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© Rainer Sturm / pixelio.de
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Warum können wir uns nicht einfach so annehmen, wie wir sind, sondern suchen heute vermehrt die Hilfe von Schönheitschirurgen und -chirurginnen, «um der Natur etwas auf die Sprünge zu helfen?» Das erfragen wir im Gespräch mit Dr. Eva Neuenschwander von Zürich.

Beat Baumgartner

Dr. Eva Neuenschwander führt in Zürich seit rund 20 Jahren eine Praxis für Plastische und Ästhetische Chirurgie. «Schönheit ist individuell. Individualität ist natürlich. Natürlichkeit ist die Basis meiner Arbeit.» – so steht es auf ihrer Website. Es herrscht eine ruhige, freundliche Atmosphäre in der Praxis, während ich im Warteraum auf meine Gesprächspartnerin warte. Eine Broschüre zeigt den «Vorher-Nachher-Effekt» nach einer Faltenunterspritzung mit Hyaluron: «Hm, denke ich mir, da sieht man ja gar keinen grossen Unterschied?» – Und schon sind wir mitten im Gespräch mit der erfahrenen Schönheitschirurgin:

Frau Dr. Neuenschwander, warum haben Sie nach Ihrem Arztstudium dieses Spezialgebiet gewählt?

Ich habe ein normales Medizinstudium absolviert und arbeitete mehrere Jahre auf der Allgemeinchirurgie. Danach wechselte ich auf die Handchirurgie, mir gefällt das feine Arbeiten sehr. Schliesslich wurde mein Ziel die plastische Chirurgie: Denn ich liebe die Arbeit mit meinen Händen und sehe gerne das Resultat meiner Tätigkeit. Wenn Sie nach einer Operation die Bauchdecke oder eine Hand zunähen, dann sehen sie nicht, was Sie als Chirurgin gemacht haben. Ich liebe die optische Ästhetik, das erfreut mein Auge, und ich fühle mich allgemein wohl in diesem Metier.

Was ist denn – ganz allgemein – das Ziel der plastischen Chirurgie?

Grundsätzlich zielt die plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie – so lautet der umfassende Titel meiner Spezialtätigkeit – die «Wiederherstellung der Normalität». Klar, Normalität ist ein weiter Begriff. Wenn es mir jedoch gelingt, in die Nähe der optimalen Proportion und Form zu gelangen, dann habe ich mein Ziel erreicht. In der rekonstruktiven – d.h. wiederherstellenden – wie ästhetischen Chirurgie geht es immer darum, möglichst nahe an die «Unauffällige Normalität», bei uns sagt man «Unuff», zu gelangen …

Unuff?

.. das Ergebnis darf nicht auffällig sein, das Auge des Betrachters darf nicht hängen bleiben.

Wie viele Eingriffe pro Jahr werden denn in der Schweiz in der Schönheitschirurgie durchgeführt? Ich habe verschiedene Zahlen gelesen: 50’000 Eingriffe im 2014, 100’000 im 2019?

Das sind Hochrechnungen ohne sichere Basis. Wir haben zwar in unserer Schweizerischen Gesellschaft für plastische und ästhetische Wiederherstellungs-Chirurgie eine interne Statistik, aber es gibt viele chirurgisch tätige Mediziner, die auch ohne Facharzttitel solche Schönheitsoperationen durchführen. Die schweizerische Gesetzgebung ist nicht sehr stark reguliert in Bereichen, die nicht von den Krankenkassen vergütet werden, wie beispielsweise Schönheitsoperationen. Auch der Begriff Schönheitschirurg ist keine geschützte Berufsbezeichnung, geschützt ist nur «Facharzt für plastische, wiederherstellende und ästhetische Chirurgie». Grundsätzlich darf jeder Arzt solche Eingriffe vornehmen. Probleme gibt es erst, wenn es nach einer Schönheitsoperation zu schwerwiegenden Komplikationen kommt.

Sie sind schon länger als Schönheitschirurgin tätig – nimmt denn die Nachfrage nach solchen Eingriffen zu? Holen die Männer auf?

Die Akzeptanz solcher Eingriffe hat sich tatsächlich ausgeweitet. Vor allem bei jüngeren Menschen ist das ein normales Thema, fast so wie die Zahnreinigung oder das Aufweissen der Zähne. So kommen die Menschen zu mir, um ein wenig, wie ich es nenne, Prophylaxe zu betreiben. Aber bei mir gibt eine gewisse Selektion. Denn ich bin bewusst so, wie ich bin, und mache nicht alles, was Patienten wünschen. Ich argumentiere ehrlich, was ich für richtig erachte. So kann ich sagen: Ich habe jene Patienten, die zu mir passen.

