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Im Spital von Rhotia | Adrian Müller
Im Spital von Rhotia | Adrian Müller

Bauchschmerzen, Lungenentzündung, Malaria oder Aids sind oft die Diagnosen.

Ein lang gehegter Traum wird Wirklichkeit: ich fliege nach Tansania! Spätabends Ankunft in Arusha. Viele schwarze Gesichter, begrüssend mit «Karibu», was so viel wie willkommen bedeutet. Momente der Unsicherheit, mein Blick suchend, niemand scheint mich zu verstehen. Swahili ist die Amtssprache, die hier gesprochen wird.

Plötzlich spricht mich ein junger, netter Mann auf Englisch an und fragt mich nach meinem Namen. Er bringt mich in eine nahe gelegene Unterkunft. Frühmorgens bringt mich ein Taxi in das vier Stunden entfernte abgelegene Dorf Rhotia. Dort wird mit viel Einsatz von zwei Schweizer Baldegger Schwestern ein einfaches Spital geführt, das vor rund 25 Jahren im Umfeld einer Missionsstation entstanden ist.

Spitalalltag in Rhotia

Betreut werden im Spital Patienten jeden Alters und Geschlechts. Als Diagnose trifft man oft Bauch- schmerzen, Lungenentzündungen, Malaria oder Aids an. Es gibt keine bildgebenden Verfahren wie Computertomographie oder konventionelles Röntgen. Einfache Blutbestimmungen und Stuhlproben

sind vor Ort möglich. Oft werden Diagnosen auch erfahrungsgemäss oder intuitiv gestellt.

Eine Nacht kostet 700 Schilling, ca. 50 Rappen. Allgemeine Konsultationen durch den Arzt sind gratis, Medikamente werden separat verrechnet. Können beim Austritt die Kosten nicht bezahlt werden, so wird das Handy oder gegebenenfalls das Fahrrad als Depot hinterlegt, bis das zu bezahlende Geld vorhanden ist.

Mehrheitlich betreuen Angehörige ihre Familienmitglieder selber und bereiten jeweils die Mahlzeiten auf offenem Feuer. Maismehl (ugali) mit Wasser aufbereitet gehört zu den Grundnahrungsmitteln wie auch Reis (wali) oder Kochbanane (ndizi). Gegessen wird mit der rechten Hand oder mit dem Löffel. Wasser und Seife zum Händewaschen stehen vor jedem Zimmer bereit.

Ein vielfältiges Tätigkeitsfeld

Neben der medizinischen Versorgung helfen die Schwestern, auch die dörfliche Infrastruktur zu ver- bessern, beispielsweise die Wasserversorgung, oder sie leisten Unterstützung in vielen Notlagen. Ein grosser Teil der Arbeiten sind nur dank der grosszügigen Unterstützung von Verwandten, Freunden, Besuchern und Leuten aus der ganzen Welt möglich.

Die ursprüngliche Idee, meinen erlernten Beruf als Kinderkrankenschwester hier auszuführen und so die Pflegenden in ihrem Tun zu unterstützen, wurde aufgrund der sprachlichen Barrieren sehr schwierig. 127 verschiedene Sprachen werden in Tansania gesprochen, 90 Prozent sprechen Bantusprachen, Swahili ist die Nationalsprache für offizielle Angelegenheiten. So muss ich mich vor Ort neu orientieren.

Ich helfe, bzw. unterstütze die Haushaltshilfen und helfe mit, wo es möglich ist. Durch das Mädchen Pasqualina lerne ich schnell ein paar Wörter Swahili. Ich kann mich nach kurzer Zeit mit ihr wie auch ihren Kindern verständigen.

Der Gottesdienst fasziniert

Morgens um 6 Uhr, der Hahn kräht, der Hund bellt, das Dorf erwacht, mein Tag beginnt. Ich bereite das Frühstück zu – natürlich nicht ganz nach tansanischer Art. Die Schwestern mögen das selbst gebackene Brot mit Butter und Konfitüre. Durch all die Jahre haben sie ihre Hausmädchen in die Kochkultur der Schweizergerichte eingeführt.

Bevor es ans Essen geht, suchen wir gemeinsam, also Sr. Blasia, Sr. Verona wie auch ich die nur einige Meter entfernte Kirche auf. Den Worten des Priesters kann ich nicht folgen. Ich verstehe den Kontext der Lesung und Predigt nicht. Trotzdem faszinierte es mich, täglich eine halbe Stunde den Worten des Kapuziners zu horchen.

