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Dem Fundamentalismus die Stirn bieten

Viele Jugendliche sind heute nicht mehr «religiös sozialisiert», doch das Interesse an Religion(en) ist damit keineswegs verschwunden. Im Gegenteil: Gerade am Gymnasium hat sich das konfessionsneutral ausgerichtete Fach «Religionskunde und Ethik» in den vergangenen Jahren neu etabliert und erfreut sich bei den Schülerinnen und Schülern wachsender Beliebtheit.

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Im Oktober 2014 gab  der Luzerner Regierungsrat bekannt, dass das Fach «Religionskunde und Ethik» am Obergymnasium aus Spargründen abgeschafft werden soll. Die Reaktionen auf dieses Vorhaben waren heftig und führten zu breitem Widerstand im Kanton Luzern, der für die ganze Deutschschweiz Signalwirkung hatte: In einer Zeit des wachsenden Fundamentalismus sei «der Bedarf an ethisch-religiöser Orientierung dringender denn je», wurde von verschiedener Seite moniert.

Grundwissen zu den Religionen                                           

«Zu einer ganzheitlichen Ausbildung in einer pluralistischen Gesellschaft gehören auch Grundkenntnisse über die Weltreligionen und eine vertiefte Kenntnis unserer christlich geprägten Kultur», war im Argumentarium der Kantonalen Fachschaft für Religionskunde und Ethik an den Luzerner Gymnasien zu lesen.

Im Rahmen einer Petition gegen die Streichung des Faches Religionskunde und Ethik kam innerhalb von nur vier Wochen die beachtliche Zahl von 13’177 Unterschriften zusammen. Und das hatte Folgen: In letzter Minute machte der Luzerner Kantonsrat noch die entscheidende Kehrtwende und beschloss mit 89 zu 25 Stimmen, dass die geplante Sparmassnahme nicht umgesetzt werden soll.

Vorausgegangen war eine intensive Phase der öffentlichen Diskussion und Überzeugungsarbeit bei den Verantwortungsträgern der Politik. Mehrere Bildungspolitiker wurden persönlich eingeladen, wieder einmal etwas «Schulzimmerluft» zu schnuppern und sich beim Besuch einer Lektion «Religionskunde und Ethik» selber davon zu überzeugen, dass der konfessionsneutrale Unterricht eine zeitgemässe Antwort auf die gesellschaftlichen Veränderungen darstellt.

Ein bekenntnisneutrales Fach

In einer immer deutlicher durch den religiösen Pluralismus geprägten Gesellschaft ist in den vergangenen Jahren auch in den Mittelschulen der konfessionelle Religionsunterricht zunehmend unter Legitimationsdruck geraten. In den meisten Kantonen der Schweiz ist der herkömmliche Religionsunterricht im Zuge des neuen Maturitätsanerkennungsreglementes weitgehend aus dem Lehrplan gestrichen worden.

Im Kanton Luzern indessen setzte sich die Überzeugung durch, dass der Bedarf nach religiöser Weltdeutung und Ethik in einer ganzheitlich ausgerichteten Gymnasialbildung keineswegs abgenommen hat: Mit einem neuen Modell, bei dem «Religionskunde und Ethik» als bekenntnisneutrales Fach für alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer Konfession eingeführt wurde, haben die Luzerner Kantonsschulen eine Pionierarbeit im gesamten deutschsprachigen Raum geleistet, die international Beachtung gefunden hat.

Schüler sind interessiert

Dass ein solches Unterrichtskonzept heute auch bei den Schülerinnen und Schülern auf grosse Akzeptanz stösst, wurde im November 2014 auch durch eine Online-Befragung bestätigt, an der sich über 600 Schülerinnen und Schüler aus fünf Gymnasien beteiligten. Die an der Umfrage Beteiligten füllten den Fragebogen anonym aus und hatten die Möglichkeit, sowohl positive wie auch negative Unterrichtserfahrungen zu thematisieren.

Die Ergebnisse der Befragung fielen dabei überraschend deutlich aus: 74% der befragten Schülerinnen und Schüler sprachen sich gegen eine Abschaffung des Faches Religionskunde und Ethik aus, 17% befürworteten eine Abschaffung und 9% äusserten dazu keine Meinung. Eine deutliche Mehrheit der Befragten zeigte sich zufrieden mit der aktuellen Stundendotation, während 13% der Schülerinnen und Schüler sogar anmerkten, dass die Lektionenzahl im Fach «Religionskunde und Ethik» erhöht werden sollte.

