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Dialog als Zugang zum Menschen

Jorge Mario Bergoglio wohnt im vatikanischen Gästehaus der heiligen Marta, isst gerne in Gemeinschaft, brüht sich seinen Kaffee selber und fährt mit gebrauchten Autos. Er berührt, umarmt und küsst Menschen. Eigentlich ist das alles nichts Ungewöhnliches, schon gar nichts Heiliges, sondern zutiefst menschlich, wäre dieser Mann nicht Papst Franziskus und damit Oberhaupt der grössten Kirche der Welt. In dieser entrückten Funktion erscheint das Menschliche plötzlich übermenschlich und wird für die Medien rund um den Globus zur Sensation.

Dialog als ein Lieblingsbegriff

Dabei scheint sich Papst Franziskus bloss ein Gedicht von Dom Helder Camara, seinem verstorbenen Bischofskollegen aus Brasilien, zu Herzen genommen zu haben, worin es heisst: «Es ist nicht leicht, im Körper eines Cadillacs die Seele eines Deux-Chevaux zu bewahren.» Er will der Versuchung widerstehen, Wasser zu predigen und selber Wein zu trinken, auch wenn dies in seiner Funktion nicht leicht fällt. Die partielle Verweigerung der gewohnten Art von Amtsentfaltung ist ein emanzipatorisches Programm von Papst Franziskus und damit für alle eine Zumutung.

Einem Stellvertreter Christi, der sich den Kaffee selber braut, hört man nicht nur zu, man stellt ihm vielleicht auch Fragen. Und er ist offenbar bereit, sich auf diesen Dialog einzulassen. Überhaupt ist Dialog einer seiner Lieblingsbegriffe. Diesem Papst müssen auch die nicht-katholischen Christen neue Beachtung schenken. Sie werden sich dabei fragen, ob mit dem radikal neuen Stil auch neue Inhalte transportiert werden, die beispielsweise den blockierten ökumenischen Dialog wieder in Gang setzen könnten.

Die Freude des Evangeliums

Nun legt der Papst ein programmatisches Schreiben vor, das vom Geist seiner Mission durchdrungen ist. Wer das Dokument «Evangelii Gaudium – über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute» liest, merkt schon auf der ersten Seite, von welcher Erfahrung er beseelt ist: «Mit Jesus Christus kommt immer – und immer wieder – die Freude.» Da kommt ein Stoss frische Luft herein. Der Mann setzt ein grosses Plus vor alles, was er in der Folge entwirft, ein Plus, das freilich nicht einer triumphierenden Institution entspringt, sondern der Begegnung mit dem lebendigen Jesus Christus. Die Kirche, von der Franziskus träumt, will nicht mehr bewahren, sondern verlässt die Sicherheit des Gewohnten und wird zur «entschieden missionarischen Pastoral», die es riskiert, um des Evangeliums willen auch zur «verbeulten» Kirche zu werden.

Die Korrektheit der Doktrin greift für Franziskus zu kurz. Es geht ihm um eine evangeliumsgemässe Atmosphäre. Die Freude müsse durchdringen, sonst sei das Christsein «wie eine Fastenzeit ohne Ostern». Ganz ähnlich hat sich Gottfried Locher, der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, nach seinem Amtsantritt geäussert: «Die Kirche, die das Evangelium verkündigt, macht glücklich», war einer seiner Wahlsprüche.

Verkündigung an alle Menschen

Überhaupt erinnert vieles, was Franziskus sagt, an klassisch evangelische Positionen. Besonderes Gewicht legt der neue Papst auf die Predigt. In Zeiten der Inflation des Wortes, scheint er der biblischen Verkündigung einiges zuzutrauen. Zugleich ortet er gerade hier einige Missstände in seiner Kirche. Franziskus spricht Tacheles und macht seinen Bischöfen, Priestern und Laien klar, was der Inhalt der Verkündigung sei: Christus, Trost, Zuspruch und erst dann Anspruch.

Er sagt, an wen sich die Verkündigung richtet: ausnahmslos an alle Menschen. Und er macht deutlich, wie die Verkündigung heute zu erfolgen habe. Eine Predigt soll kurz sein und «keine Unterhaltungs-Show». Die Sprache des Volkes ist das Medium, das die Herzen erreichen kann. Darin nimmt er Luthers Anliegen auf, das Evangelium allen verständlich zu machen, indem man den einfachen Leuten «auf das Maul sehe», wenn man die Heilige Schrift übersetze. «Das Studium der Heiligen Schrift ist ein Tor, das allen Gläubigen offen steht», sagt Franziskus.

