courtesy
Besuchen Sie unseren Shop. Sie finden ein vielfältiges Kartensortiment und gesegenete Kerzen. Vielen Dank für Ihre Bestellung.

Qatars Hauptstadt Doha ist von Abu Dhabi genau 324 Flugkilometer entfernt. Die Maschine der Qatar Airlines ist voll besetzt. Ausser zwei oder drei Frauen sitzen hier ausschliesslich Männer. Wohl die meisten – so wird uns später gesagt – machen die Reise, um in einer neu eröffneten Bank Anteilscheine zu kaufen, die eine sehr hohe Rendite versprechen. An der Grenzkontrolle lächelt uns eine freundliche verschleierte Beamtin zu. Sie ist uns behilflich, das erforderliche Visum zu erstehen. Draussen vor dem Flughafen warten Mitbrüder auf Bischof Paul Hinder, meinen Reisebegleiter Linus Fäh und mich, um uns zum nahe gelegenen Pfarrhaus zu bringen. Sechs Priester bilden hier eine Gemeinschaft. Sie betreuen die 60000 bis 70000 Katholiken Qatars. Hinter dem Pfarrhaus steht eine relativ kleine Notkirche, umgeben von Containern für den Religionsunterricht und für Versammlungen kleiner Gruppen. Ein Container wurde zur Kapelle für eucharistische Anbetung umgewandelt.

Besuch der Botschafter

Nach dem Mittagessen kommen der indische und der philippinische Botschafter, um dem Bischof von Arabien zu begegnen. Das Gespräch verläuft in einer lockeren Atmosphäre. Es geht unter anderem um die christliche Präsenz in Qatar. Das Land war wie andere Gebiete auf der Arabischen Halbinsel lange Zeit christlich. Doch nach dem Jahr 1000 gab es hier mit Ausnahme einer kurzen portugiesischen Epoche keine Christen mehr. Mit dem Ölboom kamen viele christliche Gastarbeiter hierher. Leider muss ich die angeregte Runde bald verlassen. Mister Boulos, ein jordanischer Hausfreund der Kapuziner, steht vor der Türe, um mit mir zum Fernsehsender Al Jazeera zu fahren.

Boulos’ Party

Am Abend sind wir im Haus der Familie Boulos eingeladen. Im geräumigen Salon findet eine Party mit vielen Mitgliedern der katholischen Kirche statt. Es ist offensichtlich, dass nicht alle Gastarbeiter Arabiens zur Unterschicht gehören. Unser Gastgeber ist Ingenieur in einer Ölfirma. Einer der Gäste ist Manager einer Firma, welche für die Logistik von 70 Prozent der Importe des Landes verantwortlich ist. Hinter seiner Krawatte trägt er einen Rosenkranz.
Im Laufe der Party-Plaudereien sagt der Bischof: «Ich hoffe, ihr vergebt mir, dass ich nicht Arabisch kann.» Da ruft jemand aus dem Hintergrund: «Wir alle lieben Sie!»

Muslime

Unter den Anwesenden ist ein italienischer Architekt. Er hat den Palast des Emirs gebaut. Bald wird er für den Bau der katholischen Kirche verantwortlich sein. Nun erzählt er von seinen Erfahrungen mit den Muslimen. Er habe einen muslimischen Mitarbeiter gehabt, der ihn jeweils daran erinnerte, wenn es Zeit war, um zum Sonntagsgottesdienst in die Kirche zu fahren. An Weihnachten habe er ihm gesagt, er kenne das Fest aus dem Koran.
Im Verlaufe des Gesprächs beklagt sich der Italiener, die Christen in Europa seien naiv. Sie merkten nicht, dass die Muslime den Kontinent erobern wollen. Paul Hinder gibt ihm zu bedenken: «Wir haben hier eine starke christliche Präsenz. Wollen wir denn Arabien erobern?»

Versteckte Armut

Ein Priester fährt uns am nächsten Tag mit dem Auto durch Doha. Auf der achtspurigen, von Palmen umsäumten Autobahn unterwegs erfahren wir von ihm einiges über das Land und seine Gastarbeiter. Qatar sei wegen der unmittelbaren Nachbarschaft zu Saudiarabien weniger liberal als andere Länder des Golfs. So sei kein Schweinefleisch zu kaufen. Letztes Jahr seien die Mietzinsen horrend gestiegen. Viele Familien lebten zu dritt in einer Wohnung. Und manche Gastarbeiter mussten ihre Familien nach Hause schicken, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen können. Von der Armut merkt der Gast aus dem Ausland kaum etwas. Vielmehr fällt der unheimliche Bauboom auf. Im Hinblick auf die kommenden Asienspiele werden nicht nur Sportanlagen, sondern auch viele Hotels gebaut. Unser Reiseführer zeigt auf eine Landzunge am Rande der Stadt: «Vor drei Jahren war hier nur ein einziges Hotel. Jetzt stehen dort mehrere Hotels, diplomatische Vertretungen und Banken.»

Auf dem Rückweg fahren wir am Suq, dem traditionellen Markt, vorbei. Die winzigen Häuser geben einen Eindruck davon, wie Qatar ausgesehen hat, bevor hier Öl gefunden wurde.

Neuer Pfarrer

Am Abend ist am Rande der Stadt in der riesigen, überfüllten Halle der US-amerikanischen Schule Pfarreigottesdienst. Als wir aus dem Auto steigen, hören wir vom Zentrum her das Stimmengewirr der Muezzins, die zum muslimischen Abendgebet ein- laden. Die katholische Gemeinde hat heute Grund zum Feiern. Der junge philippinische Kapuziner Tomasito Veneracion wird als Pfarrer eingesetzt. Unter den Gästen befindet sich die aus Deutschland stammende Pastorin der Lutheraner. Sie wird als «Reverend Heidi» begrüsst.