«Das Fach ist in einer multikulturellen Gesellschaft einfach unverzichtbar», schreibt ein Schüler in der Umfrage. Und eine Schülerin meint: «Beim Fach ‚Religionskunde und Ethik’ gefällt mir, dass man über alle Religionen etwas lernt und beginnt, die Menschheit und deren Motive für unterschiedlichste Ereignisse zu verstehen. Dadurch wird man toleranter gegenüber anderen Kulturen und Religionen. Man lernt, weltoffen zu sein.»

Urteilskompetenz fördern

Die Schülerinnen und Schüler schätzen auch, dass mit diesem Fach die eigene Urteilskompetenz gefördert wird: «Hier lerne ich, mir eine eigene Meinung zu bilden und diese mit anderen zu diskutieren.» Die Zeiten sind also vorbei, als im Religionsunterricht den Schülerinnen und Schülern noch der «allein selig machende Glaube» einer bestimmten Konfession eingetrichtert wurde.

Die neue Ausrichtung des Faches hat denn auch wesentlich dazu beigetragen, dass sich Religionskunde und Ethik in den vergangenen zehn Jahren am Gymnasium immer mehr etablieren konnte und sich bei den Studierenden wachsender Beliebtheit erfreut.

Diese Entwicklung zeigt sich gerade bei der Wahl der Ergänzungsfächer sehr deutlich: An der Kantonsschule Alpenquai Luzern beispielsweise können die Schülerinnen und Schüler aus einem Angebot von insgesamt 14 Fächern frei wählen, welches Fach zum Kanon der Maturafächer hinzu kommen soll.

In dieser Ausmarchung belegt das Fach «Religionskunde und Ethik» eine Spitzenposition, wie die jüngsten Ergebnisse (Stand: Ende Februar 2016) zeigen. Mit insgesamt 30 Anmeldungen steht das Ergänzungsfach «Religionskunde und Ethik» im Vergleich zu anderen Fächern aktuell an dritter Stelle vor Geografie und Geschichte und wird deshalb im kommenden Schuljahr (2016/17) sogar doppelt geführt.

Interkulturelle Kommunikation

Dass im Fach Religionskunde und Ethik die Beschäftigung mit aktuellen Fragen aus dem religiösen und ethischen Kontext nicht bloss eine abgehobene, theoretische Angelegenheit darstellt, zeigte ein Projekt, das erst kürzlich unter dem Namen «Swiss-Indian Classroom» realisiert werden konnte.

Insgesamt 22 Schülerinnen und Schüler des Ergänzungsfaches Religionskunde Ethik der Kantonsschule Alpenquai Luzern standen während eines ganzen Jahres in regelmässigem Austausch mit einer Partnerschule in Trivandrum (Südindien) und hatten damit viele Gelegenheiten, sich sehr intensiv in interkultureller Kommunikation zu üben.

Dank der finanziellen Unterstützung durch die ch Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit und die Stiftung Mercator Schweiz war es möglich, mit 17 Jugendlichen zwei Wochen lang im Bundesstaat Kerala die religiöse und gesellschaftliche Lebenswelt von Jugendlichen in Südindien zu erkunden.

Die intensive Begegnung mit Menschen einer ganz anderen Kultur war für die beteiligten Schülerinnen und Schüler eine einmalige, sehr wertvolle Erfahrung, die ihnen ein Leben lang unvergesslich in Erinnerung bleiben wird.

Benno Bühlmann


Angaben zum Autor: Benno Bühlmann unterrichtet seit 1993 an der Kantonsschule Alpenquai Luzern das konfessionsneutrale Fach «Religionskunde und Ethik» und ist Präsident der Kantonalen Fachschaft für «Religionskunde und Ethik» an den Luzerner Gymnasien.


«Das Fach «Religionskunde und Ethik» will nicht in eine bestimmte Religion einführen wie der konfessionelle Religionsunterricht der Kirchen, sondern Informationen über verschiedene Religionen vermitteln und religiöse Konzepte kritisch auf ihre positiven und negativen Seiten hin beleuchten», heisst es im Positionspapier der Religionslehrpersonen an Luzerner Gymnasien.