Wenn Sie mich anschauen, Frau Dr. Neuenschwander, brauche ich eine Schönheits-Prophylaxe?

(Lacht) Das ist eine Frage, die ich eigentlich nie beantworte. Wenn eine Person etwas an sich stört, dann höre ich zu und biete meine Hilfe an. Ich bin nicht eine Schönheits-OP-Verkäuferin in dem Sinne, dass ich meinen Patienten sage: Ach, bei Ihnen könnte ich jetzt noch dies oder jenes korrigieren. Ich will ja nicht einen Eingriff durchführen, den ich gerade gerne mal mache, sondern es soll ein Gewinn für die Patientin oder den Patienten sein. Was ich natürlich mache: Ich bespreche mit den Ratsuchenden Varianten. Ich sage vielleicht: Diesen Eingriff würde ich zuerst vornehmen, um dem Gesicht einen besseren Ausdruck zu geben. Aber ich sage nicht: Wir korrigieren jetzt mal das Kinn, dann die Nase und die Ohren usw.

Schon mir als Bube lehrten meine Eltern und auch die Lehrer: «Es kommt nicht auf dein Äusseres an, sondern auf deinen Charakter.» Und trotzdem streben die Menschen schon immer nach äusserer Schönheit. Warum?

Das ist kein Phänomen unserer Zeit. Schauen Sie sich das griechische Altertum an. Schon damals strebten die Menschen nach Schönheit und Proportion. Uns Menschen ist ja die Gabe geschenkt, dass wir Schönheit als solche erkennen. Die griechische Venus von Milo, der Michelangelo von Leonardo Da Vinci, das waren schon Abbilder unheimlich schöner Menschen. Und die Schönheit wurde bereits früher immer gleichgesetzt mit einem guten und ehrlichen Charakter. Ein schöner Mensch verfügte über alle erstrebenswerten Tugenden. Ein körperlich versehrter Mensch war automatisch böse, dumm und verabscheuungswürdig. Aber nicht nur beim Menschen gilt das: Auch Tiere, die schön und gesund sind, werden in ihrer Gruppe bevorzugt.

Kurz, der Wunsch nach Schönheit ist uralt. Doch die Methoden, wie man diese erreichen kann, hat sich mit den Möglichkeiten moderner Chirurgie und mit der Anästhesie stark geändert. Und nicht zuletzt erlaubt auch unsere friedliche, sichere und sehr wohlhabende Gesellschaft, uns solchen Fragen zu widmen.

Schönheitschirurgie ist also auch ein Wohlstandsphänomen …

Es ist vor allem ein Wohlstandsphänomen. Irgendwo in einem Flüchtlingslager in Syrien ist der Wunsch nach Schönheitsoperationen wohl kaum ein Thema.

Dort geht es wohl mehr darum, kriegsversehrte Opfer wieder mit rekonstruktiven Eingriffen einigermassen zu einem würdigen Leben zu helfen?

Das ist ein interessanter Aspekt. Denn die plastische Chirurgie geht bis auf das Mittelalter zurück. Bekannt ist der italienische Chirurg Gaspare Tagliacozzi, der im 16. Jahrhundert Gesichtsteile wie Nasen aus Teilen des Ellbogens rekonstruierte (siehe Bild). Es gab bereits im Mittelalter zahlreiche Chirurgen, die unglaubliche Techniken anwandten. Der grosse Durchbruch kam allerdings mit der Narkose.

Die modernen Techniken der plastischen Chirurgie entstanden während des Ersten Weltkrieges. Damals wurden erstmals Massenvernichtungswaffen mit schrecklichen Auswirkungen auf die Opfer eingesetzt, zerschossene Gesichter, verlorene Gliedmassen, schreckliche Verbrennungen waren die Folge. Vor allem englische Chirurgen haben damals neue Operationstechniken entwickelt, da sie mit noch nie dagewesenen Verletzungen konfrontiert waren. Damit wurde der Grundstein der modernen rekonstruktiven Chirurgie gelegt, um Kriegsversehrten zu helfen. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten hat dann diese plastische Chirurgie mit ihren Techniken die Entstehung der ästhetischen Chirurgie ermöglicht. Technische Innovationen in beiden Sparten beeinflussen und ergänzen sich seither erfolgreich.

Wir haben jetzt dauernd von Schönheit gesprochen. Wie definieren Sie, Frau Dr. Neuenschwander, denn Schönheit?