In seiner Predigt erinnert Bischof Paul daran, dass Bruder Tomasito nicht bloss der Pfarrer der Philippinos, sondern der ganzen Gemeinde ist, die sich aus verschiedensten Nationalitäten und unterschiedlichen kirchlichen Riten (darunter Maroniten und Syromalankaren) zusammensetzt. Zudem gibt es in der katholischen Pfarrei von Qatar wie im übrigen Bistum Arabien unzählige Gruppierungen, so charismatische und nichtcharismatische Gebetsgruppen. «Allen gerecht zu werden, wird für mich als Pfarrer schwierig sein», erklärt mir Tomasito. Der junge und noch sehr jugendlich aussehende philippinische Priester ist trotz der sehr schweren Aufgabe, die auf ihn wartet, stets gut gelaunt und zu Scherzen aufgelegt. Der Bischof macht sich ein Spiel daraus, ihm die korrekte Aussprache von «Mövenpick» beizubringen, dieser im arabischen Raum erfolgreich expandierenden Schweizer Hotelkette. Tomasito bleibt bei «Movenpick». Übrigens: Die Mitbrüder laden uns zu einem Essen ins Mövenpick-Restaurant ein. Als wir die Türe öffnen, weht uns der Geruch von angebranntem Fondue entgegen.

Trotz Westwind

[bild19009w200r]Auch am nächsten Tag steht ein ganz besonderer Gottesdienst in der Agenda des Bischofs von Arabien. Die syromalankarische Gemeinschaft legt den Grundstein zu ihrer neuen Kirche. Bei den Syromalankaren handelt es sich um eine eigene, mit Rom verbundene Kirche («Ritus»), die vor allem im südindischen Kerala verbreitet ist; nicht zu verwechseln mit den Syromalabaren aus der gleichen Region! Aus Indien sind zur Feier des Tages zwei Bischöfe angereist. Am Vormittag feiern sie mit Paul Hinder in der kleinen, mitten in der Stadt gelegenen Notkirche einen zweistündigen Gottesdienst. Ich fühle mich in eine orthodoxe Kirche versetzt. Nicht nur die Sprache, auch die meisten liturgischen Elemente sind mir völlig fremd. Und allmählich kann ich wegen des vielen Weihrauchdunstes kaum mehr fotografieren.

Nach dem Gottesdienst fährt die ganze Festgemeinde in die Wüste hinaus. Einige Kilometer ausserhalb der Stadt hat der Emir ein Gelände für den Bau von Kirchen zur Verfügung gestellt. Der Grundstein für die katholische Kirche wurde schon im vergangenen Dezember gelegt.

Für die heutige Grundsteinlegung der syromalankarischen Kirche hat sich auch der Botschafter Indiens eingefunden. Bei der Feier darf ein wichtiges Element der indischen Kultur nicht fehlen: das rituelle Anzünden eines Lichtes. Dies ist heute ein schwieriges Unterfangen, da vom Westen her, aus Saudiarabien, ein starker Wind bläst. Schliesslich gelingt es ihm nicht mehr, das Licht auszublasen.

Wie in Korinth

Abends um Viertel nach sieben Uhr predigt der Bischof in der arabischen Messe; zu meinem Glück auf Französisch, sodass ich ihn verstehen kann. Er versteht es ausgezeichnet, aktuelle Parallelen zur Lesung aus dem 1. Korintherbrief zu ziehen. Zur Zeit des Paulus sei Korinth wie heute die Region des Golfs ein kultureller Schmelztiegel gewesen. In seinem Brief hatte Paulus die Trennungen der Gemeinde beklagt: «Der eine sagt: ‹Ich gehöre zu Paulus›, ein anderer: ‹Ich gehöre zu Apollos›, wieder ein anderer: ‹Ich gehöre zu Petrus›». Der Bischof vergleicht die Zustände im alten Korinth mit jenen im heutigen Qatar, wo die Kirche aus Menschen verschiedenster Nationalitäten und «Riten» zusammengesetzt ist. Paul Hinder akzeptiert in seiner Predigt durchaus die innerkirchliche Vielfalt. Doch die Einheit müsse gewahrt bleiben. Nur so könne die Kirche in Arabien ein kraftvolles Zeugnis ablegen.

Beduinin im Flugzeug

Auf dem Rückflug sitzt eine alte Beduinin direkt hinter mir. Sie ist in ein langes, schwarzes Gewand gekleidet und trägt die für ihr Volk typische goldene Gesichtsmaske. Vielleicht täuscht sich meine Nase. Aber ich meine, leichten Kamelduft zu erkennen.

Walter Ludin

 

Endlich ein Kirchenbau

«Erfolg für Schweizer Bischof in Qatar: Erste Kirchengründung». Unter diesem Titel meldete die Agentur KIPA am 25. Oktober 2005: «In Qatar gibt es grünes Licht für den ersten Kirchenbau seit über 1300 Jahren.» Ungefähr zur gleichen Zeit konnten die Anglikaner melden, dass sie in Qatar ein Kirchenzentrum bauen können. Dies bedeute «eine unmissverständliche Botschaft im Sinne von Dialog und Verständigung zwischen Christen und Muslimen». Kurze Zeit später musste die Agentur melden, dass es Proteste gegen das geplante Zentrum gab. Islamistische Gruppierungen befürchteten, dass Qatar «wieder christlich wird».

ite2006-4

Madagaskar/Qatar

ite 2006/4

Alles dreht sich um Rinder
Kindern Schulunterricht ermöglichen
Abwechslungsreiche Tage in Qatar