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Hintergründiges zum Fastenopfer 99

„Die Arbeitslosen, die Behinderten, die `Unproduktiven: Müssen sie sich wirklich minderwertig und schuldig vorkommen gegenüber dem Rest der Gesellschaft, weil sie weniger produzieren? Und ebenso die Kaderleute, die keine Topleistung erbringen können? Die christliche Botschaft der Versöhnung verheisst auch das Ende solcher Schuldzuweisungen und Minderwertigkeitsgefühle. Der Mensch ist Ebenbild Gottes, wenn er tätige Gemeinschaft mit anderen pflegt, auch wenn dabei sein Handeln weder produktiv noch professionell und technisch perfekt ist.“ So heisst es im Grundlagen-Text der diesjährigen Fastenaktion der Hilfswerke (verfasst vom reformierten Pfarrer Jean-Pierre Thévenaz, Yvorne VD).

Hungerlöhne

Andere Hintergrund-Papiere skizzieren die Situation der Arbeitenden in einer globalisierten Weltwirtschaft. Elisa Fuchs beschreibt die Tatsache, dass Arbeit nur noch als Kostenfaktor betrachtet wird, den es möglichst auszuschalten gilt: „Diesen Faktor gilt es zu reduzieren durch Rationalisierung der Produktionsprozesse und Verschlankung der Verwaltung. Einsparungen verspricht man sich auch von der Verlagerung der Produktion an Standorte, wo Frauen und Kinder für Hungerlöhne arbeiten, wo die Umweltschutzvorschriften lasch und die Gewerkschaften schwach sind.“

Nun mag man einwenden, die erstgenannten Massnahmen – Rationalisierung und Verkleinerung der Verwaltung – seien durchaus vernünftig. Auch die Suche nach Orten, an denen billig produziert wird, hat ihren Sinn. Wenigstens vom Standpunkt der einzelnen Betriebe aus. Anders sieht die Sache vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus. Ist es wirklich falsch, von den Betrieben zu verlangen, dass sie nicht nur an ihre Bilanzen, sondern auch an die gesamtgesellschaftliche Verantwortung denken?

66 000 Jahre = 1 Woche

Und was ist davon zu halten, dass nicht in erster Linie durch Arbeit, sondern durch Finanzspekulationen Geld verdient wird? In der Schweiz wurde 1997 erstmals mehr Geld durch den Handel mit Wertpapieren als durch Arbeit eingenommen. Weltweit hat die Börse einen ganz zentralen Platz erhalten, auch wenn der rasante Aufstieg im vergangenen Herbst jäh gebremst wurde.

Ein ganz besonders raffinierter Börsenspekulant ist der US-Milliardär George Soros. Durch besonders listige Manipulationen, an denen die englische Volkswirtschaft fast zugrunde ging, verdiente er 1992 innerhalb einer einzigen Woche so viel Geld, für das eine Verkäuferin etwa 66 000 Jahre arbeiten müsste.

Grenzenloses Wachstum?

Es ist keine Sache von irgendwelchen privaten Moralvorstellungen, sondern pure Notwendigkeit, wenn im Zusammenhang mit der Weltwirtschaft vom „Umdenken“ die Rede ist. Abgesehen von jeder Einzelproblematik wie der vorliegenden Frage der Arbeit gilt es, Abschied zu nehmen vom blinden Glauben an ein dauerndes wirtschaftliches Wachstum. Um Gerechtigkeit für alle zu schaffen, müssen wir Wege finden, die vom Wachstum unabhängig sind. Denn: In einer Welt, die endlich ist, ist endloses Wachstum unmöglich. Im vorliegenden Grundlagenpapier heisst es: „In der Hand Gottes kann die Wirtschaft tatsächlich noch auf andere Weise zu ihrem Ziel gelangen als durch Wachstum.“

„Zuerst die andern“

Es wagen, in allen Bereichen Grenzen zu setzen, um das Menschliche zu wahren: Dies ist die deutliche Forderung des Grundlagentextes: „Grenzen der schrankenlosen Suche nach neuen Konsumartikeln, Grenzen des Wachstums von Produktionsmitteln, Grenzen beim Bestreben, den Menschen durch die Technik zu ersetzen.“

Vor allem auch: Eine weltweit – „global“! – handelnde Wirtschaft braucht Spielregeln, die für alle Länder gelten. Sonst ist die Versuchung übergross, auf ein Land auszuweichen, in dem die sozialen und ökologischen Standards möglichst tief sind. Optimistisch schreibt der Verfasser des Grundlagenpapiers: „Die Schweiz, wirtschaftlich an der Spitze, könnte hier die Initiative ergreifen.“

Wie lange wird es noch gehen, bis im Interesse aller, auch der Schwachen, der Schöpfung und der kommenden Generationen, in ausreichendem Masse globale Lösungen gefunden werden? Bis jetzt wird auf eine recht unreife Art gefordert: „Der andere soll zuerst! Erst wenn alle so weit sind, werden wir mittun.“

Konkretes

Als konkrete Massnahme soll hier nur auf neue Steuergesetze hingewiesen werden. Bekanntlich müssen heute wichtige soziale Bereiche durch die Abgaben der Lohnempfänger und Arbeitgeber berappt werden, in Form von Lohnprozenten. Dadurch wird die Arbeit verteuert. In Deutschland nach dem Machtwechsel, aber auch vielen andern Ländern wie der Schweiz kommen nach und nach neue Modelle zum Zug. Wenn beispielsweise der Energieverbrauch steuerlich belastet wird, wird es für die Firmen weniger rentabel, menschliche Arbeitskräfte durch energiefressende Maschinen zu ersetzen.

Viele andere Massnahmen werden seit Jahren diskutiert. Aus Angst, keine Mehrheiten zu finden, wagen viel zu wenig Politiker, sich an ihre Umsetzung zu machen. Wenn sie aber spüren, dass in ihrer Wählerschaft die Zahl jener wächst, die Verständnis dafür hat, werden sie nicht länger zögern. Das Volk ist längst nicht so ohnmächtig, wie es oft scheint.

Walter Ludin

 

Wir könnten vieles tun

Welche Regierung und Verwaltung bewegt sich schon auf einem politisch richtigen Pfad, treibt schon eine gerechte Politik, wenn sie nicht von ihren eigenen Bürgerinnen und Bürgern dazu getrieben wird, von Menschen, die mehr Solidarität und Liebe einfordern? Wer setzt den Produzenten und Verkäufern, die ihre Produkte von einem Ende der Welt zum andern verschieben, den Handelsherren und Finanzleuten des Welthandels Normen und Grenzen, die fundamentale menschliche Grundforderungen und korrekte Abläufe garantieren? Wer verändert die ausbeuterischen und auf Herrschaft bedachten Beziehungen, wenn sich Bürgerinnen und Bürger resigniert zurückziehen…?

Aus dem Grundlagenpapier von Fastenopfer und Brot für alle

 

ite1999-1

Fastenopfer '99

ite 1999/1

«Solidarität schafft Arbeit»
Genügend Arbeit für alle?
Solidarisch mit Arbeitslosen