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Obdachlose in Basel ruhen sich aus und essen gemeinsam etwas. © Schwarzer Peter
Obdachlose in Basel ruhen sich aus und essen gemeinsam etwas. © Schwarzer Peter

Auch in der reichen Schweiz gibt es – trotz breiter sozialer Absicherung – vielfältigen Formen von Obdachlosigkeit. Michel Steiner, seit 12 Jahren Gassenarbeiter beim Verein «Schwarzer Peter» in Basel, kennt wie kein zweiter die Situation von Betroffenen. Wir haben ihn im letzten Herbst in seinem Büro an der Elsässerstrasse getroffen.

Michel Steiner, das erste, was ich heute morgen bei der Ankunft in Basel sah, war ein schlafender Obdachloser mit seiner ganzen Fahrhabe vor dem Haupteingang des Bahnhofs Basel, so ein typischer «Clochard». Er wird dort offenbar toleriert?

Ja, ich kenne ihn gut, er entspricht dem klassischen Bild des «Clochards». Obdachlose können sich bei uns in Basel im öffentlichen Raum frei bewegen und werden nicht von der Polizei – wie in anderen Schweizer Städten – weggewiesen. Sie sind ein Teil unserer Realität.

Wie viele Obdachlose gibt es denn heute in Basel, einer Stadt mit 175’000 Einwohnern?

Es gibt verschiedene Abstufungen unter den sogenannt «Obdachlosen». Eine aktuelle Untersuchung in Basel von 2018 hat 469 Nutzende von Einrichtungen der Obdachlosenhilfe befragt. Davon sind 200 «wohnungslos», sie leben in einer Notwohnung der Sozialhilfe, hinzukommen Menschen in Herbergen oder Billigpensionen. Rund 100 Menschen gelten bei uns im eigentlichen Sinne also «obdachlos». Wiederum ein Teil davon sind sogenannte «Rough sleepers». Sie schlafen das ganze Jahr draussen. Das sind vielleicht 40-50 Leute, Schweizer oder Ausländer mit B- oder C-Bewilligungen. Die anderen 40-50 schlafen in teilöffentlichen Gebäuden oder in Notschlafstellen. Und dann gibt es noch Personen aus dem Schengen-Raum, viele davon «Wanderarbeiter» aus Osteuropa, von denen einige draussen schlafen, aber hier fehlt uns die Übersicht.

Ich habe auch gelesen, dass der «Schwarze Peter» im Auftrag des Kantons Basel-Stadt eine Liste von Adressen von Menschen ohne festen Wohnsitz führt?

Ja, wir führen diese Meldeadressen für Menschen ohne festen Wohnsitz, damit sie Post empfangen oder in Kontakt mit Behörden bleiben können, etwa den Sozialämtern. Auf dieser Liste waren die letzten fünf Jahre immer um die 350-390 Personen. Das sind alles Menschen, die keine bezahlbare Wohnung finden oder sich eine feste Mietwohnung heute nicht leisten können.

Wir führen dieses Interview im August 2020, seit einem halben Jahr beherrscht die Corona-Pandemie die Welt. Wie trifft die Krise Obdach- und Wohnungslose in Basel?

Bis jetzt weiss ich von maximal einer Person von der Gasse, die wahrscheinlich das Virus hatte und daran gestorben ist. Das ist doch erstaunlich, denn viele unserer «Kunden» haben Vorerkrankungen, sind drogensüchtig und damit geschwächt und besonders «vulnerabel». Vielleicht, das aber nur meine Hypothese, hilft diesen Menschen, dass viele von ihnen draussen an der frischen Luft leben und schlafen. Es ist klar, dass jemand, der in der Langen Erlen (Wald bei Basel, die Red.) oder unter einer Brücke schläft, weniger gefährdet ist als einer, der die Nacht in der dichtbesetzten Notschlafstelle verbringt.

