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 Pfarrkirche von Kwanguleo, Arusha © Missionsprokura Olten
Pfarrkirche von Kwanguleo, Arusha © Missionsprokura Olten

Ergänzende Interviews zum Artikel «Auch Missionare sind Fremde» in ITE 4/2019

«Auch Missionare sind Fremde»: Unter diesem Titel fasste Walter Ludin im ite 4/2019 die Umfrage zusammen, die er unter Schweizer Kapuziner-Missionaren gemacht hatte. Hier einige Ergänzungen, die im Heft nicht Platz hatten, aber ebenso interessant sind wie die dort publizierten Erfahrungen.

 

Wilhelm Germann

Bruder Wilhelm leitete in Tansania u. a. das Sozialzentrum Msimbazi. Er lebt heute als Schwesternseelsorger im Kloster Baldegg/LU.

Wie hast du dich gefühlt, als du in deinem Einsatzland ankamst?

Erwartungsvoll, neues Leben entdecken zu dürfen; von Freude bestimmt, weil ich noch jung war.

Wie rasch ist dir die «Integration» gelungen?

Die Sprache habe ich schnell und gut erlernt. Denn ich hatte während fünf Monaten eine gute Sprachschule. Später habe ich durch Ausarbeitung von Predigten die Kenntnisse erweitert – ich erhielt wöchentliche Korrekturhilfe durch Manager am Msimbazi Centre. Die Sprache habe ich dadurch schnell geliebt. Eine gute Voraussetzung für Kommunikation mit den Menschen!

Fühltest du dich in Tansania als «Angekommener» oder immer noch als Fremder?

Als Schweizer unter Afrikanern wurde ich zwar gut aufgenommen. Dennoch habe ich eine gewisse Distanz nie ganz überwunden. Mir war wichtig: Den Mitarbeitenden oder den Menschen in der Seelsorge nicht als Überlegener, Besserwisser zu begegnen, sondern auch Lernender gegenüber diesen Menschen im Land zu bleiben.

Als du wieder in die Schweiz zurückkamst – Fühltest du dich hier zuhause oder «als Fremder im eigenen Land»?

Weil ich nur elf Jahre in Tansania lebte und wirkte, war mir das Leben in der Schweiz nicht fremd geworden. Auch in Tansania versuchte ich immer, offen zu bleiben für das verändernde Leben in Europa.

Wichtig war mir: Zur neuen Situation zu Hause ganz Ja zu sagen. Nur im Ja wächst die Kraft für den je gegebenen Weg. Immer habe ich das jüdische Wort geliebt: «Der Weg, den du wählst, wächst unter deinen Füssen.»

In allem darf ich rückblickend sagen: In allen Wegen sehe ich die Führung Gottes, der mitgehenden Liebe – oder wie immer ich dieses Geheimnis nennen mag.

 

Florian Brantschen

Bruder Florian ist Vikar in der Pfarrei Msimbazi in der Stadt Dar es Salaam. Er wirkte viele Jahre als Pfarrer in der abgelegenen Pfarrei Endamarariek («Leopardenfluss»).

Wie wurdest du in Tansania aufgenommen?

Als ich 1965 als Missionar nach Tansania kam, fühlte ich mich gleich daheim unter den Mitbrüdern auf den Missionsstationen, die damals noch alle von den Europäern – Schweizern und Holländern – betreut wurden. Aber der Kontakt mit den Einheimischen war für mich unmöglich, da ich ihre Sprache nicht kannte.

Erst nach einem halbjährigen Sprachkurs für neues Missionspersonal, mit einer Einführung in die Geschichte des Landes und die verschiedenen kulturellen Gebräuche, konnte ich mit den Einheimischen Kontakt aufnehmen. Sie haben mich als Neuling sehr freundlich aufgenommen. Meine einfache Lebensweise – ohne eigenen Koch, auf Safaris per Velo unterwegs – und die Teilnahme an ihren Sitten und Festen sowie einigen Grussformeln in der Stammessprache verschaffen mir eine gewisse Popularität.

Mit der erfreulichen Zunahme der einheimischen Priester mussten wir lernen, dass wir eigentlich Fremdarbeiter sind. Nach vielen Wanderjahren in verschiedenen Pfarreien bekam ich die Gelegenheit, in einem noch wenig missioniertem Gebiet eine neue Pfarrei aufzubauen. Bei den wenigen Christen fühlte ich mich als franziskanischer Habenichts glücklich und willkommen. Miteinander haben wir die einfachen Wohnverhältnisse und Lebensweise allmählich verbessert. In Zusammenarbeit mit den Menschen sollte die neue Pfarrei wachsen.

Dank fleissiger Fronarbeit von jungen Männern und vor allem Frauen sowie dem Erntedankopfer entstand bald eine vorläufige Kirche, daneben Zimmer für den Pfarrer usw. und eine kleine Krankenstation. Gott segnete den Einsatz der Leute durch eine mir vorher unbekannte Schwesterpfarrei (Therwil) und viele andere Wohltäter.

Nach 21 Jahren konnte ich eine gut ausgebaute Pfarrei mit einem kleinen Spital, einer grossen Sekundarschule und etwa 6000 Katholiken den einheimischen Kapuzinern übergeben. Ich fühlte mich bei diesen einfachen Viehzüchtern und Ackerbauern daheim. Sie liebten mich und halfen mir. Es war eine schöne und fruchtbare Zusammenarbeit.

 

Fidelis Stöckli

Bruder Fidelis war in Tansania unter anderem der erste Novizenmeister der Kapuziner. Nach seiner Rückkehr arbeitete er lange als Provinz- und Missionssekretär in Luzern. Er lebt heute im Kloster Will/SG.

Als du in die Schweiz zurückkamst, fühltest du dich hier wieder zuhause?

Ich brauchte Zeit für die Angewöhnung. Nach 13 Jahren Tansania war ich mehr als nur Schweizer. Mein Interesse an Tansania und Afrika blieb.

Stichwort Horizonterweiterung: Manch Gutes hatte ich von den Afrikanern übernommen, besonders im Umgang mit Menschen oder bezüglich Zufriedensein mit wenigem. Ich bin nicht mehr überzeugt, dass wir Schweizer in allem das Ideal sind.

Als ich nach sechs Jahren im ersten Heimaturlaub war, das heisst 1969, hatten die Schweizerinnen noch kein Stimm- und Wahlrecht. Die Tansanierinnen sassen bereits im Parlament und in den Behörden.