Was mich leitet sind harmonische Proportionen, der sogenannte goldene Schnitt. Diese harmonischen Proportionen kann man aber nicht einfach auf jedes Gesicht oder jede Brust legen. Wenn ich eine Brust ändere, ein Gesicht oder eine Augenpartie verschönere, dann verlasse ich mich voll auf mein inneres Auge. Ich wende nicht irgendwelche Normmasse an, obwohl ich – etwa bei der Brust – relativ viel messe. Ich lasse mich immer vom goldenen Schnitt leiten.

… und Sie zeichnen viel?

Ja, ich zeichne die Änderungen auf Papier, auf der Haut meiner Patienten, um ihnen zu erklären, was ich mache und was ich beabsichtige.

Ich nehme an, Ihre Schönheits-Vorstellungen haben auch eine stark subjektive Komponente. Das heisst: Eine schöne Nase sieht für Frau Dr. Neuenschwander wohl etwas anders aus als eine schöne Nase für Dr. B. aus Bern?

Das stimmt, darum müssen Patienten auch verstehen, dass das Ergebnis einer Operation bei Dr. A anders als bei Dr. B aussieht. Mit der Wahl eines Arztes sucht man nicht nur dessen Erfahrung und Knowhow aus, sondern auch sein Verständnis von Schönheit. Es ist relativ schwierig für Aussenstehende zu beurteilen, wie das Ergebnis ist.

Sie haben vorhin gesagt, Sie machen nicht alles …

Ja, ich will nach meinen Eingriffen gut schlafen können. Ich operiere nicht einfach, damit operiert ist und nachher tauchen Probleme auf. Wenn ich merke, ein Eingriff könnte schief gehen, dann lehne ich Operation ab und sage: «Ich würde Ihnen diese OP nicht empfehlen.»

Woher kommt denn heute dieser Boom nach Optimierung der Schönheit?

Ich bin in Finnland geboren und aufgewachsen. Das Land hatte noch sehr lange unter den Folgen des Zweiten Weltkrieges zu leiden, wir hatten einen relativ bescheidenen Lebensstandard. Damals war Körperlichkeit, die Frage «Wie sehe ich aus, wie die anderen?» überhaupt kein Thema. Wir haben weder darüber geredet noch haben wir unseren Körper gezeigt. Unsere Kleider waren nicht eng und verhüllten die Proportionen eher.

Die Generation unserer Kinder lebt in einem ganz anderen Umfeld, in einer Kultur, wo man den Körper sieht und auch zeigt: Sehr eng anliegende Kleider, Hotpants, bauchfrei, muskelgestählt bei Männern etc. Wenn dann jemand nicht der Norm entspricht, hat er ziemlich darunter zu leiden.

… wohl vor allem auch in der Pubertät?

… ja genau. Ich nenne das Beispiel der weiblichen Brust, denn eine meiner «Spezialitäten» sind Brustverkleinerungen. Mädchen leiden unter ihrem grossen Busen bereits in der Schule, sie werden gemobbt, man ruft ihnen «Du dicke Sau» nach, alle schauen nur auf ihre Brüste. Diese Mädchen fühlen sich unwohl, werden depressiv, sie gehen nie in die Badi, gehören zu keiner Clique, sie finden keinen Freund, sie laufen auch im Sommer mit dem Schal um den Hals herum usw. Diese Mädchen fühlen sich sehr isoliert. Falls Minderjährige mit dem Wunsch nach Brustverkleinerung zu mir kommen, lehne ich das nicht ab. Aber die Eltern müssen natürlich die Tochter unbeschränkt unterstützen und ihr Einverständnis geben.

Also die grosse Brust als grosser Bremsklotz für die persönliche Entwicklung?

Ja, ich sehe ja, wie diese Mädchen nach einer Operation total aufblühen. Sie können ihre Kleider jetzt normal aussuchen und sich unbeschwert bewegen in der Öffentlichkeit. Das zeigt sich auch in ihrer Körperhaltung. Sie laufen nach einer Brustverkleinerung aufrecht und stolz herum. Das ist sehr beeindruckend. Diese Mädchen sind nicht einfach eitler als wir es waren, aber sie sind heute einem grossen Druck ihrer Umwelt ausgesetzt.

Das zeigt sich ja auch bei den Zahnkorrekturen, als ich jung war, waren diese fast völlig unbekannt?