Hingegen haben wir deutlich gespürt, dass sich die Leute zurückgezogen haben, wir hatten seltener Kontakt mit ihnen. Unsere Einrichtung war aber immer offen, wir haben im Kanton die Angebote einfach an die Pandemiebestimmungen angepasst. Zum Beispiel blieb das Gassenzimmer K+A immer offen. Oder wir, das heisst die Sozialhilfe Basel-Stadt, haben sogar ein Hotel, das wegen der Pandemie und den fehlenden Gästen geschlossen war, als Ergänzung zu den Notschlafstellen gemietet. Ich habe das Projekt begleitet und einen Teil des Personals organisiert, zum Teil Freiwillige, zum Teil Studentinnen der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Hat sich dieses Hotel als Wohnmöglichkeit für Obdachlose bewährt?

Ja, … aber es kamen schliesslich dort nur wenige eigentliche «Rough sleepers» unter. Wir beherbergten vor allem Leute, die sonst die Notschlafstellen aufsuchen. Sie waren am Anfang skeptisch. Doch die vorteilhafte Situation – alles abschliessbare Einzelzimmer mit eigener Nasszelle – liess diese Menschen schnell zur Ruhe kommen. Die Leute konnten 24 Stunden stressfrei in ihrem Zimmer verbringen, nicht wie in der Notschlafstelle nur von acht Uhr abends bis 8 Uhr morgens.

Ein Leben ohne Wohnsitz auf der Strasse hat bei uns ein sehr negatives Image. Gibt es denn nicht auch Menschen, die aus freien Stücken auf der Strasse leben?

Bei uns ist dieser unkonventionelle Lebensstil – umherziehen, Musik machen und davon leben, unter einer Brücke leben, nach dem Motto: «Heute hier – morgen dort» – nicht sehr verbreitet.  Die Frage stellt sich halt schon: Wie freiwillig ist ein solches Leben als Wohnungs- und Obdachloser wirklich? Auch Menschen, die in Basel draussen schlafen, haben sich für diese Lebensweise ja entschieden, aber ihr Entscheidungsspielraum war wohl nicht sehr gross. Sie konnten sich vielleicht entscheiden zwischen Notschlafstelle oder Schlafen im Wald. Man muss wissen, dass die meisten unserer «Rough Sleepers» entweder eine Suchtproblematik haben oder psychisch krank sind. Es wäre stark romantisierend zu behaupten, sie wählen freiwillig das Schlafen im Wald. Anders etwa eine eine Gruppe von «Waldmenschen» bei Bern, die freiwillig im Wald leben; das sind tatsächlich richtige Originale, die ein Leben draussen und in Bescheidenheit aktiv suchen, sie haben sich im Wald gut eingerichtet mit Zelt und Feuerstelle.

Könnten Sie sich überhaupt eine Gesellschaft vorstellen, wo es gar keine Wohnungs- und Obdachlose mehr gibt?

(denkt lange nach) … Das wäre schön. Man muss eben etwas genauer hinschauen, was für Menschen sich bei uns anmelden. Es sind ja nicht die klassischen Obdachlosen, sondern der grössere Teil der Angemeldeten haben aus ökonomischen Gründen ihre Wohnung verloren, etwa weil sie arbeitslos wurden oder sich von der Partnerin getrennt haben. Und die finden im Moment keine neue bezahlbare Bleibe. Solche Schicksale sind meiner Meinung nach wirklich völlig unnötig.

Warum «unnötig»?

Es sind Menschen, die aus dem unteren Mittelstand kommen, normal arbeiten, oft in Partnerschaft leben oder chronisch krank sind. Die würden von unserem Radar sofort verschwinden, wenn es bezahlbaren Wohnraum gäbe.

Sie betonten vorher, dass viele Obdachlose psychisch schwer erkrankt oder gar drogensüchtig sind …

Ja, diesen Menschen begegnen wir häufig, ich glaube solche Schicksale wird es immer und in jeder Gesellschaft geben. Hier sehen wir eine wichtige Aufgabe des «Schwarzen Peter». Andererseits stellt sich die Frage: Wie viel Unterstützung können und wollen wir ihnen anbieten und wie viel Unterstützung wollen diese Menschen wirklich auch annehmen. Viele dieser psychisch Kranken oder Süchtigen wohnen in einer begleiteten oder sogar betreuten Umgebung, es gibt diesbezüglich in Basel ein grosses Angebot. Wenn solche Menschen dann draussen schlafen, so haben sie selber entschieden, dass sie nicht betreut werden oder begleitet wohnen wollen. Das ist ein Stück weit ihre Wahlfreiheit. Ob es ihnen dann gelingt, dieses sogenannt freie Leben würdig zu gestalten, ist eine andere Frage.

