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Interview mit dem Generalminister Bruder Mauro Jöhri

Lieber Mauro, was ging dir, Generalminister des Kapuzinerordens, vor bald einem Jahr durch den Sinn, als du von der Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum Bischof von Rom gehört hast?

Als ich gehört habe, ein Jesuit wird Papst und er nennt sich Franziskus, da habe ich vor Freude geweint. Das hat bei mir eine sehr tiefe Emotion ausgelöst.

Warum solch grosse Gefühle?

Man hatte im Vorfeld kirchenpolitisch die Ordensleute fast abgeschrieben – und nun wurde ausgerechnet ein Jesuit zum Papst gewählt. Und die zweite Überraschung war die Namenswahl: Franziskus. Da hat jemand zu Recht gesagt, dass die Bedeutung dieser Namenswahl mit einer Enzyklika zu vergleichen ist.

Was hattest du damals konkret von diesem neuen Bischof von Rom erwartet?

Ich erhoffte mir einen neuen Stil. Franz von Assisi bedeutet mir Brüderlichkeit, ein zugängliches Verhalten, aber auch Einfachheit und ein Stück weit Reform.

Was sagst du nun – fast ein Jahr später – zu den Erwartungen, die sich damals bei dir aufgebaut hatten?

Die Einfachheit von Papst Franziskus zeigt sich in der Wahl des gesamten liturgischen Apparates. Sie zeigt sich darin, dass er heute mit anderen Bischöfen zusammen wohnt. Die Einfachheit zeigt sich auch darin, dass er die Sakralität des Papsttums von weit oben heruntergeholt hat. Er ist da  gelandet, wo wir alle stehen, mit uns auf Augenhöhe. Das Abgehobene ist aufgehoben, und er ist sehr zugänglich.

Wie zeigt sich diese Einfachheit im Alltag des Bischofs von Rom?

Papst Franziskus geht unter die Menschen, ruft einige telefonisch an. Er betont die Barmherzigkeit Gottes, stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Auch der sündige Mensch bleibt für ihn Mensch, der es verdient, dass man liebevoll mit ihm umgeht. Er krempelt zwar nicht die moralischen Werte um, stellt aber eindeutig den Menschen in den Mittelpunkt.

Unterscheidet sich Papst Franziskus von Papst Benedikt?

Er unterscheidet sich sicher im Stil von Papst Benedikt. Papst Benedikt hat meines Erachtens stärker auf den Glaubensinhalt hingewiesen, während Papst Franziskus stärker den Glaubensadressaten ins Zentrum stellt: Wer ist dieser glaubende Mensch überhaupt? Papst Franziskus ist jedoch nicht mild mit der Gesellschaft. Vor allem die ökonomischen Zustände auf der Welt oder der Umgang mit den Flüchtlingsströmen aus Afrika oder Asien werden viel konkreter und präsenter benannt als bei Papst Benedikt. Dafür weist Papst Franziskus weniger auf den Relativismus in der Welt hin.

Im Zusammenhang mit deiner Funktion als Vizepräsident der Union der Generaloberen der Ordensleute konntest du mit Papst Franziskus ein mehrstündiges Gespräch erleben. Was ist dir dabei aufgefallen?

Papst Franziskus inspiriert mich in meinem Führungsstil als Generaloberen der Kapuzinergemeinschaft. Da ist das Stichwort «Nähe» sehr wichtig. Es geht um die Nähe zu meinen Mitbrüdern. Wir sollen gemeinsam auf dem Weg sein, sehr stark geprägt von Güte; gewiss nicht autoritär, aber mit Autorität – einer gelebten und glaubwürdigen Autorität.

Nimmst du dein Amt als Generaloberen der Kapuziner anders wahr, seitdem Jorge Mario Bergoglio Bischof von Rom ist?

Na ja, gerade so kann ich dies nicht ausdrücken. Ich fühle mich eher bestätigt in meinem Unterwegssein mit den Mitbrüdern und in einem dialogischen Leitungsstil. Es geht darum, dass ich die Brüder inspiriere, ihnen den Weg weise, nicht darum, ihnen Forderungen zu stellen. Meine Art von Umgang mit ihnen hat sich nicht verändert. Gewiss fühle ich mich freier, gelassener, seitdem vom Vatikan her ein neuer Wind weht.

Wie hast du Papst Franziskus bei der direkten Begegnung erlebt?

