courtesy
Besuchen Sie unseren Shop. Sie finden ein vielfältiges Kartensortiment und gesegenete Kerzen. Vielen Dank für Ihre Bestellung.

Blick über die Grenze

Wir leben in Rheinsberg, einem kleinen Ort, circa 100 km nördlich von Berlin. Bis vor zehn Jahren gehörten wir zur DDR. Damals war es ziemlich schwierig, als praktizierender und bekennender Christ zu leben. Die Staatssicherheit überwachte unser Leben, ganz besonders auch das unserer Priester. Es gab wenig Möglichkeiten, auf der Karriereleiter nach oben zu kommen, wenn man gradlinig und ohne Kompromisse seinen Weg ging. Eine Mitgliedschaft in einer Partei wäre da hilfreich gewesen. Aber alle Parteien, auch die sich christlich nannten, hatten den gleichen antichristlichen Hintergrund.

„Jugendweihe“

Für unsere Kinder war es schwierig, zum Abitur (Matura) zugelassen zu werden, auch wenn sie ausgezeichnete Leistungen erbracht haben. So waren die Wege zum Studium blockiert. Die „Jugendweihe“, eine Erfindung der DDR, ebnete viele Wege. Sie war ein klares Bekenntnis zum Sozialismus und zum Atheismus. Viele katholische Jugendliche gingen diesen Kompromiss ein, aus welchen Gründen auch immer. Eigentlich war es ein Verrat an Gott und der Kirche; aber man sollte niemanden deshalb verurteilen, ohne seine Begründung gehört zu haben.

Es gab auch die Möglichkeit für die Eltern, um die Bildungsmöglichkeiten ihrer Kinder zu kämpfen. Dies kostete jedoch viel Mühe, Kraft und Zeit und war nicht immer erfolgreich. So gingen einige Familien den Weg des geringsten Widerstandes und schickten ihre Kinder zur Jugendweihe. Ein grosser Teil der Familien entschied sich jedoch gegen diesen Kompromiss. Manche Kinder und Jugendliche wurden von ihren Mitschülern und teilweise auch von Lehrern wegen ihres Glaubens angegriffen.

Hier in unserem kleinen Ort kennt fast jeder jeden. So konnten alle wissen, wer sich zum katholischen Glauben bekannte. Unsere kleine Gemeinde war schon immer sehr aktiv. Der Zusammenhalt war gross. Und wir wussten, wem wir in dieser Zeit vertrauen konnten. Das war wirklich sehr wichtig, auch für unsere Kinder und Jugendlichen. Wer damals zu seinem Glauben stand, war wirklich ein gläubiger und überzeugter Christ. Denn er hatte davon keinerlei Vorteile.

Nach der Wende

Jetzt, nach der Wende, wird kein Christ mehr offiziell verspottet. Es gibt keine Schwierigkeiten in der Schule, im Studium oder bei der Arbeit. Aber die Vorurteile sind geblieben. Wir werden von vielen Seiten wegen unserer „Einfältigkeit“ belächelt. In manchen katholischen Gemeinden sind nach der Wende viele Menschen aus der Kirche ausgetreten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Es fängt an bei der Kirchensteuer, die ja nun vom Staat einkassiert wird.

Aus unserer kleinen Gemeinde ist niemand auf der Strecke geblieben. Der Zusammenhalt ist weiter gewachsen. Das ist ein Glücksfall, aber nicht die Regel. In vielen sehr grossen Gemeinden leben die Katholiken sehr anonym. Sicherlich gibt es in jeder Gemeinde einen „harten Kern“. Aber wenn man als Gast oder Urlauber in eine solche Gemeinde kommt, wartet man meistens nach dem Gottesdienst umsonst auf eine freundliche Begrüssung. Das ist uns besonders aufgefallen, wenn wir in Orten waren, wo es sehr viele Katholiken gibt. Traditionen sind da ganz wichtig, aber schon das Handgeben beim Friedensgruss wird zum Problem. Für Anders- oder Nichtgläubige ist das nicht besonders einladend oder überzeugend.

