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Weltgericht am Berner Münster
Weltgericht am Berner Münster

Erfahrungsbericht von Schwester Iniga

Dicke Mauern, mehrfach vergitterte Fenster, Überwachung, wohin die  Blicke auch  gehen. Wie lässt sich aus dieser Perspektive über Freiheit und Gerechtigkeit schrei- ben? «Gerechtigkeit: ja – ohne Freiheit!» scheint die Maxime und Erwartung vieler an den Strafvollzug zu sein. Ich lade Sie ein, mit mir auf den Weg in eine Gefängniswelt zu gehen.

Auch Hineinkommen ist schwer

Während 14 Jahren  arbeitete ich als  Seelsorgerin in der  Justizvoll- zugsanstalt Lenzburg. Der erste Besuch wird mir unvergesslich bleiben. Gitter, Zaun und hohe Mauern bei der Ankunft. Ein Knopfdruck  von  innen   ist  nötig, um bis zum Diensthabenden am Eingang zu gelangen. Dort Detek- tor und  Irislesen (Augenscan), um dann durch den langen, videoüberwachten Gang ins eigentliche Gefängnis zu kommen.

Und da die erste Begegnung mit Angestellten und Gefangenen! Welcher Kontrast: höfliches Grüssen, beflissenes Platzmachen, interessierte, wohlwollende Blicke mir, einer Ordensschwester, gegenüber. Eine echte erste Überraschung, der noch viele ähnliche folgen sollten.

Mensch und nicht Tier

Bevor ich von persönlichen Erfahrungen erzähle, füge ich grundsätzliche Gedanken über den primären Auftrag einer Justizvoll- zugsanstalt an. Er liegt  in der Re- sozialisierung, der Wiedereingliederung in die Gesellschaft – nicht in der Bestrafung, die im Freiheits- entzug besteht.

Wie ist das anspruchsvolle Ziel zu erreichen? Johann Rudolf Müller, der Lenzburg als ersten Gefängnisbau der Schweiz leitete, schrieb um 1870 zum Vorwurf, dass die Gefangenen in der Anstalt zu human behandelt würden: «Es mag diese Behauptung namentlich von solchen ausgesprochen werden, die nach der althergebrachten Meinung der Ansicht sind, als müsse der Mensch, sobald er einmal im Zuchthaus sitzt, nicht mehr als Mensch, sondern wie ein wildes Tier behandelt werden. Sie bedenken dabei nicht, dass der sicherste Weg, den Menschen zum wilden Tier zu machen, derjenige ist, wenn man ihn als solches behandelt.»

Grundgedanken mit Tradition

Der erste Direktor des Lenzburger Gefängnisses stellt nicht infrage, dass die «Grundlage einer gut geleiteten und erfolgreich wirksamen Strafanstalt eine strenge Ordnung» ist. Kann diese «durch gelinde Mittel aufrechterhalten werden, so ist alles, was darüber hinausgeht, nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich. Es bringt dem Gefangenen das Gefühl bei, als gehe man absichtlich darauf aus, ihn unnötigerweise zu quälen.»

Eine Strafanstalt habe «durch Pflege eines humanen Geistes der Strafe das Erniedrigende zu nehmen, im Gefangenen Vertrauen zu sich und seinen Mitmenschen zu wecken, seine Gemütsart wo- möglich milder, menschlicher zu stimmen, um ihn als Menschen der menschlichen Gesellschaft wieder zurückzugeben». Die bedenkenswerten Gedanken aus«ferner» Zeit haben an Aktualität in keiner Weise eingebüsst. Auf diesem Hintergrund wenden wir uns wieder dem Thema Gerechtigkeit und Freiheit zu.

Wahre Gerechtigkeit

Im Gefängnis treffen sie zusammen: Menschen, die wegen leichterer oder schwerer Delikte eine «gerechte» Strafe erhalten haben. Zum Glück wohnen wir in einem Land, wo grösstmögliche Gerechtigkeit  angestrebt wird. Wirklich gerecht ist im Letzten jedoch allein Gott: Er kennt die Herzen, alles Verborgene und Vorangegangene, alle Verletzungen, jede Verzweiflung und Hoffnung.

Wie ungerecht erscheinen da manchmal  plakative Ansichten und Überzeugungen aus dem breiten Volk, ohne auch nur im Geringsten um die wahren Umstände zu wissen! Wie sehr dies einzelne Gefangene entmutigen kann, weiss ich aus nächster Nähe. Entmutigung, Aburteilung, Alles- und Besserwisserei sind mit Sicherheit ein schlechter Nährboden für Reue, Umkehr und Neuanfang.

Von Freiheit und Un-Freiheit

Ja, es gibt sie, die den harten Weg der Einsicht und Reue nicht schaffen. Und es gibt die andern! Gefangene, die mit tiefer Überzeugung sagen: «Diese Strafe habe ich verdient. Auch wenns zutiefst schmerzt, ich will sie absitzen und abarbeiten, um überhaupt neu beginnen zu können. Wie konnte ich nur? Ich kann  es nicht verstehen! Ich kann mich selber nicht verstehen.»

In der Justizvollzugsanstalt Lenzburg sind sie zusammen mit ihren unterschiedlichsten Hinter gründen, Überzeugungen und Hoffnungslosigkeiten. Allen gemeinsam ist die Sehnsucht nach Freiheit. Was darunter verstanden wird, ist kaum in wenigen Worten zu formulieren. Viel hilfreicher ist der Blick auf uns «draussen».

Viele verbinden mit «Freiheit» absolute Unabhängigkeit und Selbstentscheidung, nach  dem Lustprinzip tun und lassen, was man gerade will, sich von nieman- dem bestimmen lassen. Erkennen wir darin auch die Un-Freiheiten?

Wenn ich ein Leben nach Erwartungen anderer ausrichte, dem Druck von Modetrends und Jugendwahn nicht widerstehe, ohne Handy oder Zigaretten in Stress gerate, der Meinung der Masse gedankenlos folge …?

Echte Freiheit

Im Gefängnis wurde mir klar, dass es die menschliche Gemeinschaft im Konzentrat beherbergt. Und auch hier gibt es die Menschen, die den Weg in die Tiefe gehen. Den Weg hin zu echter Freiheit findet nur, wer ehrlich und wahr zu sich selber ist, wer sich selber erkennt und wahrnimmt, was gut und was schlecht, was edel und was böse ist. Wenn ich geradestehe für das, wo ich meine Schuld erkenne, und mich nach bestem Können um Vergebung und Wiedergutmachung bemühe.

Straffe Ordnung, klare Richtlinien für alle, humaner Umgang, gegenseitiger Respekt und gelebte Achtung, sinnvolle und für alle verpflichtende Arbeit, wenig Raum, sich selber und den Problemen aus dem Weg zu gehen, sich unterordnen müssen und dabei Bedürfnisse und Nöte anderer sehen können: all diese Gegebenheiten können helfen, frei zu werden. Und diese tiefe Freiheit wird von keinen dicken Mauern, Mehrfach-Vergitterungen und Überwachungskameras verhindert. Echte Freiheit beginnt im Inneren des Menschen.

Taten beurteilen

Es steht mir nicht zu, andere Menschen zu verurteilen – denn gerecht ist letztlich Gott allein. Unsere Gerechtigkeit hat die Taten zu beurteilen. In meiner Arbeit ist die Überzeugung gewachsen, dass es das Gute in jedem Menschen gibt, vielleicht abgrundtief verschüttet, aber doch da! Welches Geschenk, wenn es sich mit der Zeit wieder Raum schaffen kann, wächst und zur inneren Freiheit wird!

Iniga Affentranger