Ja, das war bei uns auch so. In einer Klasse gab es damals vielleicht ein Junge oder Mädchen, das eine Spange trug. Heute ist sowas Standard, praktisch alle Jugendlichen haben Spangen zur Zahnkorrektur. Schöne Zähne haben eben einen wichtigen Effekt auf das Gesicht.

Ganz allgemein habe ich den Eindruck, dass es heute viel mehr «attraktive» Menschen gibt als noch in meiner Jugend. Man kann die Haare verlängern, die Wimpern hervorheben, die Haut gegen Pickel behandeln, die Zähne korrigieren oder bleichen, die Fingernägel bemalen …

… und wenn dann plötzlich alle ausnahmslos «attraktiv» sind …

… ja dann ist «Attraktivität» demokratisiert, dann wird es langweilig. Früher fielen schöne Menschen noch auf, heute finden Sie auf der Strasse sehr viel attraktive junge Männer und Frauen.

Sie sprechen von Attraktivität – gerade dieser Begriff sagt doch einfach mehr aus als nur die «objektive» Schönheit, hier kommt ein Element des Charakters hinzu, die innere Schönheit?

Exakt, es ist die Persönlichkeit, die die Schönheit eines Menschen «ausschmückt», dadurch wird diese erst zur «Attraktivität». Ich nehme als Beispiel Männer, die vielleicht von ihrer Natur her – Körpergrösse, Haarwuchs, Proportionen – nicht optimal bestückt sind. Aber sie kommen derart charmant daher, dass sie eine grosse Ausstrahlung, eine grosse Persönlichkeit haben. Sie sind eloquent, haben Humor, treten selbstbewusst auf, nehmen Augenkontakt auf usw. – sprich, sie sind gewinnend.

Einer Ihrer Kollegen spricht in den Medien davon, dass er seine Patientinnen mit einer Schönheitsoperation «glücklicher, zufriedener und erfolgreicher» macht? Ist das nicht zu viel versprochen?

Ich kenne die Person, ok, wenn sie das glaubt, so ist das ihre Sache. Für mich entscheidend ist, dass ich in meiner Arbeit eine Win-Win-Situation anstrebe: Ich habe meine Erfahrung, ich gebe meinen vollen Einsatz für meine Patienten. Klar eine solche Operation oder ein Eingriff wie eine Botox-Behandlung oder eine Faltenunterspritzung mit Hyaluron-Säure kostet auch etwas. Aber am Schluss muss die Patientin oder der Patient das Ergebnis bekommen, das sie oder er sich wünscht.

Im Zeitalter von Facebook und Instagram lachen uns über die digitalen Medien unzählige schöne Vorbilder entgegen. Kommen denn die Leute zu Ihnen und sagen: So wie der oder die möchte ich jetzt auch aussehen?

Weniger. Ich habe schon vorhin gesagt, ich ziehe jene Patienten an, die zu mir passen. Wenn ich einen Eingriff mache, dann muss die operative Massnahme, die vorhandene Individualität verschönernd ergänzen, nicht entfremden. Ich mache keine Veränderung, die für mich selber nicht auch ästhetisch ist. Mein Ziel ist: Wenn Patientinnen nach einer Behandlung rausgehen aus meiner Praxis, dann soll man die Behandlung nicht bemerken. Sie sind, so nenne ich das, «optimiert», aber man soll nicht erkennen, dass ihre Lippen, Augenpartien, ihre Nase oder die Brust operiert worden sind. Die Leute sollen sagen: «Oh, du siehst gut aus, aber nicht: Was hast du denn mit deinen Lippen, den Wangen oder deinen Augenlidern gemacht.»

Im Endeffekt kann man mit einer Schönheitsoperation ja das Altern nicht verhindern?

Ja, das Altern kommt auf jeden Fall und es geht allen gleich. Es ist aber so, dass die eine Person halt schneller altert und die andere langsamer. Die eine altert «schön», die andere bekommt im Alter einen «grimmigen» Ausdruck. Die plastische Chirurgie kann die Uhr nicht zurückstellen, das ist eine Illusion, aber wir optimieren das Aussehen. Wir versuchen etwa, negative Signale des Alterns – Müdigkeit, Traurigkeit, Bitterkeit etc. – zu mildern. Denn meistens entsprechen diese alterungsbedingten negativen Veränderungen gar nicht dem inneren Zustand einer Person. Es geht schliesslich doch darum, dass wenn jemand nach einer Schönheitsoperation in den Spiegel schaut, er sich sagen kann: «Ich bin zufrieden mit meinem Aussehen.»

Eine Kurzfassung des Interviews erschien im Franziskuskalender 2021