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Franziskanische Ecksteine des Christseins im 3. Jahrtausend

Für eine Auseinandersetzung mit dem Glauben in der Gegenwart sei ein Blick auf die Epoche eines Franziskus sehr hilfreich. Diese Ansicht legte Michael Blastic, ein in New York lebender Franziskaner, den in Madrid versammelten Kapuzinern dar. Schon im 12. und 13. Jahrhundert gab es Bewegungen, die sich von Institutionen lösten, ihren eigenen spirituellen Weg suchten und begingen. Dieses Phänomen sei heute nicht  neu, betonte der Franziskaner.

Für die Zukunft der Kapuziner sind vor allem drei Vorgaben der franziskanischen Tradition besonders wichtig und zu akzentuieren: die Gotteserfahrung, das Menschenbild und das Weltverständnis.

Gott selber zeigt den Weg

Franziskus und seine Brüder verstanden ihr Leben als eine Antwort auf den Ruf Gottes an sie. In der nicht bullierten Regel eines Franziskus steht deshalb, dass die Brüder den Lehren und den Fussspuren von Jesus Christus folgen sollten.

Dabei erinnert Franziskus in seinem geistlichen Testament daran, dass er durch den Geist Gottes zuerst zu den leprakranken Menschen gefunden habe und erst dann von diesem zu den Brüdern, zur Gemeinschaft geführt  wurde. «Nachdem Gott mir Brüder gegeben hatte, zeigte mir niemand meinen Weg, aber der Höchste selber zeigte mir, dass ich nach dem heiligen Evangelium leben sollte», schreibt Franziskus in seinem Testament.

Die ersten franziskanischen Brüder stellten Jesu eigene Lebensweise ins Zentrum. Erfahren wird Gottnicht im Sterben Jesu, sondern in Jesu Einsatz  für die Menschen – so wie es im Evangelium erzählt wird. Daraus entsteht bei den ersten Brüdern der Drang unter den einfachen Menschen zu leben und darin Gott zu erleben, beobachtet Michael Blastic.

Umkehr zu den Anderen

Franziskus, der reiche Bürgersohn, verlässt Assisi, zieht aus der Stadt hinaus. In Assisi gab es keinen Platz für die Aussätzigen, die Ausgestossenen, darum geht der Heilige zu ihnen und lebt mit ihnen ausserhalb der Stadtmauern Assisis. Das tut er nicht für sich selber, auch nicht für irgendeine persönliche, geistliche oder spirituelle Übung, sondern weil der Kaufmannssohn gerade in ihnen  Brüder und Schwestern erkennt.

Geschwisterlichkeit ist nur dann möglich, wenn man sich den Anderen zuwendet. «Diese Umkehr und Zuwendung ist damit ein Grundpfeiler für eine franziskanische Spiritualität, damals und heute», legt Michael Blastic den Kapuzinern nahe. Erst damit wird das eigene Leben der Brüder zu einer überzeugenden Botschaft an die Mitmenschen, an die Welt.

Auch Negatives führt zu Gott

Das Heilige wird für franziskanische Menschen im täglichen Leben erfahrbar. Selbst negative Erfahrungen führen zu Gott, ins Reich Gottes. «Das Leben selbst ist der Ort der franziskanischen Gotteserfahrung », brachte der US-amerikanische Franziskaner Michael Blastic seine Ausführungen auf den Punkt. Genauso wie Jesus von Gott, so seien franziskanische Menschen heute von Jesus in die Welt geschickt, um diese Zuwendung Gottes zu Menschen und zur Welt zu leben.

Wie für den Franziskaner Michael Blastic die Zeit des Franziskus in vielem mit der  Gegenwart verglichen werden kann, genauso sieht der Kapuziner Niklaus Kuster Ähnlichkeiten zwischen dem Mittelalter eines Franziskus und vielen heutigen Lebenssituationen:«Franziskus lebte zuerst in der Gottesferne, dann kommt eine lange Suchbewegung. » Schmunzelnd fügte der kapuzinische Laienbruder hinzu: «Keines der damaligen religiösen Kompetenzzentren  überzeugte Franziskus. Dieser fand schliesslich als selbstbewusster Laie in der Kirche seinen Lebensstil.

Gott wird Bruder

Das Menschwerden Gottes, seine Inkarnation, hat radikale  Konsequenzen für Franziskus. Gottes Sohn ist den Menschen Bruder geworden. Der göttliche Bruder begegnet am Rand von Gesellschaft und Kirche, ausserhalb der bürgerlichen Stadt und fernab der Kathedrale als halbnackter Mensch am Kreuz in der Kirche in San Damiano dem Franz von Assisi.

