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40 Jahre Ezyklia «Populorum Progressio»

Das anstehende Jubiläum zum vierzigsten Jahrestag des Rundschreibens dürfte keine Wellen werfen. Dabei enthält es prophetische Mahnungen und sozialethische Perspektiven, die gerade heute an Aktualität kaum zu überbieten sind.

«Entfesselter Kapitalismus»

Die Enzyklika analysiert zunächst eine massive «Störung des Gleichgewichts» in der Weltwirtschaft: «Die einen erzeugen Nahrungsmittel im Überfluss, während andere daran jämmerlichen Mangel leiden oder für ihren geringfügigen Überschuss keine gesicherten Absatzmöglichkeiten haben» (Nr. 8). So würden die «armen Völker immer ärmer, die reichen immer reicher» (Nr. 57). Der freie Markt, «das Grundprinzip des Liberalismus», funktioniere offenkundig nicht zwischen Partnern in «allzu ungleicher wirtschaftlicher Lage» (Nr. 58).
Paul VI. ahnte, dass ein entfesselter Kapitalismus Gewalt und Terror provozieren werde. Er beschwor darum die reichen Länder, wenigstens ihren Überfluss mit den Armen zu teilen: «Der Überfluss der reichen Länder muss den ärmeren zustatten kommen … Die Reichen haben davon den ersten Vorteil. Tun sie es nicht, so wird ihr hartnäckiger Geiz das Gericht Gottes und den Zorn der Armen erregen, und unabsehbar werden die Folgen sein» (Nr. 49). «Es eilt», schrieb Paul VI. vor vierzig (!) Jahren, «zu viele Menschen sind in Not, und es wächst der Abstand, der den Fortschritt der einen von der Stagnation, besser gesagt, dem Rückschritt der andern trennt» (Nr. 29).

Geiz wurde «geil»

Der Abstand ist in der Zwischenzeit noch unerträglich viel grösser, der «Geiz» gar «geil» geworden. In Zahlen hat sich der Überfluss fast verdreifacht: 1960 erzielte das reichste Wohlstandsfünftel in der Welt ein Pro-Kopf-Einkommen, das 30-mal höher lag als die Wirtschaftskraft der ärmsten 20 Prozent; im Jahr 2000 war es schon 80-mal soviel. Dieser Skandal muss den «Zorn der Armen erregen». In der Geissel des Terrorismus kündigen sich die «unabsehbaren Folgen» an, vor denen der Prophet auf dem Stuhl Petri gewarnt hat. Der 11. September 2001 brachte es an den Tag. Die Folge war jedoch nicht Umkehr, sondern erst recht Verstocktheit bei der verbliebenen Supermacht.

«Entwicklung» soll nach dieser Enzyklika «der neue Name für Friede» sein (Nr. 76). In Anlehnung an den Propheten Jesaja ist Friede für die päpstliche Soziallehre das «Werk der Gerechtigkeit» (Jesaja 32, 17). Daraus folgt aber auch der Umkehrschluss, dass, wo keine Gerechtigkeit ist, auch kein Friede sein kann.

Kritik am Neoliberalismus

Wer die sozialethischen Grundsätze dieser Enzyklika von 1967 studiert, kann ihnen eine vorweggenommene Kritik an jenem Neoliberalismus entnehmen, der sich seit 1989 weltweit durchgesetzt hat.

Paul VI. spricht vom «ungehemmten Liberalismus», nach dem «der Profit der eigentliche Motor des wirtschaftlichen Fortschritts, der Wettbewerb das oberste Gesetz der Wirtschaft, das Eigentum an den Produktionsmitteln ein absolutes Recht, ohne Schranken, ohne entsprechende Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft darstellt». Wie schon Pius XI. in der Enzyklika «Quadragesimo anno» 1931 erkannt habe, setze sich dieser «ungehemmte Liberalismus» auf der globalen Ebene in einem «Imperialismus des internationalen Finanzkapitals» fort (Nr. 26).