Der Gottesdienst stärkt

Der Gottesdienst bedeutet für mich keinen Zwang, keine ethische Frage – bin ich schlechter, wenn … Die Gemeinschaft, die Stille und das Zusammensein bringen so etwas wie ein wohliges, gutes und stärkendes Gefühl mit sich. Sonntags dauerte der Gottesdienst gar zwei bis drei Stunden. Die Kirche ist zweimal gefüllt. Jeder Platz, bis auf den letzten, ist besetzt. Die Gemeinschaft des Dorfes trifft sich in der Kirche. Sich sehen, begrüssen, austauschen, gemeinsam Dank wie auch die Bitten vor Gott tragen bedeutet vielmehr, als nur äusserlich ein «Vater unser» herunterzuleiern.

Ein Keyboard begleitet mit lautem Bass den Gesang und den Tanz der versammelten Gemeinschaft. Für die Opfergabe bewegt sich je- der zum Geldstock, der vorne beim Altar steht. Es werden auch Naturalien, z.B. Lebensmittel, geopfert.

Ich denke oft darüber nach: Weshalb wird bei uns die Kirche sehr viel weniger von jungen Leuten aufgesucht? Halten wir es, aufgrund unseres allgegenwärtigen und selbstverständlichen Wohlstandes nicht mehr für nötig? Welche Gründe sprechen dafür oder dagegen, die Kirche sonntags aufzusuchen? Ist die Art und Weise der Predigt wichtig oder welcher Priester die Eucharistie feiert? Lebe ich besser oder schlechter, wenn ich den Gottesdienst aufsuche? So habe ich mich mit sehr vielen Fragen diesbezüglich auseinandergesetzt und für mich persönlich auch eine Antwort gefunden.

Bildung schafft Zukunft

Was mich ebenfalls sehr beeindruckt, ist die Bildung der tansanischen Einwohner. Die Sekundar- schule zu besuchen bedeutet, bessere Aussichten für das weitere Geschehen zu haben. Nur scheint mir das afrikanische Denken weniger zielgerichtet zu sein als unser Tun und Handeln. Die meisten Tansanier schaffen sich keine Vorsorge, höchstens eine geringe Notvorsorge von Geld und Nahrungsmitteln.

In der Regenzeit gibt es genügend Nahrung. Darum ist in dieser Zeit auch Bezahlbares vorhanden. So wird ebenfalls mehr gegessen und verbraucht. Sparen für bevor- stehende Angelegenheiten wie Bildung der Kinder ist den meisten Menschen in Rhotia fremd. Entweder reicht es oder man sucht nach einem Spender oder lässt es sein.

 

Geld verdienen

Eine der grössten Einnahmequellen Tansanias ist der Tourismus. Wer im Gastgewerbe arbeiten darf, hat gute Aussichten auf zusätzliches Trinkgeld. Auf dem Land bietet bei Regen der Ackerbau eine gute und sichere Einnahmequelle. Diese ist für den Eigenverbrauch wie auch für den Verkauf im eigenen Dorf sehr wertvoll.

Für eine akademische Ausbildung in den entfernten Städten Arusha, Moshi oder Dar es Salaam bedarf man entweder eines guten finanziellen Polsters oder Verwandter, Bekannter aus fernen Ländern, die die jeweiligen Familien unterstützen können.

Ein kritischer Blick zurück

Ich habe gute Kontakte mit Tansaniern geschlossen und so sehr viel über ihr Denken und Leben gelernt. Fragt sich nun, was bringt ein kurz- zeitiger humanitärer Einsatz wirklich? Wie in diesem Erfahrungs- bericht schon aufgezeigt, stelle ich fest, dass afrikanisches Denken und europäisches Denken sehr unterschiedlich sind. Auch gibt es von der Struktur des Landes her gesehen keine Möglichkeit, unseren Lebensstil nach Tansania zu exportieren. Meiner Meinung nach hat ein Projekt Bestand, solange es durch europäische Leute gestützt und geführt wird.

Versuchsweise werden Tansanier ausgewählt, geschult und instruiert, das über Jahre mit Müh und Tatkraft Aufgebaute weiter zu führen. Wie ich von einer Lehrkraft, die schon viele Jahre in Arusha an der Universität arbeitet, erfahren habe, soll das Übergeben von Werken ein Ding der Unmöglichkeit sein.

Sinnvolle Aufbauarbeit

Ist Entwicklungszusammenarbeit ein Lebensprojekt, wofür ich mein Leben in der Schweiz aufgebe und ich mich voll und ganz auf die Aufgabe im Busch konzentriere? Sie kann wie bei den beiden Baldegger Schwestern über Jahre, gar über ihre Lebzeit hinaus, Früchte tragen. Die Dorfbewohner sind ihnen sehr dankbar für ihr Tun, schätzen sie menschlich, grüssen und würdigen sie speziell, bringen ihnen Wärme und Wohlwollen entgegen.

Monika Mock