Es fiel vorher in unserem Gespräch das Wort «bezahlbarer Wohnraum», in den letzten Jahren auch in Basel ein heisses politisches Thema. Am 10. Juni 2018 haben die Stimmberechtigten deutlich mit 57% Ja-Stimmen die Initiative «Recht auf Wohnen» zugestimmt. Sie, Michel Steiner, gehörten zu den Initianten des Volksbegehrens. Dieses Recht steht jetzt in der Verfassung. Doch wie schafft Basel jetzt diesen Wohnraum? Die Stadt steht bei den hohen Mietpreisen schweizweit an 4. Stelle.

Tatsächlich sind wir seit langem am Ringen mit dem Kanton um die konkrete Umsetzung. Mitte Juni 2020 lief die zweijährige Umsetzungsfrist ab und es ist noch fast nichts geschehen. Der Kanton hat den unmissverständlichen Auftrag bekommen, die Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Basel zu beenden. Leider hat Basel-Stadt vor etwa 20 Jahren beschlossen, nicht mehr eigene Sozialwohnungen zu betreiben, es gibt heute nur noch staatliche Notschlafstellen. Und der Kanton vermietet nur noch in Notfällen günstige Einzelwohnungen. Basel ist immer noch ein grosser Liegenschaftsbesitzer, aber diese Wohnungen werden alle zu Marktmieten angeboten.

Basels Finanzsituation ist ja gut, in den letzten Jahren gab es jährlich dreistellige Millionenüberschüsse, und der Kanton ist auch Besitzer zahlreicher Liegenschaften. Warum stellt er nicht einfach eine Liegenschaft speziell für die «Rough Sleepers» zur Verfügung?

Gemäss unserer Initiative müsste der Kanton jetzt Wohnungen aus seinen Liegenschaften für Obdachlose zur Verfügung stellen. Doch das kollidiert mit seiner Praxis, dass in den staatlichen Liegenschaften Marktmieten erzielt werden müssen, um damit Renditen zu erwirtschaften. Wir versuchen jetzt – mit Verweis auf die angenommene Initiative – wieder politisch Druck aufzusetzen, dass der Kanton bei freiwerdenden Wohnungen diese vermehrt zu Kostenmieten gezielt an Obdachlose abgibt.

In Basel-Stadt gibt es einige sehr wohlhabende gemeinnützige Stiftungen. Warum sucht man nicht hier Partner für Ihr Anliegen?

Die Sache ist eben verzwickt. Beispielsweise die grosse Christoph Merian Stiftung. Sie hat zwar eine soziale Aufgabe, muss aber ihre Gelder gewinnorientiert anlegen gemäss ihrem Stiftungszweck. Also kann sie ihre Wohnungen, und die Stiftung hat einige Liegenschaften, nicht zu Kostenmieten abgeben, weil sie dann damit keinen Gewinn erzielt.

Zurück zur eigentlichen Obdachlosenproblematik. Wenn es in den Medien um Obdachlose geht, kommen kaum je Frauen vor. Warum ist das so?

Das Bild, dass ein Obdachloser ein Mann ist, ist real. Überall, auf der Gasse, in den Notschlafstellen usw. haben wir einen Frauenanteil von bloss 25%. Das hat verschiedene Gründe: Die Hemmschwelle ist bei Männern wohl weniger hoch, sich in der Öffentlichkeit – etwa wie der stadtbekannte Herr auf dem Bahnhofplatz – zu zeigen, wenn sie obdachlos sind. Obdachlose Frauen haben auch das grössere Bedürfnis, nicht aufzufallen: Darum pflegen sie sich besser als Männer, sehen gut aus. Dann funktioniert im Durchschnitt bei ihnen auch das persönliche Netzwerk besser, und das hilft ihnen, irgendwo unterkommen zu können. Und schliesslich, das ist bekannt, bieten sie halt «erotische Dienstleistungen» an, um irgendwo schlafen zu können.

… und wie steht es um Familien und Kinder, gibt es da Obdachlosigkeit?