Die eigene Entscheidung

Hier bei uns in der Diaspora wissen die Mitmenschen sehr wenig von unserem Glauben und sind auch nicht besonders daran interessiert. Auch in den Schulen ist das Wissen darüber sehr winzig (vgl. Kasten zu diesem Artikel: „Winziges Wissen“). Bei Fragen zum Christentum werden sehr oft katholische Kinder und Jugendliche zu Rate gezogen. Auf jeden Fall ist es eine Herausforderung für einen Christen, in der Diaspora zu leben. Man braucht viel Kraft. Aber der Glaube an Gott bekommt eine grössere Bedeutung, weil man gezwungen ist, viel darüber nachzudenken. Es ist die eigene Entscheidung, die man trifft. Was uns Christen fehlt, ist die Ausstrahlung nach draussen. Wir haben ja eigentlich die Aufgabe, den Glauben an Gott an andere weiterzugeben. Das gelingt uns leider ganz selten. Irgendwie genügen wir uns selbst. Wir treffen uns zum Gottesdienst, dann gehen wir nach Hause und nichts passiert.

Gott statt Geld

Im Zeitalter akuten bis chronischen Priestermangels müssen wir uns wieder auf die Urkirche besinnen und vielleicht etwas bescheidener werden. Wenn ich Gottesdienste in Indien erlebe, wünsche ich mir oft, dass die Menschen hier so froh feiern könnten. (Anm. der Redaktion: Die Autorin leitet in ihrer Pfarrei Sammelaktionen für die Sozialwerke der indischen Kapuziner und durfte in diesem Zusammenhang Indien besuchen.) Es ist aber auch die grosse Armut und Not dieser Menschen, die auf Gott hoffen und auf ihn vertrauen. Vielleicht sind unsere Ansprüche zu gross. Wir gehören alle zu den Reichen dieser Welt, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen.

Ich wünsche mir sehr, dass die Kirche wieder einen neuen Stellenwert bekommt. Dafür ist es wichtig, dass nicht das Geld, sondern Gott im Mittelpunkt bleibt. Wenn wir in unseren schwächeren und hilfsbedürftigen Mitmenschen Gott sehen und ihnen helfen, ist schon der wichtigste Schritt getan.

Theresia Hoffmann

 

„Winziges Wissen“

WLu „Ach so, an Weihnachten und an Ostern feiert ihr nicht dasselbe.“ So sagte in der ehemaligen DDR ein Mann, der an einer Kirchenführung teilnahm. Bei gleichem Anlass fragte ein Jugendlicher angesichts des gekreuzigten Jesus: „Wer hängt denn dort am Kreuz? Ist es Spartakus?“ In der Schweiz beklagen sich bereits Uni-Professoren, dass sie in kunstgeschichtlichen Vorlesungen bei ihren Studierenden kaum biblisches Wissen voraussetzen können.

 

Warum bin ich Christ?

Warum ich Christ bin? Das sage ich lieber ganz praktisch und an Beispielen, weil ich sonst viel zu schnell Gefahr laufe, die Formeln aufzusagen, die den einen wohl vertraut sind, die aber die meisten nicht mehr verstehen. Es gibt, um es kurz zu sagen, nichts, woraus ich mehr fürs Leben gelernt hätte als aus der Botschaft der Bibel.

Bei der Geschichte vom Propheten Jona im Alten Testament zum Beispiel habe ich gelernt, dass man vor einer Aufgabe nicht wegläuft. Du bleibst, wo Gott dich hingestellt hat. Das war auch die Maxime meines Vaters. Also hiess das auch: Bleiben in der DDR. Und so habe ich Christsein in der DDR praktiziert. Es ging. Ich habe Gottes treue Begleitung erfahren – ein reiches Leben.

Bei Jesus habe ich gelernt, dass jeder die Chance zu einem Neuanfang hat, selbst die Zöllner, diese Handlanger der Unterdrückungsmacht. Also habe ich mir verboten, die Menschen einfach auf ihre Vergangenheit festzunageln.

Reinhard Höppner (SPD) ist Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt.
Auszug aus einem Artikel, erschienen in: WELT, 20. 12. 2000

 

ite2001-2

Missionsland Schweiz

ite 2001/2

Die Schweiz: Missionsland?
Ende der Volkskirche?
Glauben in der (ehemaligen) DDR