Beim Treffen mit den Generalobernkonnten wir Fragen aufwerfen, und er hat sich allen Fragen auch gestellt. Papst Benedikt konnte man zwar auch alle Fragen stellen, doch war stets eine gewisse Distanz zu spüren. Es ist nicht eine Frage von Respekt, aber Papst Franziskus ermuntert  dich – auch durch seinen spitzbübischen Blick (lacht). Er fordert dich auf: «Komm und sag alles. Verschweige mir ja nichts, was dir am Herzen liegt.» Dabei bleibt er ein typischer Jesuit. Es geht ihm um die Gabe der Unterscheidung der Geister und nicht um Etiketten in der Wahrnehmung von Menschen oder der Welt.

Bei uns in der Schweiz nehme ich einen starken Papst-Franziskus- Hype wahr. Dieser Mann begeistert viele Menschen und einige, die vorher wenig oder nichts mit dem Christentum zu tun haben wollten, schauen nun plötzlich hin. Ist das ein schweizerisches oder sogar ein weltweites Phänomen?

Vor kurzem war ich in Südamerika, in Bolivien und in Peru. Da sagte man mir, dass die grosse Aggressivität in der Presse gegenüber der Institution Kirche seit seinem Pontifikat fast verschwunden ist. Ich denke, dass die Menschen überall viel geben auf einen Menschen, der etwas ausstrahlt, der von Güte getränkt ist. Papst Franziskus weckt Hoffnung; Hoffnung in einer Welt, in der es sehr schwierig geworden ist, sich zu orientieren. Er ist wie eine Orientierungsfigur. Gläubige und Ungläubige schauen auf ihn hin. Wer Mühe hat mit ihm, das sind die Rechtskreise; Kreise, die für eine sture Form von Glauben eintreten.

Wir sprechen oft vom neuen Stil des Papstes Franziskus, eben dem Bischof von Rom. Aber bringt er auch neue Inhalte, oder ist es lediglich eine neue Verpackung seiner Amtsführung?

Viele Fragen sind noch sehr offen. Wie wird er beispielsweise den Vatikan reformieren? Er hat die Gruppe der acht Kardinäle eingesetzt. Ich weiss aus erster Quelle, dass da auch alle anstehenden Fragen aufgenommen wurden, die teilweise sehr schwierig zu lösende Probleme beinhalten. Gleichzeitig sagt mir einer dieser Kardinäle: «Der Papst hat keine Angst.» Er sei sich bewusst, dass die Situation sehr schwierig ist.

Ein zweiter Bereich, bei dem ich Veränderungen erhoffe, ist das ökumenische Gespräch. Papst Franziskus nannte sich von Beginn an Bischof von Rom. Es ist zu hoffen, dass nun mit den orthodoxen wie auch mit den reformierten Kirchen ein Schritt nach vorne möglich wird. Eine Beurteilung ist noch zu früh, doch hat er Zeichen gesetzt, die auf Öffnung hinweisen.

Eine weitere, sehr wichtige Frage ist diejenige der Bischofsernennungen. Da ist er sehr frei umgegangen mit den Vorschlägen der Kurie. Der Sekretär der italienischen Bischofskonferenz war nicht einer aus der ersten Reihe der vorgeschlagenen. Als Sekretär der Religiosenkongregation, die im Vatikan für die Ordensleute zuständig ist, hat er den Generalminister der Franziskaner geholt. Seine erste Ernennung betraf somit einen guten Mann, den ich kenne. In Lugano hat er einen Mann zum Bischof ernannt, der nicht zu einer Bewegung gehört. Da sehe ich schon eine neue Linie.

Ein weiteres wichtiges Zeichen zeigt sich darin, dass er verlangt, dass die ganze Finanzpolitik des Vatikans transparent werden muss. Schwarzgelder dürfen im Vatikan nicht untertauchen. Vor allem bei der Frage der sexuellen Missbräuche führt er die harte Linie von Papst Benedikt fort.

Kann Papst Franziskus, der Bischof von Rom, seine Reformen wirklich durchziehen oder bleibt er eines Tages damit auf der Strecke?

Seine Reformen hängen massgeblich davon ab, mit welchen Menschen er sich umgibt. Er allein schafft das nicht. Die meisten Vertreter in seiner Beratergruppe sind keine Kurienkardinäle, sondern Menschen von aussen. Die Neubesetzung des Staatssekretariates ist auch ein gutes Zeichen für die Erneuerung. Bisher war dieses Sekretariat ein Superministerium, das alle anderen Kongregationen überwacht hat. Die Vereinfachung dieses Sekretariates scheint mir ein guter Weg für Reformen. Jemand hat mir gesagt – das kann ich aber nicht bestätigen – dass künftig Nuntien auch Laien sein könnten und nicht Bischöfe sein müssten. Wenn er solche Wenden umsetzen kann, dann ist das ein Zeichen der Entklerikalisierung der Kirche.

Interview: Adrian Müller