Nein, das Phänomen existiert bei uns zum Glück nicht. Ich denke, da helfen die Notwohnungen des Kantons, die fast ausschliesslich für Familien mit Kindern verwendet werden. Das Konzept funktioniert, es gibt in der Stadt Basel keine obdachlosen Kinder. Wir beim «Schwarzen Peter» haben eigentlich nie ganze Familien bei uns registriert.

Täusche ich mich oder ist die Öffentlichkeit heute nicht sensibler für das Schicksal der Obdachlosen, die auf der Strasse leben?

Das kann ich bejahen. Klar, im Web wimmelt es immer noch von abwertenden und schlimmen Kommentaren über sozial Schwache. Doch wenn es um das Thema Wohnungslose geht, gibt es dazu wenig krasse Kommentare. Ich denke, da hat die Aufklärungsarbeit des «Schwarzen Peter» und anderer Institutionen positiv gewirkt. Auch wenn es etwa in Basel um den Aufenthalt von Obdachlosen im öffentlichen Raum geht, spürt man wenig negative Stimmung. Dazu trägt sicherlich auch die tolerante Haltung des Kantons und der Polizei bei. Die Polizei weist Menschen, die draussen schlafen oder sich versammeln, nicht einfach weg, auch am Tag nicht, wenn die Leute in Gruppen am Claraplatz zusammenstehen und ihr Bier trinken. Es gibt übrigens für eine Wegweisung auch keine Gesetzesgrundlage. Es wird als Tatsache akzeptiert, dass es Menschen gibt, die ihre Wohnung verloren haben und somit auf der Strasse leben und schlafen.

Es geht ja auch um soziale Kontakte?

Ja, auch Menschen auf der Strasse brauchen sie. Diese offenen Szenen, etwa auf dem Claraplatz, sind eben für uns vom «Schwarzen Peter» sehr wichtig. Menschen, die in Basel stranden, kommen ja nicht direkt zu uns, sondern sie stranden wohl zuerst unter Gleichgesinnten auf dem Claraplatz. Und dort erfahren sie von ihren neuen Kumpels vom «Schwarzen Peter». Oder wenn ich – das ist Teil meiner Tätigkeit der aufsuchenden Sozialarbeit – auf den Claraplatz gehe, dann sagt der eine zum andern: Frag doch den Michel vom Schwarzen Peter. Der ist voll ok.

Wie schwierig ist es eigentlich, wenn man mal auf der Gasse landete, wieder davon weg zu kommen?

Je länger jemand auf der Gasse lebt, desto schwieriger ist der Wiedereinstieg in die sogenannt «normale» Gesellschaft. Es gibt dafür viele Beispiele: Vor kurzem hatten wir eine Person, die seit zwei Jahren draussen schlief und endlich mal eine Bleibe bei einer sozialen Institution fand. Doch sie schaffte den Umstieg nicht mehr und kehrte auf die Strasse zurück. Auch darum ist es zentral, dass Menschen, die ihre Wohnung verlieren, so schnell wie möglich wieder halbwegs geregelte Wohnverhältnisse erhalten.

Was passiert eigentlich mit Obdachlosen im Alter, sterben sie irgendwann mal auf der Strasse?

Es gibt in Basel Institutionen des Alterswesens, wie etwa der Sternenhof, die für «originelle» Menschen oder Menschen mit «speziellen Lebensentwürfen», die im Alter betreuungs- oder pflegebedürftig werden, eine betreute Wohnmöglichkeit anbieten.

Hat eigentlich die Obdachlosigkeit allgemein in Basel zugenommen in den letzten Jahren?

Wichtig ist mir die Unterscheidung: Wir diskutieren hier nicht über Obdachlosigkeit, sondern über Wohnungslosigkeit. Und diese hat in den letzten Jahren in Basel tatsächlich massiv zugenommen. Diesen Menschen, oft aus der unteren Mittelschicht, sieht man ihr Schicksal nicht an, es sind nicht die klassischen «Clochards» vor dem Hauptbahnhof, wie der schon erwähnte Mann. Wir stellen auch beim «Schwarzen Peter» fest, dass wir bei uns im Büro viel mehr Ratsuchende als früher haben. Wohnungslose sind besonders froh um die Möglichkeit eines eigenen Adresspostfachs, wir bieten das als einzige Institution in Basel an.

