Evangelium allein durch Akkommodation in der jeweiligen Kultur wirklich Gestalt annehmen könnte.

Volker Küster

Volker Küster ist Professor für Religions- und Missionswissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Der Text ist eine gekürzte und überarbeitete Version seines Artikels in der Ökumenischen Rundschau.


 

Sein aktuellstes Buch zum Thema:

Volker Küster. Zwischen Pancasila und Fundamentalismus. Christliche Kunst in Indonesien. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2016. 288 Seiten, ca. CHF 40.–.   ISBN 978-3-374-04178-7


Künstler I Mujung

Die auf der Seite …. reproduzierten Bilder sind mit «I Mujung» signiert. Gemäss Aussage des indonesischen Jesuiten Xavier Murti stammen sie vom gliechnamigen Künstler. Sie wurden in Auftrag gegeben vom Jesuiten Ruedi Hofmann (1938 – 2008). Er wirkte von 1981 bis 2008 in Indonesien, zuerst in Java, dann in Osttimor. Hofmann lud vier balinesische Maler von Puskat Yogyakarta ein, Bilder für sein Buch «100 Bible’s Storys» zu zeichnen, und zwar unter befreiungstheologischer Perspektive. «Er liebte die Inkulturation der Bibel in die indonesische Kultur», sagt Xavier Murti. Unter den vier balinesischen Künstlern, die alle vom kleinen «Künstlerdorf» Tabanan in Bali stammen, befindet sich besagter «I Wayan Mujung».