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Wenn ich mir überlege, wo und wann ich von der Kirche geträumt habe, dann ist das eigentlich immer in Kirchenräumen gewesen. Da ist zum Beispiel meine barocke «Heimatkirche». Da habe ich als Kind während der grösstenteils unverständlichen Predigt viel Zeit zum Träumen gehabt. Ich habe geträumt vom Himmel, der sich bildlich über mir aufgetan hat. Ich habe aber auch davon geträumt, wie es wohl wäre, wenn ich so schöne bunte und goldene Gewänder anhätte und vor einer (damals noch) vollen Kirche stehen und den Leuten sagen könnte, wo Gott hockt – so wie unser Pfarrer.

Dann gab es eine Zeit, in der mich die neuzeitlichen Betonkirchen zum Träumen brachten. Wie wäre es – so habe ich geträumt –, wenn endlich all dieser alte Mief aus der Kirche hinausgeworfen würde? Wie wäre es, wenn es frische Luft gäbe, wir und natürlich vor allem die Kirchenoberen sich auf das Wesentliche konzentrieren und endlich die vielen Probleme innerhalb der Kirche lösen würden!

Der nächste Kirchenraum – ein dunkler, viereckiger Internatskasten – hat mir vor allem Alpträume beschert. Immer wieder schlief ich während der Gottesdienste ein und hatte meistens ein böses Erwachen, weil ich mich schämte, schon wieder eingeschlafen zu sein. Und dementsprechend waren auch die Träume: schwer, mit viel schlechtem Gewissen und Angst vor Strafe.

Meine nächste Station war ein sehr grosser und heller Kirchenraum. Wenn die Sonne geschienen hat, war er lichtdurchflutet. Manchmal hat mich dieses intensive Licht geblendet. Da habe ich eine Ahnung davon erhalten, was es heissen könnte, wenn Christus sagt: Ich bin das Licht der Welt. Dieser Raum hat tiefe religiöse Gefühle in mir geweckt.

[bild19017w200l]Und dann wurden mir verschiedene andere Kirchenräume wichtig: Ronchamp; das Münster von Freiburg, wo ich mit Gott gerungen habe, ihm so fern und er mir doch so nah; der Petersdom in Rom, wo ich fasziniert war von der Grösse und Pracht und mich trotzdem aufgeregt habe über Pomp und Glanz und Gloria; die windschiefen Hütten auf den Philippinen mit Lehmboden und ohne Scheiben in den Fensterlöchern, wo ich so viel Gottvertrauen und gläubige Gelassenheit von den Menschen wahrnehmen konnte; und dann natürlich auch die kleine Dorfkirche, dort wo ich zusammen mit Menschen das Leben teilen durfte; das alltägliche Leben mit all seinen schönen und schwierigen Seiten, mit dem neuen Leben und dem Tod, der Freude und der fast grenzenlosen Trauer.

Der für mich grösste, wichtigste und schönste Kirchenraum ist allerdings eine ganz kleine, alte und unscheinbare Kirche in Assisi. Fast mehr zufällig habe ich zu ihr gefunden. Denn sie steht an keiner Hauptgasse und kein grosser Turm macht auf sie aufmerksam. Dieser Kirchenraum – er ist klein, bescheiden, dunkel und doch von einer unglaublichen Anmut – bietet mir Schutz und Geborgenheit. Wenn ich diesen Raum betrete, mich irgendwo hinsetze, ankomme und ruhig werde, beginnt mein Herz zu träumen.

Es träumt von all den vielen Kirchenräumen, denen ich im Leben bisher begegnet bin. Mein Herz träumt aber nicht nur von Räumen, sondern auch von einer Kirche, die Ruhe schenkt, die Geborgenheit geben kann. Ich träume von einer Kirche, die zeitlos ist und nicht dauernd auf der Tradition herumreiten muss, weil sie Angst hat vor der Gegenwart und noch mehr vor der Zukunft. Ich träume von einer Kirche, in der es keine Rolle spielt, wo vorne und wo hinten ist, weil es kein Oben und kein Unten gibt. Ich träume dort auch von einer Kirche, wo niemand Alpträume haben muss – weder unverstandene Bischöfe noch gemassregelte Priester oder im Grunde genommen abgelehnte Laien.

Und schliesslich träume ich dort davon, dass christliche Gemeinschaften entstehen, die nähren und den geistlichen Hunger stillen, dass viele kleine und lebendige Kirchen sich auf den Weg machen und so den Traum von einer menschenfreundlichen Kirche wachhalten.

Martin Rotzler
Familienvater und Spital-Seelsorger

 

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Kirchen(t)räume

ite 2006/2

Editorial des Redaktors
In Kirchen träumen
Ich träume …