Pflicht zur Solidarität

Aus der «Brüderlichkeit der Menschen» leitet Paul VI. eine Reihe von bis heute nicht selbstverständlichen internationalen Prinzipien ab, so die «Pflicht zur Solidarität», d.h. zur «Hilfe, die die reichen Völker den Entwicklungsländern leisten müssen»; oder die «Pflicht zur sozialen Gerechtigkeit», um «das, was an den Wirtschaftsbeziehungen zwischen den mächtigen und den schwachen Völkern ungesund ist, abzustellen» (Nr. 44). Wie das Proletariat in den westlichen Industriestaaten durch höhere Löhne seine Lebensbedingungen verbessert habe, so sollten die armen Länder durch gerechtere Austauschrelationen im Handel mit den reichen Ländern sich entwickeln können. Was vom «gerechten Lohn für den einzelnen Arbeiter gilt», das «gilt ebenso von internationalen Verträgen: … Der freie Austausch von Gütern ist nur dann recht und billig, wenn er mit den Forderungen der sozialen Gerechtigkeit übereinstimmt» (Nr. 59).

Keine «Friedensdividende»

Es fehlt auch nicht an konkreten Vorschlägen in dieser Enzyklika. So fordert sie die Staaten auf, «sie möchten einen Teil der Beträge, die sie für Rüstungszwecke ausgeben, zur Schaffung eines Weltfonds verwenden, um so den Not leidenden Völkern zu helfen» (Nr. 51). Doch nicht einmal die Chance einer «Friedensdividende» wurde nach 1989 wahrgenommen; stattdessen haben die westlichen Staaten ein neues Feindbild geschaffen, das ihre Rüstungsausgaben in der Höhe von 800 Milliarden Dol-lar im Jahr rechtfertigen soll.

Es sind dieselben Mächte, die nichts wissen wollen von der «Errichtung einer die Welt umfassenden Autorität», «die imstande ist, auf der rechtlichen wie auf der politischen Ebene wirksam zu handeln» (Nr. 78).

Die Erde für alle

Als vielleicht wichtigste Aussage ruft «Populorum progressio» uns die Lehre von der Gemeinwidmung der irdischen Güter in Erinnerung. Nach diesem Prinzip ist die Erde für den Menschen da, «um jedem die Mittel für seine Existenz und seine Entwicklung zu geben». Darum habe auch «jeder Mensch das Recht, auf ihr das zu finden, was er nötig hat» (Nr. 22).

Wenn heute die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter wächst, zahllose Menschen von ihrem Erwerbseinkommen nicht einmal mehr leben können, einige wenige Milliardäre über so viel Vermögen verfügen wie die ärmere Hälfte dieser Erde, dann wird die Gemeinwidmung der irdischen Güter aufs Schwerste verletzt.

Im Fall einer derartigen Fehlentwicklung, die «dem Gemeinwohl ernsten Schaden zufügt», kann nach «Populorum progressio» auch eine «Revolution» gerechtfertigt sein (Nr. 31). Das Konzil hatte schon 1965, zwei Jahre vor der Enzyklika, all jenen ein Recht auf Widerstand zugesprochen, die sonst die Mittel entbehren, die sie zum Leben brauchen. In der Pastoralkonstitution «Über die Kirchen in der Welt von heute» steht der für heute 850 Millionen Hungernde revolutionäre Satz: «Wer aber sich in äusserster Notlage befindet, hat das Recht, vom Reichtum anderer das Benötigte an sich zu bringen» (Gaudium et Spes, Nr. 69).

Wenn nicht wir Christinnen und Christen das Feuer von «Populorum progressio» zum Brennen bringen, werden noch ganz andere Brände entfacht werden. Es ist an der Zeit, den Propheten zu hören, der uns diese wichtige Enzyklika geschenkt hat.

Willy Spieler

Zitate nach: Texte zur katholischen Soziallehre, hg. von KAB Deutschland, 8. Auflage, Bornheim 1992.  

 

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