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Voller Einsatz ist gerfragt
Voller Einsatz ist gerfragt

Zwischen Professionalisierung und Spiritualität

Spitalseelsorge bedeutet heute neben dem konkreten Begleiten von kranken oder verunfallten Menschen und ihrer Angehörigen auch die Arbeit in der Grossinstitution Spital: Diese umfasst etwa Beratung und Seelsorge für Mitarbeitende und Teams, Aufbau von freiwilligen Besuchsdiensten (beispielsweise für Anderssprachige oder für die Sterbebegleitung), Fortbildungen für Pflegende und Ärzteschaft in Bezug auf ethische Fragen oder auf Gesprächsführung in Krisensituationen, Gottesdienste und Rituale für alle, kulturelle Angebote, Öffentlichkeitsarbeit und anderes mehr.

Die Spitalseelsorge ist in den letzten Jahrzehnten von stark auf das Individuum fokussierten Seelsorgebesuchen zur Mitarbeit im Gesundheitswesen geworden. Sie hat sich von der Krankenseelsorge zur Krankenhausseelsorge gewandelt (Michael Klessmann), wobei natürlich der kranke oder verunfallte Mensch sowie seine Angehörigen weiterhin im Zentrum stehen.

Zunehmende Professionalisierung

Da sich Spitalseelsorge in dem hoch spezialisierten und wissenschaftlich profilierten Umfeld der Medizin bewegt und bewähren muss, ist auch sie gefordert, sich zu professionalisieren. Zum einen geschieht dies in der Ausbildung der Spitalseelsorgenden, die nicht mehr nur ein Clinical Pastoral Training umfasst, sondern unter anderem auch systemische Therapie, lösungsorientierte Seelsorge, supervisorische Kompetenzen, Palliative Care sowie Notfallpsychologie.

Enorm zugenommen hat in den letzten 20 Jahren auch die wissenschaftliche Erfassung von Religiosität und Spiritualität: Nicht nur in gesellschaftlicher Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf das Gesundheitswesen wird intensiv geforscht, auf welche Weise Menschen spirituell sind und wie ihre Spiritualität als Ressource fruchtbar gemacht werden kann. Hier entstehen neue seelsorgliche Herausforderungen und spannende Forschungsprojekte im Bereich Seelsorge: Wie ist beispielsweise Seelsorge möglich bei Menschen, die mit Deep Brain Stimulation behandelt werden? Oder wie ist Seelsorge und Kommunikation überhaupt mit Menschen möglich, die im sogenannten Koma – in veränderten Bewusstseinszuständen – sind? Zu Letzterem wird in Anwendung der prozessorientierten Psychologie von Arnold Mindell psychologisch-seelsorglich in München seit einiger Zeit intensiv geforscht (vgl. http://www.traumland-intensivstation.de).

Spiritual Care

In der Krankenhausseelsorge wird heute meist ein bewusst breites und offenes Verständnis von Spiritualität vertreten: Jeder Mensch ist grundsätzlich spirituell. Unterschiedlich ist jedoch die individuelle Ausprägung sowie die Nähe oder Distanz zu den institutionalisierten Religionen. Spiritualität durchdringt alle Lebensbereiche des Menschseins. Sie betrifft die Identität des Menschen, alles, was dem Menschen Sinn und Würde gibt, was ihm Anlass ist zu Hoffnung und Vertrauen. Spiritualität wird dabei wesentlich in Beziehung erlebt: in Beziehungen zu sich selbst, zu anderen und zum Transzendenten (Gott, höhere Macht, Geheimnis des Lebens).

Für das Wahrnehmen von spirituellen Ressourcen beziehungsweise Bedürfnissen der Menschen im Spital gibt es verschiedene Screening-Methoden. Eine davon nennt sich STIW (frz. STIV). Sie fragt, ob Menschen in folgenden Bereichen eine Ressource oder ein Bedürfnis – auch ein Manko, einen spirituellen Schmerz (spiritual pain) – haben:

  • S – Sinn: Gibt es etwas, wofür es sich – auch mit dieser Krankheit, Verletzung usw. – noch zu leben lohnt?
  • T – Transzendenz: Was hält jemanden, wenn sonst alles zusammenbricht? Gibt es etwas, was über die menschlichen (medizinischen) Möglichkeiten hinausweist?
  • I – Identität: Woran macht jemand seine Identität fest? Wird diese durch die Krankheit oder den Unfall verändert? Wo und wie kann eine erneuerte Identität gefunden werden?
  • W – Werte/Valeur: Welche Werte sind für jemanden zentral? Können sie auch im Spital gelebt beziehungsweise erlebt werden?

Interdisziplinär – interkulturell – interreligiös

Wenn solche Fragen nach einer allgemein menschlichen Spiritualität im Gesundheitswesen Einzug halten, wird die Zusammenarbeit der Seelsorge mit andern Disziplinen auf gute Weise ermöglicht: Pflege, Ärzteschaft, Sozialarbeit, Psychologie und Psychiatrie können in der Anamnese die spirituelle Dimension der von ihnen behandelten Menschen wahrnehmen. In Zusammenarbeit mit der Seelsorge können dann die spirituellen Ressourcen genutzt, die spirituellen Bedürfnisse erfüllt und die spirituellen Nöte gelindert werden. Offene Fragen bieten auch die Möglichkeit für interkulturelle und interreligiöse Seelsorgearbeit:

  • Diese ist gerade in Gesellschaften mit starker Migration dringend notwendig. Spitalseelsorgende müssen daher zum einen die kulturellen und religiösen Besonderheiten der Menschen kennen – dies zum Beispiel in Bezug auf den Umgang mit Tod, Trauer und Leichnam, aber auch in Bezug auf Geschlechterfragen.
  • Spitalseelsorgende müssen zweitens Handlungen und Riten anbieten können, die interkulturell und interreligiös möglichst verständlich und tragfähig sind und dazu je nach Situation mit sprachlichen Übersetzungsdiensten zusammenarbeiten.
  • Drittens gilt es, aktiv ein Netzwerk mit Bezugspersonen der verschiedenen Kulturen und Religionen aufzubauen. Diese sollen die Begebenheiten im Spital kennenlernen sowie beraten und unterstützen können.