Beratungstätigkeit ist ein Teil Ihrer Arbeit, doch nicht der wichtigste?

Ja, für mich entscheidender ist die aufsuchende Sozialarbeit. Ich gehe auf die Gasse, suche die Hotspots im öffentlichen und halböffentlichen Raum, wie Gassenküche oder Tageshaus für Obdachlose, auf. Ich will dort zwanglos Kontakte zu den Menschen auf der Strasse knüpfen und pflegen. Damit will ich sie informieren, wer ich bin und was unsere Institution macht. Im Idealfall mit dem Ziel, dass diese Menschen zu mir Vertrauen gewinnen. Sehr selten geht es bei diesen Gesprächen um Probleme, vielmehr um Beziehungspflege. Falls jemand dann gerne ein spezielles Thema vertiefter besprechen möchte, dann kommt er zu uns zum «Schwarzen Peter. Daneben bin ich bei uns auch noch für Mittelbeschaffung und Medienkontakte zuständig.

Michel Steiner, vorher im Gespräch haben Sie betont, dass es für Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, zentral ist, sofort wieder halbwegs geregelte Wohnverhältnisse zu haben. Darauf antworten sie mit dem Konzept des «Housing First», ein Model, das aus den USA stammt und in Österreich und Finnland schon weit verbreitet ist. Worum geht es konkret?

Wir haben in den letzten Jahren in Basel immer zwischen 350 und 390 Menschen ohne feste Wohnadresse gehabt. Wir sind der Meinung, dass Wohnen ein bedingungsloses Menschenrecht ist und die angenommene Initiative gibt uns recht. Menschen, die auf dem Markt keinen für sie bezahlbaren Wohnraum finden, müssten schnell wieder eine bezahlbare Wohnung erhalten. So bekommen sie Sicherheit und einen Rückzugsraum, und damit stabilisiert sich ihre Situation.

Wir sind froh, dass jetzt endlich nach bald 2 Jahren, die Umsetzung der Initiative «Recht auf Wohnen» startet. Die Heilsarmee hat diesen Frühling ein zweijähriges Pilotprojekt begonnen. Sie setzen auf einzelne, verstreute Wohnungen für Wohnungslose. Beim Pilotprojekt geht es aber vorerst um ca. 15 Wohnungen. Insgesamt brauchen wir in Basel aber so um die hundert preisgünstige Wohnungen für Wohnungslose und «Rough sleepers».

In Europa gibt es auch Modelle mit speziellen Häusern für Wohnungslose. Zu nennen wären etwa das Projekt «neunerhaus» in Wien mit drei Wohnhäusern oder Finnland: Das Land hat flächendeckende Angebote von neuen Häusern mit preiswerten Wohnungen für Wohnungslose eingerichtet. Das führte dazu, dass es dort heute praktisch keine «Rough Sleepers» mehr gibt. Der finnische Staat hat dafür massiv investiert, vor allem in den Ballungszentren und Grossstädten.

Wie ist es dann mit der vielbefürchteten Ghettobildung?

Wenn man in Basel ein eigenes Haus für Wohnungslose einrichtet, im Sinne des «Concierge-Wohnens» mit einem Hauswart und einer gewissen Aufsicht, schafft das noch kein Ghetto. Sonst wäre ja auch ein Altersheim bereits ein Ghetto, weil auch hier eine spezielle Bevölkerungsgruppe in einem Haus separiert wird. Ich kann mir darum gut vorstellen, dass es in Basel Platz für ein oder mehrere solcher Häuser für Wohnungslose hat. Klar, am Schluss stehen wir vor dem Spagat: Separieren wir solche Menschen an speziellen Orten oder binden wir sie in übliche Strukturen ein? Ich bin nicht auf ein Model fixiert, wir werden sehen, was das Pilotprojekt ergibt. Ich kann auch die Meinung nachvollziehen, dass man «Rough Sleepers» nicht unbedingt als neue Nachbarn in einem normalen Mieteshaus haben möchte. Denn es wird mit ihnen eventuell mal laut, vielleicht sind sie im Beschaffungsstress und es kommt im Hausflur zu Streitigkeiten.

Michel Steiner, vielen Dank für dieses spannende und offene Gespräch.

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