Niklaus Kuster unterstreicht: «Wenn Gottes Sohn so entschlossen absteigt, dann verliert jedes menschliche Karrierestreben und jedes  egoistische Wirtschaften seinen Sinn: Radikales Teilen und schrankenlose Solidarität sind die Antwort auf solche Gotteserfahrungen. Wenn Gottes Sohn in dieser Welt Mensch wird und hier in Wort sowie Brot gegenwärtig bleibt, lässt er sich nicht durch Weltflucht finden.» Deshalb sieht Niklaus Kuster im Leben des Franziskus drei zentrale Orte der Gotteserfahrung für die heutige Welt: Wort, Sakrament sowie menschliche Geschwister. Die zentrale Aufmerksamkeit eines Franziskus liegt jedoch bei den Schwestern und Brüdern, die in Not leben.

Gott ist Vater aller

Der Sonnengesang des Franziskus macht deutlich, dass die Welt geschwisterliche Züge annimmt, wo Gott als der Vater aller Menschen angenommen wird. Wer zum «Vater unser» betet, entdeckt mit den frühen Gefährten in jedem Menschen einen Bruder und eine Schwester: in Armen und Reichen, in Freunden und Fremden, in Freundlichen und Feindseligen, in Glaubensgefährten und schliesslich auch in Andersgläubigen. Darum kann sich Franziskus aufmachen, auf jeden Menschen zugehen, an alle Völker schreiben, und sowohl dem Papst als auch dem Sultan al-Kâmil brüderlich begegnen.

Denn wenn Gott Vater ist, dann sind alle Menschen Geschwister, eingeschlossen der Muslime, Buddhisten und VertreterInnen von Freikirchen. «Dabei stellt Franziskus bei Sultan al-Kâmil staunend fest, welche Gottesliebe sich in anderen Religionen finden lässt», betont der Kapuziner.

Adrian Müller
http://www.adrianm.ch

 

NK Mit Blick auf die spirituelle Sinnsuche moderner Menschen haben wir Kapuziner uns zu fragen, was wir religiös Desinteressierten und Indifferenten zutrauen – der junge Franz war lange Jahre einer von ihnen.

NK Mit Blick auf uns Kapuziner fragt es sich, ob wir heute nicht vielerorts da stehen, wo damals die Mönche von Assisi standen: Klöster und von uns betreute Pfarreien, Kompetenzzentren, in unseren Städten präsent und doch fern der Sinnsuche vieler Zeitgenossen? Zu sehr institutionalisiert und zu wenig vertraut mit der Lebenswelt neuer Generationen? Präsent und nicht gefragt, weil nur noch Kirchgänger unsere Sprache verstehen und weil unsere Antworten nur noch dieses kleine Segment unserer Gesellschaft ansprechen, «Gläubige» – meist über 60-jährig?

NK Dass Franziskus heute weltweit fasziniert und über unsere Kirche hinaus geliebt wird, bestätigt seine visionäre Kraft: eine Liebe zur Welt und eine ganzheitliche Spiritualität, wie die Moderne sie mehr denn je sucht. Die Frage geht an uns Franziskaner, weshalb Franziskus gefeiert und wir selber,  seine Brüder, immer mehr übersehen werden. Wie steht es um unsere Visionen, um unsere Ganzheitlichkeit, um unseren Einsatz gegen alle Formen von Leid, Not und Gewalt? Wo sind wir heute  Propheten?

NK In einer Moderne, die in kritischer Spannung zur Institution Kirche nach Sinn, Spiritualität und ganzheitlichen Visionen sucht, fragt sich, ob Kapuziner nicht den «Laiencharakter» ihrer ersten Inspiration neu entdecken müssten: dass zumindest die Jüngeren von uns ausserhalb der Kirchengebäude und der traditionellen liturgischen Formen wirken, neu vertraut werden mit den Kulturen und Subkulturen unserer modernen Zivilisation, «unkirchliche» Arbeit «in den Häusern und auf den Feldern» heutiger Menschen tun, unser Leben und Hoffen im Alltag unserer Zeitgenossen sprechen lassen.

NK Indem Franziskus es als Gast und Gastarbeiter tat – und noch nicht als Gastgeber in Klöstern! – hat er Zeitgenossen in deren eigener Lebenswelt verstanden und ihre Realität aus seiner Christusfreundschaft inspiriert. Liegt nicht gerade in einer  zunehmend kirchendistanzierten, doch religiös suchenden Moderne die Chance unseres Gründungscharismas: wenn wir unsere «Komm-her-Pastoral» wieder mit einer «Geh-hin-Sendung» verbinden? «Komm-her-Pastoral» im Sinn einer geschwisterlichen«Seelsorge der Gastfreundschaft» bleibt auch heute unsere Stärke: Wir teilen unsere spirituellen Quellen, bieten Suchenden Oasen an.

NK Wir Franziskaner sind auch heute gefordert, der Inspirationskraft Gottes in jedem Menschen zu vertrauen. Die Friedensgebete der Weltreligionen in Assisi haben dieses Vertrauen eindrucksvoll und ermutigend zum Ausdruck gebracht. Gottes Geist wirkt in jeder Religion und in jedem Menschen.

 

ite2010-3

Christsein in einer dynamischen Welt

ite 2010/3

Die Gegenwart als Herausforderung
Gott ist uns Bruder geworden
Priester sein lässt sich überall