Palliative Care

Zu den Erfahrungen, die von Menschen aller Kulturen und Religionen geteilt werden, gehört neben der Geburt auch das Sterben. Die Palliativmedizin ist auch von daher gesehen sowohl eine wichtige Triebfeder für die Frage nach einer sinnvollen Medizin überhaupt als auch eine treibende Kraft für die Krankenhausseelsorge: Bei Menschen mit unheilbarer, lebensbedrohlicher Krankheit ist die Frage nach dem Leben und Sterben offensichtlich. Hier wird das Verlangen nach Menschenwürde und menschenwürdigem Sterben deutlich. Und dazu gehört wesentlich die spirituelle Dimension, wie auch die WHO-Definition (1990/2002) festhält.

Angesichts des Todes fragen sich Menschen, was ihnen im Leben wirklich wichtig ist. Wie sie die noch verbleibende Zeit leben möchten, damit es eine erfüllte Zeit ist. Sie machen häufig die Erfahrung, dass Sterben lernen ganz wesentlich Leben lernen heisst.

Und Seelsorge kann und soll Menschen darin unterstützen.

Notfallseelsorge und -psychologie

Viele Care-Teams, die bei schweren Unfällen oder Katastrophen mit der Polizei und den Sanitätsdiensten zusammenarbeiten, wurden von Seelsorgenden initiiert und werden weiterhin stark von ihnen getragen. Damit die Betreuung der Angehörigen und Verunfallten im Spital gut weitergeht, werden zunehmend spitalinterne Care- Teams gebildet. Da Spitalseelsorgende eine breite Erfahrung mit der Betreuung von Verunfallten und ihren Angehörigen haben, sind sie häufig in diesen Care- Teams leitend tätig. Die Care- Teams leisten seelisch-psychische Erste Hilfe. Methodisch wird beispielsweise mit dem SAFERModell gearbeitet:

  • S – Situation stabilisieren;
  • A – Anerkennen des Erlebten und Gefühlten;
  • F – Fördern des Verstehens;
  • E – Erlangung von Handlungsfähigkeit;
  • R – Rückkehr in eine eigenständige, der Situation angepasste Verhaltensweise.

Ziel ist es, mit dem Trauma des Unfalls einen Umgang zu finden und nachfolgende Belastungsstörungen zu verhindern oder zumindest zu vermindern.

Mit den Menschen für die Menschen

Nebst den beschriebenen Herausforderungen ist es eine bleibende und ebenfalls herausfordernde Aufgabe der Seelsorge, im Gesundheitswesen dafür einzustehen, dass nicht monetäres Gewinnstreben, sondern der konkrete Mensch in seiner Würde und seiner Bedürftigkeit im Zentrum steht.

André Flury, Spitalseelsorger

Universitätsspital Inselspital Bern


Deep Brain Stimulation (DBS, tiefe Hirnstimulation) ist ein neurochirurgischer Eingriff ins Gehirn, der bei Bewegungsstörungen (besonders bei der Parkinsonkrankheit) erfolgreich angewandt wird. Im Hirn werden dabei Elektroden implantiert, welche dauerhaft elektrische Impulse in die Zielregion senden. Zum einen werden heute weitere Anwendungsgebiete erforscht (z.B. in Bezug auf psychiatrische Erkrankungen). Zum andern aber auch medizinisch-ethische Fragen gestellt: Wie weit wird durch den Eingriff die Persönlichkeit verändert? Gerade auch das moralische und religiöse Empfinden von operierten Personen scheint betroffen zu sein. Welche weiteren Nebenwirkungen (z.B. Depressionen, Manien) treten warum und in welchem Umfang auf?


Die WHO-Definition zu Palliative Care integriert die spirituelle Dimension:

«Palliative Care …

  • bietet Entlastung von Schmerzen und anderen belastenden Symptomen an;
  • betont das Leben und betrachtet Sterben als einen normalen Prozess;
  • hat die Absicht, den Eintritt des Todes weder zu beschleunigen noch ihn hinauszuzögern;
  • integriert psychologische und spirituelle Aspekte der Fürsorge für den Patienten;
  • bietet ein Unterstützungssystem an, das es dem Patienten ermöglicht, sein Leben so aktiv wie möglich bis zum Tode zu leben;
  • bietet ein Unterstützungssystem für Familien an, um die Belastungen während der Krankheit des Patienten und der eigenen Trauer zu bewältigen;
  • nutzt einen Teamansatz, um den Bedürfnissen des Patienten und seiner Familie zu begegnen, was die Trauerberatung – soweit erforderlich – einschliesst;
  • will die Lebensqualität verbessern und kann den Verlauf der Krankheit positiv beeinflussen;
  • wird bereits früh im Verlauf der Erkrankung angewandt, in Verbindung mit anderen Therapieformen, die darauf abzielen, das Leben zu verlängern …»