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Beherztes Teilen und riskante Selbstlosigkeit   

Franziskanische Leitfragen

«Was brauche ich? – was teile ich? – was gönne ich mir?» Diese drei Grundfragen nahm ich als junger Kapuziner mit in ein Leben, das auf Solidarität baut. Nach 33 Jahren Erfahrung mit der franziskanischen Lebenskunst stelle ich dankbar fest, wie sehr sich diese Leitfragen bewährt haben. Sie haben sowohl das Ich wie auch Solidarität im Blick: die eigenen Bedürfnisse, jene anderer Menschen und eine Grosszügigkeit mit mir selbst, die umso herzhafter teilen kann.

Der Wirbelsturm Zyklon Sidr und eine Sturmflut zerstören Dörfer im Küstengebiet von South Khali in Bangladesch. Die Menschen erhalten Hilfsgüter und Nahrung. | © © Jörg Böthling

Unser Noviziatsleiter hätte keine Freude gehabt an einer knalligen Werbung, mit der eine deutsche Gemeinschaft um neue Mitglieder warb: «Ohne Sex, Knete und Ego zu leben», unterscheide diese Brüder «vom Mainstream des 21. Jahrhunderts»! Damit wird die Mehrheit der modernen Gesellschaft arg negativ gezeichnet, aber auch das Leben dieser Ordensmitglieder negativ umschrieben. Die Räte des Evangeliums meinen kein besitzloses und willenloses Leben – und schon gar nicht ein beziehungs-, mittel- und selbstloses. Immer wieder seien – so unser Lehrmeister – gerade religiöse Menschen derart selbstlos gewesen, dass sie sich «selbst los» wurden: ohne ein überzeugendes Ich, nur noch über den Dienst an anderen definierbar!

«Leben in Fülle» nennt Jesus das Ziel seiner Sendung (Joh 10,10): Lebensfülle schon in dieser Welt, für alle und nicht für exklusive Kreise! Dafür sollen die Jünger Zeugen sein «bis an die Grenzen der Erde» (Apg 1,8). Gemeinsame Erfüllung und Fülle – ohne Grenzen und Ausgrenzung, auch ohne Gefälle zwischen Nord und Süd oder zwischen Vermögensklassen. Erfüllende Lebensqualität setzt voraus, dass meine eigenen Bedürfnisse erfüllt sind. Die Bedürfnispyramide des amerikanischen Psychologen Abraham Maslow nennt dabei grundlegend, dass eine Person leiblich das Lebensnotwendige braucht, gefolgt von Sicherheit, Dazugehörigkeit und Anerkennung. «Selbstverwirklichung» krönt die Pyramide. Jede Form von Solidarität setzt handlungsfähige Personen voraus. Freie Hände dafür hat nur, wer nicht den eigenen Grundbedürfnissen hinterherjagen muss.

Franziskanische Armut…möglichst viel teilen
Zur zweiten Frage «Was teile ich?» gab unser Lehrmeister uns eine Maxime mit: «Franziskanische Armut bedeutet nicht, möglichst wenig zu haben, sondern möglichst viel zu teilen!» Wir lernten Teilen nicht nur materiell zu sehen: Wer den Gewinn im Teilen erkennt, teilt beherzt Zeit, Wege, Erfahrungen und Einsichten, Gefühle und Gedanken. Immer wieder staunen an meinen Vorträgen Teilnehmende, dass ich Präsentationen grosszügig zur Verfügung stelle: Gewiss steckt viel eigene Arbeit darin, doch vieles habe ich selbst von anderen bekommen, gelernt, neu kombiniert und weiterentwickelt: Wissen und Weisheit sind Frucht gemeinsamen Lernens und Erkennens.

Wir Novizen lebten in einem Kloster, das dem Staat gehört. Selber Gäste im Haus, lernten wir gastfreundlich auch den Tisch und unseren Lebensraum zu teilen. Finanziell legten wir alles, was wir bekamen oder verdienten, in die gemeinsame Kasse. Auf diese konnten wir eigenständig zugreifen, wenn wir etwas brauchten. Dabei wussten wir: Was immer am Ende des Jahres übrigbleibt, kommt in den Solidaritätsfonds – und damit Menschen zugute, die ihre materiellen Nöte nicht ohne Hilfe bewältigen können. Nicht den Überfluss eines gedankenlosen Konsums galt es dabei abzugeben, sondern das Entbehrliche eines bescheidenen Lebensstils.

Die dritte Leitfrage kam hinzu, als wir Jüngsten das Sich-Bescheiden allzu radikal auslegten und nur noch kauften, was wir notwendig brauchten. «Gönnt ihr euch auch etwas?», fragte uns Bruder Remigi am Ende eines Monats beim gemeinsamen Blick ins Kassabuch. Die Frage verblüffte: Wir wollten ja möglichst grossherzig teilen! Unser Lehrmeister fügte eine Begründung hinzu: «Grossherzig teilen kann nur, wer auch sich selber etwas gönnt!» Wer das verlerne, gönne bald einmal auch anderen nichts mehr, werde verkrampft und engherzig! «Seid weitherzig auch euch selber gegenüber, denn nur so wird Bescheidenheit nicht eng und lebensfeindlich – und nur so bleibt Solidarität beherzt und befreiend für alle.»

Niklaus Kuster