Gebet und Teamarbeit

Das Wort Gottes will in der Predigt ausgelegt werden. Dazu müsse sich der Prediger persönlich vom biblischen Text ergreifen lassen, denn der Heiligen Schrift wohne eine eigene Kraft inne. Das Gebet und das kollegiale Gespräch von Priestern, Diakonen und Laien seien wichtige Schritte der Vorbereitung auf die Predigt. Durch diese Teamarbeit soll die Verkündigung attraktiver werden. Diese ist eingebettet in die Liturgie, die auch von Zeichen, Gesten, Symbolen und der Schönheit lebt. Den alten Gegensatz zwischen Wort und Sakrament sieht Franziskus als überholt.

Hört man diesem Papst zu, wird man an Luthers Wort erinnert: «Das Amt, das Evangelium zu predigen, ist das höchste unter allen; denn es ist das rechte apostolische Amt, das den Grund legt für alle anderen Ämter, die sich auf dieses Amt aufbauen müssen.» Auch die reformierte Kirche verstand sich immer als sakramentale Gemeinschaft, in welcher Taufe, Abendmahl und Verkündigung aufeinander bezogen sind. Noch heute steht im Zürcher Grossmünster am zentralenliturgischen Ort der Taufstein mit einem Holzdeckel, der als Abendmahlstisch dient, auf dem die aufgeschlagene Bibel liegt. Diese alte Ordnung macht deutlich, dass Wort und Sakrament unauflöslich zusammengehören.

Freiheit oder Orientierung?

In evangelischem Verständnis ist die Kirche in erster Linie «creatura verbi» – Schöpfung des göttlichen Wortes. Und die Predigt ist, wie Karl Barth schrieb, nichts weniger als «Gott in Aktion». Doch bei all den Worten, die heute gesprochen werden, haben die Reformierten ein inhaltliches Problem. Das fehlende zentrale Lehramt führte gerade in den bekenntnisfreien reformierten Kirchen der Schweiz zu einer theologischen Beliebigkeit. Alles ist möglich – von der biblizistischen bis zur atheistischen Verkündigung, wie sie beispielsweise der holländische Pfarrer Klaas Hendrikse vertritt. Sein Manifest erschien kürzlich im Theologischen Verlag Zürich und hat ein breites Echo gefunden.

Doch einer Kirche, in der alles möglich ist, nimmt man schwerlich noch etwas ab. Sie ist Ort der Freiheit. Doch es fehlt ihr die orientierende Kraft. Der Schweizerische evangelische Kirchenbund versucht seit einigen Jahren, mehr theologische Verbindlichkeit zufördern. Der angestossene Prozess zur Entwicklung eines Glaubensbekenntnisses ist jedoch vorerst auf Grund gelaufen. Und die Lancierung eines nationalen Predigtpreises, der die Qualität der Verkündigung fördern will, hat bloss ein laues Echo gefunden. Tatsächlich müsste man auch den reformierten Predigerinnen und Predigern Dampf machen, damit sie der Kraft des Evangeliums vom Gekreuzigten und Auferstandenen neu vertrauen und diese Botschaft aktuell, kreativ und glaubwürdig verkünden.

Reformierte und Franziskus

Insofern tut der neue Papst auch den Reformierten gut. Er erinnert uns an evangelische Grundpostulate. Warum sollte er nicht in der kommenden Zeit der Reformationsjubiläen eine Neubewertung von Luther, Zwingli und Calvin vornehmen, wie dies mit Galileo möglich war? Das wären wahrhaft neue Töne aus Rom. Die Rehabilitierung der Reformatoren wäre wohl für die evangelisch-reformierten Christen die grösste päpstliche Zumutung, die man sich nur vorstellen kann. Der nächste Schritt müsste zwangsläufig Verhandlungen über die überfällige Wiederherstellung der Kirchengemeinschaft sein. Ob Franziskus so weit zu träumen wagt, bleibt vorerst offen. Aber es geschehen ja immer noch Zeichen und Wunder.

Heinz Fäh


Heinz Fäh ist reformierter Pfarrer in Rapperswil-Jona und Kirchenrat der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen.